Wie Tourismus und Einzelhandel voneinander profitieren – Philipp Heidrich im Kreisbote-Gespräch

"Marktoberdorf ist Einkaufsstadt"

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Stadtmanager Philipp Heidrich in seinem Büro. Die Fähnchen auf dem Plan der Innenstadt markieren leere Geschäfte oder Büros. „Es werden immer weniger.“

Marktoberdorf – Seit über drei Jahren hat sich Philipp Heidrich der großen und kleinen Sorgen der Stadt als „Projektmanager Innenstadt“ angenommen.

Er weiß um die Kaufkraft ihrer Bürger, die Nöte der Einzelhändler und kümmert sich um Businesspläne, Fassadenverschönerung und Franchisepartner. Im Januar hat er nun den Job als Leiter der Abteilung für Stadtmarketing, Tourismus und Wirtschaftsförderung in Vollzeit angetreten. Im Gespräch mit dem Kreisbote entwirft er die Chancen Marktoberdorfs als Einkaufsstadt, Übernachtungs- und Ausflugsziel für Besucher aus dem Umland und aus aller Welt.

Was wäre Marktoberdorf heute ohne Sie, Herr Heidrich?

Philipp Heidrich: Eine idyllische Stadt am Fuße der Alpen mit netten, „g‘schäftigen“ Leuten. Die positiven Entwicklungen in der Innenstadt sind wesentlich dem Willen und dem Engagement der Stadtverwaltung, des Bürgermeisters und des Stadtrats zur Erneuerung und Belebung der Stadt mit all ihren Stadtteilen geschuldet. Und vor allem allen Bürgerinnen und Bürgern, die sich für ein Engagement in der Stadt entscheiden.

Und dort hat es die letzten Jahre positive Entwicklungen gegeben?

Philipp Heidrich: Ganz ohne Frage. Wenn wir in den letzten Jahren nichts für die Stadtentwicklung getan hätten, hätten wir heute vielleicht 50 leer stehende Gewerbeobjekte in der Innenstadt und nicht nur 15. Dann wäre ein Fassadenförderprogramm nicht so erfolgreich und hätte die Stadt in den letzten drei Jahren nicht ansprechender und umsatzstärker gemacht. Dann hätte sich auch diese Eigendynamik nicht entwickelt, dass viele Objekte auch ohne Zutun und Mithilfe der Stadt erfolgreich vermietet werden können.

Sie sind nicht nur für die hiesigen Immobilienbesitzer Ansprechpartner, sondern auch in großem Maße für Unternehmen oder junge Gründer, die Büro- oder Verkaufsfläche im Stadtgebiet suchen.

Philipp Heidrich: Das stimmt. Wir helfen, wenn wir gefragt werden. So berate ich regelmäßig Existenzgründer, die im Übrigen nicht zwangsläufig jung sein müssen, und helfe ihnen bei der formalen Umsetzung ihrer Idee. Denn es ist auch ein besonderes Anliegen der Stadt, dass ihre Unternehmen Erfolg haben. Jüngstes, außergewöhnliches Beispiel für eine Geschäftsansiedlung ist ein Uhren-Café an der Ecke Salz- und Meichelbeckstraße. Und so wenig das vielleicht von außen erwartet wurde: das Geschäft mit reparaturbedürftigen Uhren brummt.

Was ist das größte Problem, um dem Leerstand der Innenstadt entgegenzuwirken?

Philipp Heidrich: Landauf, landab besteht die Gefahr, dass die Innenstädte ausbluten. Marktoberdorf widersetzt sich erfolgreich dem Trend. Unser großes Problem ist, dass wir die Nachfrage nicht befriedigen können. Das heißt, auf meinem Tisch liegen Anfragen von Filialisten, die Verkaufsflächen für insgesamt 12.000 Quadratmeter suchen. Im Vergleich dazu wirken die aktuell frei stehenden 3.000 Quadratmeter gering. Allerdings muss man wissen, dass hochwertige Filialisten und Einzelhändler Flächen bis 80 m² oder ab 600 m² sowie eine ganze Reihe Parkplätze nachfragen. Diesem Bedarf können wir aktuell leider nicht genügen, da unsere freien Objekte meist zwischen 80 und 300 m² groß sind und zum Großteil als Büros genutzt wurden. Insgesamt ist es natürlich erfreulich, dass unsere Stadt mit einem Einzugsgebiet von immerhin rund 60.000 einkaufsfreudigen Menschen von großen Ketten und Filialisten wahrgenommen wird.

Ist die Stadt damit aus der Pflicht entlassen?

Philipp Heidrich: Nein. Leerstandsmanagement ist eine nie endende Aufgabe. Ein weiteres Thema ist auch der Fachkräftemangel. Allein aus diesem Grund musste beispielsweise eine Blumenhandlung vor Ort schließen, andere müssen ihre Öffnungszeiten einschränken. Mehr verfügbare Fachkräfte würden auch die Ansiedlung von Filialisten erleichtern. Gerade in diesem Punkt steht auch die Stadt in der Pflicht. Wir wollen Marktoberdorf weiterhin für Zuzug interessant und lebenswert präsentieren, so dass sich Fachkräfte bewusst in der Kreisstadt niederlassen. Glücklicherweise profitieren wir auch vom guten Image des Allgäus und verzeichnen so seit 2015 wieder steigende Einwohnerzahlen.

Das macht aus Marktoberdorf noch keine Einkaufsstadt.

