Meryl Streep überzeugt als Rockröhre

Kinokritik: "Ricki – Wie Familie so ist"

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Für Rockröhre Ricki (Meryl Streep) bedeutet die Bühne eigentlich alles.

Es gibt Familien, in denen alle Mitglieder in jeder Situation zusammenhalten. Dann gibt es Familien, wo jeder seinen eigenen Weg geht und es gibt Familien, wie die von Ricki. Ganz nach dem Prinzip, Familie ist das, was man draus macht, inszeniert Jonathan Demme ein liebenswertes Familiendrama.

Mit Gefühl vereint der Regisseur schöne und traurige Momente zu einem Mix, der mit einem lebendigen Soundtrack des Lebens untermalt wird. 

Inhalt 

Für die 54-jährige Rocksängerin Ricki Rendazzo (Meryl Streep) zählt einzig und allein die Musik und ihre Band „The Flash“, mit der sie regelmäßig auftritt. Längst vergessen scheint ihre Ehe mit Pete Brummel (Kevin Kline) und das Familienleben mit ihren drei Kindern Julie (Mamie Gummer), Joshua (Sebastian Stan) und Adam (Nick Westrate). 

Während Pete sein Glück mit seiner zweiten Ehefrau Maureen (Audra McDonald) genießt, die für seine Kinder die Mutterrolle übernommen hat, vergnügt sich Ricki mit ihrem Musiker-Kollegen Greg (Rick Springfield). Als Ricki jedoch von ihrem Ex-Mann einen Anruf erhält, wird sie unsanft an die Vergangenheit erinnert. 

Tochter Julie, die nach der Trennung von ihrem Mann eine schwere Zeit durchmacht, bereitet der Familie Sorgen. Kurzentschlossen bricht Ricki nach Indianapolis auf, um ihrer Tochter beizustehen. Doch weder diese noch ihre zwei Brüder sind über die plötzliche Anwesenheit ihrer Mutter erfreut. Und auch Ricki merkt schnell, dass ihre Rolle längst vergeben ist. 

Rezension 

Eine Familie hat es nicht immer einfach. Auch wenn die Problemkonstellationen der Blutsverwandten auf der Kinoleinwand gerne einmal ordentlich überspitzt werden, kennt doch fast jeder Zuschauer die Höhen und Tiefen, die eine Familie gelegentlich überwinden muss. Auch Jonathan Demme besinnt sich mit seinem Drama, nach dem Script des Oscar-ausgezeichneten Drehbuchautoren Diablo Cody, auf die Schattenseiten des Familienlebens. 

Nach ausführlicher Einführung der Titelfigur Ricki Rendazzo, erfrischend euphorisch und ausgelassen gespielt von Meryl Streep, wird schnell die Tragik sichtbar. 

Die dreifache Oscar-Gewinnerin Meryl Streep ist für ihre extravaganten Rollen bekannt. Als tyrannische Hausfrau bereitete sie in „Im August in Osage County“ ihrer Filmfamilie die Hölle auf Erden und als böse Hexe nutze sie in „Into the Woods“ den unerfüllten Kinderwunsch eines Bäckerpaars für ihre Zwecke aus. 

Auch in „Ricki – Wie Familie so ist“ spielt Streep einen Frauentyp, der sich von seinem Umfeld abhebt. Als lebensfrohe Sängerin und Gitarristin genießt sie das Leben, zulasten ihrer Familie, die sie für ihren Traumjob vor langer Zeit aufgegeben hat. Trotz ihrer Engstirnigkeit und ihrem ausgeprägten Egoismus ist Ricki eine Figur, die man binnen kurzer Zeit ins Herz schließt. 

Denn als ihre Tochter an den Folgen ihrer Scheidung zu zerbrechen droht, eilt Ricki ihr zur Hilfe. Und auch wenn die Anwesenheit der leiblichen Mutter anfangs nur schwer akzeptiert werden kann, wächst doch die liebenswerte Patchwork-Familie im Laufe des Films zusammen. Jahrelang verdrängte Gefühle bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche, um endlich ausgesprochen und aufgearbeitet zu werden. 

Die Positionen der Familienmitglieder werden neu gemischt und sortiert, wobei es erneut zu Auseinandersetzungen kommt. Meryl Streep und ihre Tochter „im echten Leben“ Mamie Gummer („Side Effects“) präsentieren sich gemeinsam als ungleiches Mutter-Tochter-Gespann, dessen äußerliche Ähnlichkeit sich nicht leugnen lässt. Im Film als grundsätzlich verschiedene Charaktertypen in Szene gesetzt, zeichnen sich doch nach und nach mehr Gemeinsamkeiten ab, als ursprünglich gedacht. 

Aber nicht nur Ricki und ihre Tochter Julie geraten immer wieder aneinander, auch die Beziehung zur Nachfolgerin Maureen, zauberhaft gespielt von Serien-Darstellerin Audra McDonald (TV-Serie „Private Practice“), steht unter keinem glücklichen Stern. 

Im Kontrast steht die andauernde Freundschaft zu ihrem Ex-Mann Pete, dessen Rolle Kevin Kline („Last Vegas“) mit seiner typisch lockeren Art auszufüllen weiß. Die klischeebehafteten Stereotypen werden durch ihren Charme mehr als befriedigend aufgewertet und lassen kaum negative Schwingungen zu. D

och anders als bei anderen Familiendramen artet der Streit nicht in unermesslichen Peinlichkeiten aus. Demme verzichtet auf geschmacklose Szenen und Situationen, die den Zuschauer zum Fremdschämen anleiten und auch schnulzige Szenen werden bewusst ausgespart. 

Der 71-jährige Regisseur setzt hingegen auf den Charme seiner Figuren, die sich trotz ihrer verletzten Herzen nicht zu herablassenden Aktionen verleiten lassen. Und so fällt der verbale Streit nach einer kurzen Verschnaufpause aller Beteiligten mehr als versöhnlich aus und es gibt ausreichend Sequenzen zum Schmunzeln und Lachen. 

Neben der eher seichten Story kann der Film mit seinen Live-Performances von Meryl Streep sowie Sänger und Gitarrist Ricki Springfield unterhalten. Nicht nur rockige Nummern, sondern auch der eine oder andere ruhige Song findet seine Betrachtung und fügt sich bestens in das Drama ein. 

„Ricki – Wie Familie so ist“ ist somit ein gelungener Film für Jung und Alt, der 120 Minuten entspannte Unterhaltung liefert.

von Sandy Kolbuch


Fakten zum Film:

Originaltitel: Ricki and the Flash 

Land: USA 2015 

FSK: 0 

Regisseur: Jonathan Demme 

Darsteller: Meryl Streep, Kevin Kline, Mamie Gummer, Rick Springfield, Ben Platt, Sebastian Stan u.a.

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