Reform tut immer not

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Gut besucht war die Ausstellungseröffnung „Luther reicht nicht!“ im kunsthaus kaufbeuren.

Kaufbeuren – Unter dem bewusst provokanten Titel „Luther reicht nicht! – Künstlerische Impulse zur ständigen Reform“ eröffnete Kurator Jan T. Wilms kürzlich die jüngste Ausstellung im kunsthaus kaufbeuren.

Natürlich durften dabei Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche nicht fehlen: Pfarrer Thomas Kretschmar erinnerte daran, dass Kaufbeuren ursprünglich eine Lutherische Stadt gewesen und die evangelische Mehrheit erst in den 1920er-Jahren gefallen sei. Er stimmte dem von Wilms zitierten Ausspruch „Ecclesia semper reformanda“ (die Kirche muss ständig weiter reformiert werden) mit einem Bibelwort zu, das sinngemäß besagt, man solle nicht zurückblicken, sondern in die Zukunft schauen. 

Pfarrer Jean-Pierre Barraud aus Elchingen, der nicht nur Kunstbeauftragter im Kirchenkreis Augsburg-Schwaben, sondern auch Mitinitiator der Ende 2015 erstmals im Kreuzgang des Würzburger Domes gezeigten Ausstellung ist, berichtete über die Ursprünge der Ausstellungskonzeption. Dazu hatte einer der Initiatoren, der Aschaffenburger Pfarrer Markus Geißendörfer festgestellt, dass es in der Sprache der Ästhetik von Katholiken und Protestanten keine wesentlichen Unterschiede mehr gebe. In der Kunst sei die Ökumene längst vollzogen. 

Nach den beiden evangelischen Vorrednern „outete“ sich Dr. Johannes Rauchenberger, Direktor von „Kultum“, des Kulturzentrums bei den Minoriten im österreichischen Graz, als Katholik und Leihgeber von etlichen der 17 Exponate, welche die Würzburger Ausstellung in Kaufbeuren ergänzen. So unterstrich er zum einen die von vorn herein ökumenische Ausrichtung des Projekts und zum anderen den Gedanken von Veränderung und Reform auch in der Präsentation selbst durch deren konsequente Weiterentwicklung in Kaufbeuren. 

38 Werke und Werkszyklen von 29 Künstlerinnen und Künstlern zeigt das kunsthaus kaufbeuren in seiner neuen Ausstellung mit höchst unterschiedlicher Arbeiten aus Malerei, Bildhauerei, Fotografie und der Videokunst. Werke junger Künstler stehen neben solchen etablierter Vertreter der Gegenwartskunst. Sie alle verbindet das Anliegen, Glaube und Spiritualität als Thema der bildenden Kunst anhand der zahlreichen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit auf ihre Darstellung hin zu überprüfen und überkommene ikonografische Traditionen und Bildmechanismen zu hinterfragen. So soll auf die Notwendigkeit zur permanenten Weiterentwicklung und Veränderung in der Kunst wie auch im Glauben hingewiesen werden. In den Dialog zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen wurden auch eine Foto-Collage von hebräischen Texten aus einer aus dem Gebrauch genommenen Thorarolle und der 3D-Druck eines Sonagramms des Wortes „Allah“ einbezogen. 

Wie verändert Luther die Welt bis heute? 

Vor fast genau 500 Jahren stellte Martin Luther althergebrachte Denkweisen und religiöse Dogmen in Frage. Ein Ziel der Ausstellung ist es, die Betrachter dafür zu sensibilisieren, wie Luthers Reformation bis heute die komplette Alltagswelt verändert hat. Zwar würden sich – wie kunsthaus-Leiter Wilms ausführte – gegenwärtig viele Menschen von der Kirche abwenden, aber für Kunstschaffende seien die Themen „Glauben“ und „Spiritualität“ nach wie vor existent. 

Da das kunsthaus in der Ausstellung Werke von insgesamt 29 Künstlerinnen und Künstlern zeigt, erhalten die Besucher für die Dauer des Rundgangs einen kleinen Ausstellungsführer zur Verfügung gestellt. Dieser enthält neben einem Lageplan kurze Informationen zu jedem Künstler sowie einen Interpretationsansatz zum gezeigten Werk. Für einige der Werke, vor allem für diejenigen „ohne Titel“, ist das sehr hilfreich bei der manchmal nicht ganz einfach nachvollziehbaren Zuordnung zum Thema der Ausstellung. 

Die Ausstellung ist noch bis zum 22. Mai zu sehen.

von Ingrid Zasche

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