Sommer-Interview: Die Leiterin der Stadtbücherei und ihre Vision von der Bibliothek der Zukunft

Macht Lesen glücklich?

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Carmen Wittmann ist die neue Leiterin der Stadtbücherei Markt­oberdorf.

Marktoberdorf – Seit gut einem Jahr ist Carmen Wittmann die „Neue“. Neu in der Stadt und neu in ihrem Amt als Leiterin der Stadtbücherei Marktoberdorf. Für die junge Frau mit dem offenen Lächeln war nach kurzer Zeit klar, dass sie hier zwischen Bücherregalen, Ausleihtischen und im Miteinander mit den Kunden und Benutzern der Bibliothek ihren Traumjob gefunden hat.

Warum Lesen glücklich, klug und weniger einsam macht, erklärt sie im Gespräch mit dem Kreisbote und im dritten Teil unserer diesjährigen Sommer-Interviews aus Marktoberdorf.

Frau Wittmann, waren Sie eigentlich schon immer eine Leseratte?

Carmen Wittmann: Ja, schon immer. Meine Eltern erzählen, dass ich es bereits als kleines Mädchen nicht abwarten konnte, in die Schule zu kommen, um endlich lesen zu lernen. Danach habe ich Bücher stets stapelweise verschlungen, alle Bände Harry Potter in sechs Wochen Sommerferien zum Beispiel. Ich war auch eine fleißige Büchereibesucherin in meinem Heimatdorf Betzigau. Irgendwann kannte ich dann fast alle Bücher der dortigen Kinderbuchabteilung und machte dann Regal um Regal bei der Erwachsenenliteratur weiter.

Und heute? Haben Sie denn schon in jedes Buch „ihrer“ Bibliothek in Marktoberdorf hineingeguckt?

Carmen Wittmann: Ich komme aktuell viel weniger dazu zu lesen, als es früher der Fall war. Und bei knapp 50.000 verschiedenen Büchern und Medien, die wir in der Stadtbücherei für unsere Benutzer vorhalten, ist es natürlich nicht möglich, jedes Buch an- beziehungsweise durchzulesen. Das überlasse ich gerne unseren Besuchern!

Wie wählen Sie aus, welche Medien zum Bestand neu hinzukommen?

Carmen Wittmann: Mir ist es wichtig, interessante Neuerscheinungen möglichst zeitnah in unseren Regalen anzubieten. Die Auswahl erfolgt nach den gängigen Bestsellerlisten und mithilfe eines Lektoratsdienstes, der mir die entscheidenden Infos zu den entsprechenden Neuerscheinungen liefert. Es sind ungefähr 3.000 neue Medien, die wir im letzten Jahr angeschafft haben, um aktuell und breit aufgestellt zu sein. Ganz nach dem Geschmack unserer Kunden.

Sie haben Bibliotheks- und Informationsmanagement an der Hochschule der Medien in Stuttgart studiert und erfolgreich abgeschlossen. Wie kommt man als junger Mensch darauf, sich im Zeitalter der digitalen Medien den Büchern zu widmen? Ist das nicht manchmal schrecklich trocken?

Carmen Wittmann (lacht): Ganz und gar nicht. Schauen Sie sich um, Bibliotheken sind heute doch keine staubigen Bücherstuben mehr, sondern bunte, lebendige Orte, wo Kontakte mit vielen Menschen entstehen. In diese Welt haben mich meine Eltern eingeführt, die sehr engagiert am Aufbau der Ortsbücherei in Betzigau mitgeholfen haben. Dort habe auch ich meine ersten praktischen Erfahrungen gesammelt. Die Wahl des Studiums war dann, wie sich herausstellte, eine goldrichtige Entscheidung.

Wie war Ihr Start hier als Leiterin der städtischen Bücherei?

Carmen Wittmann: Von Anfang an habe ich mich hier sehr wohl gefühlt. Die Arbeit in und für die Stadtbücherei ist ganz genau meins! Menschen und Bücher zusammenzubringen, hat für mich etwas sehr Lebendiges. Ich finde auch, dass Marktoberdorf einen guten Freizeitwert und kulturell einiges zu bieten hat. Kurzum, ich bin am richtigen Platz gut angekommen.

Die Bibliothek der Zukunft – wie sieht sie für Sie aus?

