Sorge um Ganztagsangebote

Marktoberdorf: Jugendhilfeausschuss empfiehlt Kreistag Ostallgäu Kindertagespflegesatz zu senken

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Symbolbild

Marktoberdorf – Am vergangenen Freitag begrüßte Landrätin Maria Rita Zinnecker zu einem „sehr wichtigen Ausschuss“. Damit meinte sie den ersten Jugendhilfeausschuss der aktuellen, neuen Wahlperiode.

Das Gremium wurde über die Arbeit des Jugendamts, den Haushalt des laufenden Jahres, die kommunale Jugendarbeit und die Aufgaben und Situation der Kindertagesbetreuung informiert. Dabei beschlossen die Kreisräte, dem Kreistag die Empfehlung abzugeben, den Kindertagespflegesatz zu senken.

Um einen einheitlichen Geschäftsgang aller Ausschüsse des Kreistages zu gewährleisten, empfahl Petra Mayer, Leiterin des Jugendamts Ostallgäu, wie bisher die Geschäftsordnung des Kreistages auch für den Jugendhilfeausschuss zu übernehmen. Das Gremium beschloss dies einstimmig. Darüber hinaus ermächtigten sie die Landrätin zum Abschluss von Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsvereinbarungen mit Leistungserbringern der Jugendhilfe. Ausschlaggebend war eine Rüge des kommunalen Prüfungsverbands, wovon Mayer berichtete. Der Abschluss von Vereinbarungen sei keine laufende Angelegenheit der Verwaltung und grundsätzlich liege die Zuständigkeit beim Jugendhilfeausschuss. Da es sich jedoch häufig um Anträge handle, die zeitnah bestätigt werden müssen, und aufgrund der großen Anzahl mache es keinen Sinn, diese in den Ausschusssitzungen zu behandeln. Zinnecker wird deshalb zukünftig in Vertretung der Verwaltung die Vereinbarungen unterschreiben.

Jugendhilfe

Einen Überblick der Aufgaben des Jugendamtes, den Haushalt 2020 und Informationen zu aktuellen Entwicklungen folgten. Die bedarfsgerechte Erfüllung der umfangreichen Aufgaben der Jugendhilfe erfordere nicht nur die entsprechenden personellen und finanziellen Ressourcen auf Seiten des Landkreises, sondern auch eine fachlich qualifizierte Jugendhilfeplanung. Aktuell sind im Jugendamt 60 Fachkräfte aus dem Bereich der Sozialpädagogik wie auch der Verwaltung tätig, so die Jugendamtsleiterin. Der Zuschussbedarf des Haushaltes des Jugendamtes liegt für 2020 bei 11,8 Millionen Euro. Damit verdoppelte sich der Bedarf in den vergangenen zehn Jahren. Was vor allem daran liege, dass die Kosten steigen und die Fälle immer komplexer werden. Auffällig seien die zunehmenden psychischen Belastungen bei Kindern wie auch Eltern. Als sig­nifikantes Beispiel für die Kostensteigerung bei Leistungserbringern nannte Mayer die Entwicklung der Tagessätze in heilpädagogischen Einrichtungen Südbayerns. 2019 lagen die Kosten einer Heimerziehung pro Tag bei durchschnittlich 180 Euro. „Die Anzahl der Unterbringungen steigt nicht unbedingt, aber die Kosten“, erklärte sie.

Hohe Personalkosten

Rund drei Millionen Euro des Haushalts seien wiederum für Personalkosten nötig. Einen zusätzlichen Personalaufwand habe das Amt durch 14 unbegleitete Minderjährige, deren Vormundschaften und Hilfeplanungen im Sozialdienst Mitarbeiter übernehmen müssen. Eine Herausforderung seien die Problemstellungen in Familien mit Migrationshintergrund. „Die haben zum Teil traumatische Erlebnisse hinter sich oder bringen Beeinträchtigungen mit. Aber sie haben auch andere Erziehungsmethoden und -vorstellungen, deren Umsetzung in Deutschland nicht zulässig sind.“ Das seien weitere Zielgruppen und ein großes Aufgabenfeld, das hinzukomme, sagte Mayer.

