Über 1.000 Teilnehmer demonstrieren für den Fortbestand des Krankenhauses Obergünzburg

"Die Hoffnung stirbt zuletzt"

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Hoffnungen und Befürchtungen lagen bei der Demonstration am Sonntag nah beieinander. Noch vor Monaten sollte am Obergünzburger Krankenhaus ein Zentrum für Endoprothetik entstehen, jetzt bangen viele Bürger um dessen Fortbestand.

Obergünzburg – An einem Lichter- und Fackelzug von der Pfarrkirche St. Martin zum Krankenhaus beteiligten sich am Sonntag über 1.000 Bewohner überwiegend aus dem Günztal. Sie wollten für den Erhalt der Einrichtung demonstrieren. Dabei mischten sich Hoffnung und Wut auf die Verantwortlichen im Kommunalunternehmen.

Die Menschen wollten mit dem Lichterzug am Sonntag ihrer Verbundenheit zum Krankenhaus in Obergünzburg Ausdruck verleihen und für den Fortbestand des von der Schließung bedrohten Hauses demonstrieren. Als Mitorganisator dankte der Vorsitzende des Fördervereins für das Krankenhaus Obergünzburg, Werner Hofmann, in einer kämpferischen Ansprache allen Teilnehmern für die gezeigte Solidarität und Unterstützung. Er erinnerte an die Beschlüsse, aus dem Krankenhaus ein Zentrum für Endoprothetik im Klinikverbund zu machen, das auch in die benachbarten Regionen ausstrahlen sollte. Die aktuelle Situation beschrieb er als „einen Scherbenhaufen“. 

Er verschwieg in seiner emotionalen Rede nicht seine Befürchtung, dass für das Klinikum Obergünzburg neben dem Krankenhaus in Marktoberdorf bereits bei der nächsten Verwaltungsratssitzung am 18. April die Schließung beschlossen wird. Dass zur Vermeidung von weiteren Defiziten jetzt das Haus in Obergünzburg geschlossen werden soll, bezeichnete er als „schlechten Scherz“, hatte doch gerade dieses Krankenhaus während der vergangenen zehn Jahre in drei Jahren sogar Gewinne, in den anderen sieben Jahren zumindest aber eine „rote Null“ erwirtschaftet. 

Operation vor der Diagnose?

Hofmann beklagte, dass viele Zusagen gegenüber dem Krankenhaus Obergünzburg nicht eingehalten worden seien. Unter anderem wurde die Endoprothetik nicht in der zugesagten Form verlagert, Dr. Hans M. Breitruck als Kapazität in der orthopädischen Chirurgie habe wegen fehlender Unterstützung aus Kaufbeuren nicht für Obergünzburg gewonnen werden können und der Umzug der Geriatrie von Füssen nach Obergünzburg wurde kurzfristig gestoppt. Während bei Patienten die Diagnose vor der Operation zu erfolgen habe, gelte dieses bei Krankenhäusern scheinbar nicht. 

Hofmann monierte, dass das Haus in Obergünzburg nun möglicherweise geschlossen werden soll, obwohl die Qualität der OP-Einrichtungen und der Patientenzimmer deutlich besser sei als in großen Kliniken – namentlich erwähnte er Kaufbeuren und Kempten. Als Ursachen für diese negative Entwicklung nannte Hofmann zwei Gründe: das Versagen der Krankenhausführungen in den letzten Jahren und eine falsche Struktur im Verwaltungsrat. 

Der Doppelspitze im Verwaltungsrat mit dem Landrat des Landkreises Ostallgäu und dem Oberbürgermeister Kaufbeurens bescheinigte er Unfähigkeit in der Zusammenarbeit und eine jeweilige „Kirchturmpolitik“. Er forderte den sofortigen Rücktritt der beiden Vorsitzenden im Verwaltungsrat und eine umfassende Reform des Aufsichtsgremiums. Hofmann mahnte ein klares Konzept für die künftige medizinische Versorgung speziell im Hinblick auf das Günztal an. Eine eventuelle Nachnutzung des Obergünzburger Krankenhauses mit „krankenhausähnlichen Aufgaben“ dürfe nicht als Konkurrenz vom Verwaltungsrat abgelehnt werden. 