Carmen Wittmann: Meine Vision von einer Bücherei wie dieser ist, dass sie zu einem Ort der Begegnung wird, wo Veranstaltungen stattfinden und sich die Leute treffen. Die Bibliothek der Zukunft ist kein reiner Aufbewahrungsort für Bücher mehr, sondern hat Aufenthaltsqualität und ein vielfältiges und zeitgemäßes Medienangebot. Dieser Wandel ist bereits in Bewegung, beispielsweise eröffnen wir Ende 2018 unser Lesecafé. Im Spätherbst soll der Umbau losgehen, der es ermöglicht, dass man hier zusammensitzt, einen Cappuccino trinkt und in Zeitschriften oder Magazinen blättert. Allein, zu zweit oder als Gruppe. Das Lesecafé wird auch als Rahmen für verschiedene Veranstaltungsreihen dienen, die dann ebenfalls mit dem neuen Jahr starten. Außerdem werden wir unseren Nutzern noch heuer einen Musikstreamingdienst anbieten können.

Lesen wird immer noch als Kernkompetenz für Lernen und Bildung angesehen. Wie vermittelt man Kindern die Lust am Lesen, ein Schwerpunkt in Ihrem Bibliotheksprogramm?

Carmen Wittmann: Das Thema Leseförderung ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit und liegt mir persönlich sehr am Herzen. Mit unserer Bücherwichtelgruppe und den Bilderbuchkinos führen wir Kinder noch im Kleinkind­alter ganz spielerisch an Bücher heran. So wird die erste Freude am Lesen geweckt und ein Grundstein für spätere Lese- und Sprachkompetenz gelegt. Auch der Ausbau unseres Klassenführungsprogrammes trägt dazu bei. Dabei lernen die Kinder die Bücherei spielerisch kennen, haben dabei viel Spaß und kommen gerne wieder.

Frau Wittmann, macht Lesen eigentlich einsam?

Carmen Wittmann: Nein, im Gegenteil. Ich zitiere da einen Freund, der einmal sagte: Wenn man ein gutes Buch hat, geht man nie allein ins Bett. Ich glaube, dass gerade das Lesen die Welt bunter, vielfältiger und abwechslungsreicher macht.

Macht Lesen denn glücklich?

Carmen Wittmann: Oh, ja. Ich gehe beim Lesen durch alle Emotionen, kann mit meinen Figuren leiden und mich freuen. Und auch Glück erfahren.

Zu guter Letzt, welche Bücher können Sie unseren Lesern als Ferienlektüre empfehlen?

Carmen Wittmann: Allen Kindern von der 3. bis 8. Klasse empfehle ich die Teilnahme am Sommerferienleseclub. Für den Leseclub haben wir aktuell 200 neue Kinder- und Jugendbücher angeschafft, die die angemeldeten Kinder noch bis zum 19. September ausleihen und bewerten können. Mit den Bewertungskarten nehmen sie dann an der Verlosung teil, bei der es auch dieses Jahr wieder tolle Preise zu gewinnen gibt. Eine Anmeldung ist natürlich jederzeit noch möglich. Den Erwachsenen könnte ich als leichte Urlaubslektüre für Liegestuhl oder Strand die Sommer-Liebesgeschichte „Ein Sommer wie Limoneneis“ von Marie Matisek empfehlen. Gut gefällt mir auch der Roman „Das Feld“ von Robert Seethaler. Und für alle, die es gern hoch spannend lieben, gibt es bei uns den Psychothriller „The Woman in the Window“ von A.J. Finn. Natürlich sind alle drei Bücher und viele Empfehlungen mehr bei uns zum Ausleihen vorhanden.

Das Interview führte Angelika Hirschberg


Zur Person:

Carmen Wittmann, Leiterin der Stadtbücherei Marktoberdorf, ist 26 Jahre alt und lebt mit ihrem Partner in Petersthal am Rottachsee. Nach ihrem Studium in Stuttgart und einer Etappe als Leiterin einer Institutsbibliothek an der LMU in München kehrte sie 2017 ins Allgäu zurück. In ihrer Freizeit ist sie gerne in der Natur, geht Reiten, Ski fahren oder Wandern. Gerne würde sie noch mehr Zeit zum Lesen haben.

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