Die Corona-Pandemie stelle auch die Jugendhilfe vor besondere Herausforderungen, deren Folgen für die Kinder und Familien und deren finanzielle Auswirkungen auf den Landkreis aktuell noch schwer abschätzbar seien und einen steigenden Unterstützungsbedarf gibt es auch im System Schule, schloss Mayer ihren Bericht. Letzteres bestätigten Alexander Spitschan, Vorsitzender des Kreisjugendring Ostallgäu (KJR) und dessen Geschäftsführer Erich Nieberle bei einer Vorstellung der Aufgaben, aktuellen Projekte und Themenschwerpunkte der kommunalen Jugendarbeit als Teil des Jugendamts sowie des KJR.

Sorge wegen Ganztagsbetreuung

Das Coronakrisenmanagement erforderte vollen Einsatz in der Notbetreuung an Schulen, sagte Nieberle. „Große Sorgen machen uns die Planungen der Ganztagsangebote für das kommende Schuljahr. Einige Gruppen werden wir wohl nicht zusammenbringen, weil es große Probleme dabei gibt, die Schüler und vor allem ihre Eltern, die ihre Kinder jetzt anmelden müssen, zu erreichen“, erklärte er. Das beunruhige Ilona Deckwerth (SPD) ebenfalls. Sie forderte, dass der Landkreis eine Fortsetzung der Ganztagsbetreuung gewährleisten solle, indem zum Beispiel Fristen verlängert und die Mindestgröße für die Gruppen herabgesetzt werden. „Die Kinder sind ja weiterhin da, die diese Betreuung benötigen“, sagte sie. 

Außerdem würden sonst eingearbeitete Fachkräfte eventuell verloren gehen. Jedoch, warf die Landrätin ein, fehlen dafür die Kompetenzen und Möglichkeiten. Stefan Mohr, Abteilungsleiter Soziales bestätigte das: „Die Gruppen gehören nicht zur Jugendhilfearbeit des Landkreises , sondern werden vom Staat finanziert.“ „Fristen gibt es, aber die Regierung signalisierte bereits, dass auch bis September noch Meldungen angenommen werden können“, so Nieberle. Von Lockerungen bei den Fristen und Größen sei auszugehen.

Kinderbetreuung im Ostallgäu

Die Leiterin der Arbeitsgruppe Kindertagesbetreuung, Sabine Brems, informierte das Gremium über die Betreuungslandschaft im Ostallgäu, stellte ihre Aufgaben und die aktuelle Situation dar. 92 Kindertagesstätten, zehn Krippen und sieben Horte gibt es im Landkreis. Insgesamt sind es bis zum September dieses Jahres rund 6.500 Plätze. Mehr Plätze sind notwendig. „Eine hohe Geburtenrate, wie sie der Landkreis hat, heißt auch, dass es einen höheren Betreuungsbedarf gibt“, so Zinnecker. Besondere Herausforderungen kamen durch die Coronakrise. So mussten Brems und ihre Mitarbeiter zum Beispiel den Anspruch auf Notbetreuung prüfen, wobei es bei der Systemrelevanz der Elternberufe „viel Auslegungsbedürfnisse“ gab. Auch förderrechtliche Auswirkungen, nicht nur für die Notbetreuung, habe die Pandemie.

Beitragssenkung empfehlen

Aufgabe des Landkreises ist ebenfalls die Tagespflege von Kindern. Irene Strobl, Sachbearbeiterin im Jugendamt, berichtete, dass dringend Tagesmütter und gerne auch Tagesväter gesucht werden. Denn die Kinderkrippen seien „mehr als ausgelastet“. Auch um die Tagespflege attraktiver zu machen, bestehe der Wunsch, die Kindertagespflegesatzung zu ändern. Durch diverse Erhöhungen der staatlichen Förderung wurde der Beitrag höher als die durchschnittliche Krippengebühr im Landkreis. Im Hinblick auf die Erfüllung des Rechtsanspruchs ab dem ersten Lebensjahr sollte die Tagespflege daher verstärkt ausgebaut und durch eine Senkung des Beitrags attraktiver werden. Der Ausschuss beschloss deshalb, dem Kreistag Ostallgäu zu empfehlen, die Satzung über Förderung in Kindertagespflege im Landkreis neu zu erlassen und somit den Kostenbeitrag um ein Drittel herabzusetzen.

Selma Höfer

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