Auch forderte der Vorsitzende des Fördervereins erneut Antworten nach der Herkunft der Defizite. Bei einem Gesamtdefizit von dreizehn Millionen Euro taxierte Hofmann einen Anteil von drei Millionen für die beiden – nun möglicherweise zur Schließung anstehenden – Krankenhäuser in Obergünzburg und Marktoberdorf. Hofmann machte deutlich, dass damit nur eine geringe Reduzierung des Gesamtdefizits möglich wäre. Die Politik im Günztal werde sicherlich nicht bereit sein, dieses verbleibende Defizit über eine erhöhte Kreisumlage mit zu finanzieren. Hofmann prognostizierte, die bislang in Obergünzburg behandelten Patienten würden in Zukunft überwiegend nach Ottobeuren tendieren. Das dortige Krankenhaus sei im Notfall schneller zu erreichen, als das in Kaufbeuren. Die Krankenhäuser in Ottobeuren und Kempten stünden bereit, die Patienten des Günztals aufzunehmen. 

Ostwald zeigte sich bewegt

Hofmann erneuerte jedoch auch die Bereitschaft des Fördervereins in Obergünzburg zur Zusammenarbeit mit Verwaltungsrat und Klinikführung. Der neue Klinikvorstand, Dr. Philipp Ostwald, dankte in einer kurzen Ansprache den Organisatoren, dass er die Stimmung bei den Betroffenen kennen lernen durfte. Ostwald zeigte sich bewegt über die tiefe persönliche Verbundenheit der Bewohner mit ihrem Krankenhaus. Er bat um Verständnis, dass er keine Details aus seinem Sanierungskonzept erläutern könne. Vereinzelte Pfiffe erntete er, als er wegen des wirtschaftlichen Drucks um Verständnis warb. Sein Erscheinen wurde von den Teilnehmern überwiegend positiv honoriert. 

Als Verwaltungsrat bedankte sich Bürgermeister Lars Leveringhaus bei den Teilnehmern und den Organisatoren. Er hoffe, dass Ostwald die eindeutige Stimmung in den Bevölkerung habe aufnehmen können. Die Arbeit im Verwaltungsrat beschrieb Leveringhaus als „langjährigen Streit um den richtigen Weg, mit unklaren Informationen und sich ständig verändernden Zahlen“. Von Dr. Ostwald forderte Leveringhaus, dass er sich „mit der gleichen Energie und Kraft für eine positive Fortführung des Klinikunternehmens mit vier oder viereinhalb Standorten“ einsetzen solle „wie für die Schließung von Klinikstandorten“. 

Reform des Verwaltungsrats gefordert

Auch Leveringhaus forderte eine Reform des Verwaltungsrats und mahnte von Ostwald eine positive Unternehmensführung an. Abschließend erbaten die beiden Obergünzburger Pfarrer den geistlichen Beistand für alle Teilnehmer und Verantwortlichen. Es war ein bewegendes Bild, als die Teilnehmer mit den Lichtern vom Krankenhaus wieder hinunter nach Obergünzburg zogen. Während bei einigen vor Beginn des Lichterzugs noch verhaltener Optimismus vorherrschte („Die haben doch nicht zuerst Millionen in die Sanierung gesteckt, um dann das frisch renovierte Haus zuzusperren!“) gab es auch Stimmen, die einem Fortbestand des Krankenhauses keine großen Chancen mehr einräumten („Das ist doch längst beschlossene Sache.“ oder „Es ist traurig, wir stehen wohl jetzt am Ende des hiesigen Krankenhauses.“). 

Als sich die Teilnehmer auf den Rückweg machten, herrschten dann entsprechend überwiegend Fassungslosigkeit und nicht selten auch zornige Wut vor. Der Klinikverbund und die Unvereinbarkeit zwischen Landkreis Ostallgäu und Stadt Kaufbeuren wurden mehrfach als Ursache für die Situation genannt. Tenor: „Die Interessen von Landkreis und Stadt Kaufbeuren sind einfach nicht vereinbar“. von jk

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