Philipp Heidrich: Marktoberdorf ist bereits eine Einkaufsstadt. Unser Einzelhandelsgutachten bestätigt der Kreisstadt einen Einkaufszentralitätswert (auch Einzelhandelszentralität genannt) von 128 Prozent. Das ist für uns richtig gut, weil Werte über 100 Prozent auf eine Anziehungskraft der Stadt hinweisen, die sie auf ihr Umland ausübt. Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft von Marktoberdorf liegt aktuell bei circa 134 Millionen Euro im Jahr.

Das klingt nach viel Potential. Gibt es darüber hinaus Ziele, wie Sie die Entwicklung Marktoberdorfs hin zur Einkaufsstadt noch befeuern wollen?

Philipp Heidrich: Ich wünsche mir darüber hinaus eine bessere Verknüpfung von Einzelhandel und Tourismus. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass jeder Übernachtungsgast eines Hotels pro Nacht durchschnittlich rund 124 Euro (im Raum Allgäu/Schwaben) an Ort und Stelle lässt. Das bedeutet für uns, dass vergangenes Jahr der Tourismus bereits rund 10 Millionen Euro nach Marktoberdorf gebracht hat. Nun haben wir seit August 2018 ein neues Hotel vor Ort, ein zweites, das gerade renoviert wird und weitere in Planung. Deshalb haben wir gemeinsam mit dem Aktionskreis vor, die Zusammenarbeit mit der gesamten Hotellerie vor Ort zu vertiefen: mit Präsentation der Angebote des Einzelhandels in den Hotels sowie Hinweise auf Veranstaltungen. Außerdem soll ein Einkaufsflyer, ähnlich der Broschüre „Kulinarisches Marktoberdorf“, bei Hotel- und Tagesgästen Lust auf Shopping in der Kreisstadt machen.

Das heißt, da ist noch Luft nach oben?

Philipp Heidrich: Ich denke, ja. Natürlich muss man mit Prognosen aufpassen, aber die aktuelle Entwicklung kann positiv bewertet und die Wertschöpfung noch ausgebaut werden. Da ist für alle Geschäftstreibenden vor Ort tatsächlich noch Entwicklungspotential.

Von Angelika Hirschberg

Marketing: „Haben noch Potenzial“ – Stimmen aus dem Stadtrat nach dem Bericht des Wirtschaftsförderers

„Wir haben noch Potenzial und müssen auch trommeln.“ Diese Ansicht vertrat Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell in einer Diskussion, die auf den ausführlichen Bericht des Wirtschaftsförderers Philipp Heidrich im Stadtrat folgte. Siehe dazu auch unser Interview. Wir fassen einige Stimmen und Meinungen zusammen.

Leerstand

Man dürfe sich keine Illusionen machen, meinte Rathauschef Hell. Zwar sei der Leerstand bei den Geschäften in den letzten Jahren halbiert worden. „Aber der Leerstand wächst auch“.

Social Media

Wie denn die Aktivitäten des Stadtmarketings in den Social Media wie Facebook oder Instagram abgebildet werden, wollte Vroni Diepolder (CSU) wissen. Das sei kein einfaches Thema, bekannte Heidrich. Wenn da was eingetragen werde, dann müsse es immer spannend sein und schnell geschehen. Nichts sei schlimmer als eine unbeantwortete Anfrage. Er würde das Posten auf Social Media-Kanälen „supergern“ machen. Doch dann bräuchte man weit mehr als ein dreiköpfiges Team für Stadtmarketing, Tourismus und Wirtschaftsförderung.

Spannungsverhältnis

Die Stadtverwaltung stünde bei den Social Media in einem gewissen Spannungsverhältnis, ergänzte Rupert Filser von der Hauptverwaltung. Dem aktuellen Trend stünde der Zeitaufwand fürs Posten entgegen.

„Altmodisch“

Wenn die Stadt Marktoberdorf auf Facebook präsent sein wolle, bedeute dies ein ständiges Posten und Beantworten von Anfragen. „I bin da mittlerweile altmodisch geworden“, bekannte Bürgermeister Hell. Er setze weiter auf Bürgersprechstunden und auf Zuschriften per Mail.

Einkauf der Hotelgäste

Dazu, wie sich das Hotel Weitblick auf das Einkaufsverhalten in Marktoberdorf und auf Besucherzahlen bei Veranstaltungen im Modeon auswirke, fragte Christian Vávra (Grüne) nach. Wirtschaftsförderer Heidrich erklärte, die Hotelgäste würden sich schon jetzt durchaus im Einkauf in Marktoberdorfer Geschäften bemerkbar machen. Aber konkrete Zahlen gebe es erst nach einem vollen Jahr.

Taschen „genial“

Die Taschen für Neubürger seien „genial“. Dieses Lob kam während der Diskussion zum Bericht Heidrichs von Stadtrat Walter Breiner.

Gründerbetreuung

Ob es bei der Betreuung von Existenzgründern auch Unterstützung von Seiten des Landratsamtes gebe, wollte Werner Moll (Stadtteile aktiv) in Erfahrung bringen. Bürgermeister Hell merkte dazu an, für kleinere Betriebe sei von Haus aus die Stadt der Ansprechpartner. Da laufe das meiste über das Rathaus und nur wenig über das Landratsamt, das eher bei größeren regionalen Projekten kontaktiert werde.

Angebot und Nachfrage

Mit dem Satz „Angebot und Nachfrage passen bei uns momentan nicht zusammen“, kam Wirtschaftsförderer Heidrich auf die Leerstände zu sprechen. Nicht jeder Gründer sei für Marktoberdorf geeignet – und andersherum sei es genauso, sagte der neue Abteilungsleiter. Damit meinte er u.a. die gewünschten Größen für ein Geschäft, die mit den Leerständen nicht in Einklang gebracht werden könnten.

Von Johannes Jais

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