Mit nicht einmal sechs Jahren im Konzentrationslager vergast

Zum Gedenken an Gabi

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Regisseur Leo Hiemer mit Zeitzeugin Resi Baumann, der Tochter der Familie Aichele.

Marktoberdorf – Ein tief berührendes Stück Geschichte wurde für die Gäste der Gedenkveranstaltung für Gabriele Schwarz (*24.5.1937, † 16.3.1943) in Marktoberdorf noch einmal lebendig. Das kurze Leben von Gabi erzählt von unvorstellbaren menschlichen Abgründen, die in der Zeit des Nationalsozialismus grausame Realität annahmen.

Mit nicht einmal sechs Jahren wurde die gebürtige Marktoberdorferin in Auschwitz umgebracht. Anhand von Bildern und Dokumenten zeichnete vergangene Woche der Kaufbeurer Autor und Regisseur Leo Hiemer im Rahmen eine Gedenkveranstaltung im Rathaus Marktoberdorf den Lebensweg von Gabi nach.

Gabis Mutter, die verwitwete Jüdin Charlotte „Lotte“ Eckart, Atemlehrerin in Liechtenstein – und zuvor auch in Bad Wörishofen – kam 1937 hochschwanger nach Marktoberdorf, wo sie selbst und ihre Tochter Gabi katholisch getauft wurden.

Rosalia Häringer, die bei Lottes Eltern in Augsburg als Köchin gearbeitet hatte, vermittelte Gabi als Pflegekind auf den Aichele-Hof nach Stiefenhofen, wo Rosalias Schwester Therese mit ihrem Mann Josef lebte. Gabi fand dort ein warmes Zuhause. Um sich als Jüdin kenntlich zu machen, musste sie den zweiten Vornamen „Sara“ annehmen.

1941 wurde Lotte verhaftet und 1942 im Konzentrationslager umgebracht. Dann wurden die Behörden auch auf Gabi aufmerksam und ihr junges Leben nimmt einen dramatischen Verlauf: 1943 wird sie in das „Sammellager Berg am Laim“ nach München gebracht. Alle Bemühungen der Aicheles und des engagierten Dorflehrers Johann Pletzer sie zurückzubekommen, blieben erfolglos. Die Gestapo drohte den Aicheles, bei weiterem Widerstand gegen die Staatsgewalt auch ihnen das Leben zu nehmen. Mit den Worten „betet für mich, ich bete für euch“ nahm Gabi Abschied von ihrer Pflegefamilie. Drei Tage war sie ohne Nahrung und Wasser im Güterwagen einge­pfercht. In Auschwitz wurde sie in der Gaskammer ermordet. Auf der Einwohnermeldekartei in München ist angegeben: Gabi sei „mit unbekanntem Ziel verzogen“.

„Überwältigt“ war Dr. Wolfgang Hell, Erster Bürgermeister von Marktoberdorf, von dem zahlreichen Erscheinen der Besucher. 80 Jahre wäre Gabi an diesem Tag der Gedenkveranstaltung geworden. Sie hätte die „Chance auf ein Leben“ gehabt, so Hell, und würde vielleicht noch heute in Marktoberdorf leben und hätte Enkel, doch in dem „menschenverachtenden System“ des Nationalsozialismus hätte es keinen Platz für sie gegeben. „Mord aus Rassenwahn“ werde es geben, solange es Menschen gibt. Jene „Tötungsmaschinerie“ sei der Höhepunkt eines solchen Wahns, die Welt sei seither aber „nicht besser“ geworden. Immer wieder sehe man Akte des Terrorismus im Namen verschiedener Ideologien, registriere das aber nur am Rande und gehe „abgestumpft zur Tagesordnung über“. Die Biografie des Mädchens Gabi „geht einem nahe“; sie sei greifbar, hat ein Gesicht, so Hell.

Auf den von Hiemer gezeigten Fotos ist sie das Mädchen, das „einen so nett anlächelt“. Hiemer, dessen Mutter Gabi selbst kannte, hat in Anlehnung an Gabis Geschichte den preisgekrönten Film „Leni...muß fort“ (1993) geschaffen. In seiner intensiven Recherche hat er dazu mit Zeitzeugen gesprochen, damit die Geschichte, von der laut Hiemer „niemand hören wollte“, die vielen unangenehm ist, Gehör findet. Das Publikum, das den Film zu sehen bekommt, zum Beispiel Schulklassen, sei immer wieder berührt, so die Erfahrung des Filmemachers.

„40 Jahre wurde über Gabi geschwiegen“, so Hiemer am Ende seiner Ausführungen. Es gab einen medienwirksamen Streit um eine Gedenktafel für Gabi. Heute gibt es eine in Oberstaufen und ein Glasfenster zu ihrem Gedenken in der Stiefenhofener Pestkapelle.

Für 2018 sei laut Stadtarchivarin und Museumsleiterin Josephine Berger eine Wanderausstellung zu diesem Thema geplant. Auch ein Mitmachprojekt „Jahrgang 1937“ wird es geben: Alle, die in diesem Jahr geboren sind, sollen dazu die Lebensstationen Gabis nachempfinden, so Historikerin Dr. Karin Pohl. Es soll an „Rechtsstaatlichkeit und Freiheit als Bedingungen“ erinnert werden; Bedingungen, die „nicht selbstverständlich sind und erkämpft werden müssen“.

Die städtische Musikschule Marktoberdorf begleitete die Veranstaltung mit Soloeinlagen an der Gitarre und Gesang. In Gedenken an Gabis 80. Geburtstag wurden am Ende des Abends 80 weiße Rosen an die Anwesenden verteilt.

von Mahi Kola

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