Der polnische Grabstein, den ein Zwangsarbeiter schuf, wird restauriert

Würdiger Platz für stummen Zeitzeugen

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Dieses Grabmal, das ein polnischer Zwangsarbeiter geschaffen hat, wird vom Steinmetz bearbeitet und kommt in die Gedenkstätte auf dem Schlossbergfriedhof.

Marktoberdorf – Auf dem Schlossbergfriedhof in Marktoberdorf wurden während des Zweiten Weltkrieges sieben polnische und russische Kriegstote bestattet. Es handelt sich um Kriegsgefangene beziehungsweise um Zwangsarbeiter. Daran erinnert eine Gedenkstätte, die seit 1975 besteht. Das Grabfeld musste jedoch wegen Fundamentarbeiten an der maroden Stützmauer zur Hangsicherung aufgegeben werden. Doch wird die Gedenkstätte neu angelegt.

Die bronzene Gedenktafel ist derzeit in sicherer Verwahrung, informierte Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell. Er möchte die Gedenkstätte für die in Markt­oberdorf verstorbenen Kriegsgefangenen beziehungsweise Zwangsarbeiter neu konzipieren. Dazu will er einen noch vorhandenen Grabstein eines Kriegsgefangenen einsetzen, den ein Zwangsarbeiter geschaffen hat, als sein polnischer Freund mit 17 Jahren in Marktoberdorf verstarb. Das geschah 1941, also während des Zweiten Weltkrieges.

Was die Gestaltung der Gedenkstätte angeht, habe er bereits mit Stadtpfarrer Oliver Rid gesprochen, sagte der Bürgermeister zum aktuellen Stand. Der örtliche Steinmetz habe den Auftrag, einen Vorschlag für die Gestaltung der Gedenkstätte auszuarbeiten, die ihren Platz wieder im Friedhof auf dem Schlossberg findet. Als nächsten Schritt wolle er dann Zuschussmöglichkeiten, unter anderem über die Kriegsgräberfürsorge, klären.

Mit diesen Erläuterungen beantwortete der Rathauschef eine Anfrage von Stadtrat Christian Vávra (Grüne). Der hatte sich nach der Gedenktafel erkundigt, wo die Namen der Zwangsarbeiter aufgelistet sind. Zu dieser Auskunft von Dr. Hell merkte Vávra abschließend an: „Das hört sich gut an“.

Grabmal für einen Freund

Dazu schilderte Bürgermeister Hell gegenüber dem Kreisbote diese Geschichte, die ihm in der Kindheit schon seine Mutter erzählt hatte. Demnach verstarb im Jahr 1941 im Alter von 17 Jahren der polnische Kriegsgefangene Jan Niedziela. Sein Kamerad Josef Pusch, ebenfalls ein junger Pole und als Zwangsarbeiter beim örtlichen Steinmetzbetrieb eingesetzt, schuf für den verstorbenen Freund aus Beton ein Grabmal in Form eines Sarkophages mit der liegenden Form. Die Figur stellt wohl einen Jüngling dar; er war in Polen damals häufiger gebrauchtes Motiv des Todesengels.

Der Grabstein lag viele Jahrzehnte unbeachtet an unterschiedlichen Stellen auf dem Schlossbergfriedhof und hat dementsprechend gelitten. Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass er noch existiert. Bürgermeister Hell hatte vor zwei bis drei Jahren den örtlichen Steinmetz beauftragt, diesen Stein zu bergen, reinigen, konservieren und sicher aufzubewahren. „Nun haben wir Gelegenheit, wenige Meter neben der ursprünglichen Gedenkstätte an der restaurierten Mauer neben der Pfarrkirche unter Verwendung dieses Grabsteines ein angemessenes Denkmal zu errichten“, freute sich der Bürgermeister.

Die Realisierung dieses Projektes liegt Hell am Herzen. Unabhängig von der Tatsache, dass im damals nationalsozialistischen und durch Rassenideologie geprägten Deutschland eine derartige Bestattung eines polnischen Kriegsgefangenen auf dem Schlossbergfriedhof möglich war, verkörpere dieser Grabstein eine ganz besondere Geschichte tragischer Schicksale und Freundschaft. Bürgermeister Hell fasste es in diese Worte: „Der Stein ist für mich ein Zeitzeuge, er scheint förmlich zu sprechen, er macht die damaligen Personen in gewisser Weise lebendig!“

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