„Das Angebot muss stimmen“

CSU Marktoberdorf diskutiert mit Minister Reichhart über ÖPNV

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Noch ist der ehrenamtlich organisierte Stadtbus die einzige Möglichkeit für die Bürger in Marktoberdorf, an Werktagen im Stadtgebiet mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B zu gelangen. In einer Diskussionsrunde mit Verkehrsminister Hans Reichhart wurden neue Möglichkeiten für den ÖPNV in Markt­oberdorf angedacht.

Marktoberdorf – Der öffentliche Personennahverkehr (­ÖPNV) muss modernisiert werden. Darin sind sich die Stadt, der Landkreis und ihre politischen Vertreter einig. Zur Frage, wie das erfolgreich umgesetzt werden kann, sprach und diskutierte vergangenen Mittwochabend einem bayerische Staatsminister.

Dr. Hans Reichhart, Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr war zu dieser Diskussion in Marktoberdorf zu Gast.

Er war der Einladung der CSU-Ortsverbände Markt­oberdorf und Leuterschach ins Café Greinwald gefolgt.

Am Ende des Abends stand die Erkenntnis, dass viele Wege nach Rom (beziehungsweise zu einem funktionierenden ÖPNV) führen und mindestens ebenso viele Herausforderungen bis dorthin warten. Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell machte zu Beginn deutlich, dass das Ziel zwar ein umweltgerechter, barrierefreier, finanzierbarer und flexibler ÖPNV sei. „Wir starten derzeit aber quasi bei Null“, so das Stadtoberhaupt. 2004 sei ein städtischer Linienbus mangels Akzeptanz und überbordender Kosten gescheitert. Aktuell verkehrt lediglich ein ehrenamtlich organisierter Stadtbus durch die Kernstadt. Für die ländlich geprägte Kreisstadt mit ihren Ortsteilen müsse nun ein bedarfsgerechtes öffentliches Verkehrskonzept her.

„Wir versuchen, alles möglich zu machen“

Auch das bayerische Verkehrsministerium, sagte Minister Reichhart zu, wolle den Nahverkehr im ländlichen Raum voranbringen. Dazu habe es eine Vielzahl an Fördertöpfen aufgemacht, die insbesondere die flexiblen Bedienformen, wie Rufbus und Anrufsammeltaxis, unterstützten. Man sei aber auch offen für neue Ideen und Experimente. „Wir versuchen, alles möglich zu machen“, bescheinigte der Minister auf Nachfrage. „Erstellen Sie ein Konzept, nehmen Sie den Landkreis mit ins Boot und kommen Sie wieder auf mich zu!“

Problematisch für Marktoberdorf ist seine weitläufige Struktur. Das Gemeindegebiet mit seinen 18.700 Einwohnern erstreckt sich auf eine Fläche von 95 Quadratkilometer. Ein Drittel der Marktoberdorfer wohnt in den dörflichen Ortsteilen. Aktuell hat die Stadt Marktoberdorf ein Anforderungsprofil an einen alltagstauglichen ÖPNV erstellt und die regionalen Verkehrsgesellschaften um einen Konzeptvorschlag gebeten. Dieser soll bis Ende März vorliegen. Gefordert sei eine bessere Verbindung von Kernstadt und Ortsteilen, eine flexible Taktung, die Verfügbarkeit an 365 Tagen im Jahr, Barrierefreiheit und vertretbar kurze Wege zur nächsten Haltestelle. Außerdem soll das für Marktoberdorf entwickelte Konzept förderfähig sein, so dass sich die erwarteten finanziellen Defizite für die Stadt „in überschaubaren Grenzen halten“, wie der Bürgermeister sagte.

Förderungen für Rufbussystem

Hell setzte sich dabei deutlich für die Einführung eines flexiblen Rufbussystems ein, wie es beispielsweise im Unterallgäu die Kreisstadt Mindelheim eingeführt hat. Unterstützung fand der Bürgermeister in Waltraud Joa, der Behindertenbeauftragten des Landkreises und der Stadt Marktoberdorf, die von ihrer „Testfahrt“ mit dem so genannten Flexibus in Mindelheim berichtete und diese Art der individuellen Beförderung in höchsten Tönen lobte. Der Verkehrsminister bestätigte, dass der Freistaat im Bereich der Rufbussysteme großzügige Förderungen bereithalte. Er sicherte 65 Prozent der Kosten für die ersten fünf Jahre, danach eine Dauerförderung von 35 Prozent zu.

Warum die Nutzung des ­ÖPNV nicht für alle kostenlos sein könne, schlug ein Zuhörer vor und wandte sich damit an den Minister. Damit könne ein zusätzlicher Anreiz für Bus und Bahn geschaffen werden. Diesen Vorschlag wehrte Reichhart jedoch ab. Er empfahl vielmehr in ein bedarfsgerechtes, flexibles Angebot zu investieren, das tatsächlich von den Bürgern genutzt werde. „Das Angebot muss stimmen, dann spricht auch nichts gegen einen vernünftigen Tarif.“ Auch Bürgermeister Hell mahnte, dass Qualität ihren Preis habe. In Günzburg, wo der Flexibus seit 2009 für einen Fahrpreis ab 2,20 Euro (Normaltarif) unterwegs ist, steigen jedes Jahr mittlerweile rund 150.000 Fahrgäste zu. Ein Modell, das Schule macht. So sieht es jedenfalls der Bürgermeister: „Die Einführung eines solchen Systems würde für Marktoberdorf und seine Ortsteile einen wesentlichen Fortschritt bedeuten.“

Einen kurzen Ausblick in die Zukunft der Mobilität gab am Ende der Veranstaltung Professor Stefan-Alexander Schneider, Leiter des Lehrgebiets Fahrassistenzsysteme und Autonomes Fahren an der Hochschule Kempten. Er sagte die Fahrten eines autonomen Busses im Stadtgebiet Kempten oder im – dann autolosen – Höhental nach Balderschwang voraus. „Das und viel mehr wird bald möglich sein“, sagte er.

Angelika Hirschberg

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