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Die Ortsgruppe des Alpenvereins ist 100 Jahre alt und lädt am 3. September zum großen Fest

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Von: Michael Dürr

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DAV Marktoberdorf 2022: Marlies Wagner, Vorsitzender Wendelin Stitzinger (re.) und Franz Cech  zeigen, historische Gerätschaften.
Marlies Wagner, Vorsitzender Wendelin Stitzinger (re.) und Franz Cech vom Marktoberdorfer Alpenverein zeigen, mit welchen Gerätschaften die Bergler in den Nachkriegsjahren den Alpen zu Leibe rückten: Mit riesigen, unhandlichen Rucksäcken, mit mehr oder weniger stumpfen Felshaken und Eispickeln. © Dürr

Marktoberdorf – Der mitgliederstärkste der über 200 Vereine in Marktoberdorf ist… natürlich der TSV, oder? Nein? Dann ist es sicherlich der Skiclub? Wieder falsch? Tatsächlich ist es die Ortsgruppe des Alpenvereins, in deren Mitgliederlisten über 3.000 Namen stehen. Dort gibt’s heuer richtig was zu feiern, ist man doch 100 Jahre alt geworden.

So soll am Samstag, 3. September, ein großes Sommerfest über die Bühne gehen. „Der FSV Marktoberdorf hat uns dankenswerter Weise sein Gelände dafür zur Verfügung gestellt“, freut sich Vereinschef Wendelin Stitzinger (48). „Zur Zeit läuft bei uns die heiße Phase der Vorbereitungen.“ Nach einem Festgottesdienst in der St. Magnus Kirche (Beginn: 10 Uhr) wird es um die Mittagszeit zunächst einen kurzen Festakt geben. Dabei werden Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell, Alpenvereins-Sektionsvorstand Geert-Dieter Gerrens und Stitzinger selbst Grußworte sprechen.

Anschließend geht’s unter dem Motto „Familien-Nachmittag“ weiter. Laut Wendelin Stitzinger hat sich dafür vor allem die Vereinsjugend ein buntes und abwechslungsreiches Programm überlegt. Für die Kleinen soll es unter anderem eine ebenso spannende wie lustige Kinderrallye geben. Für das leibliche Wohl ist natürlich gesorgt.

Am Abend ist in dem Stadel, der mit einem Zelt erweitert wird, Stimmung angesagt: Ab 18.30 Uhr spielt die Bierzelt- und Partyband „Ansatzlos“ - quasi Wiesn-Feeling im Kleinformat auf dem FSV-Gelände. Für die Kleinen ist da die Geburtstagsparty aber schon vorbei: Einlass gibt’s nur für Besucher, die mindestens 16 Jahre alt sind.

Bergsteiger-Geschichten

Nach der Gründung des Deutschen Alpenvereins in München im Jahr 1869 dauerte es 53 Jahre, ehe am 18. Mai 1922 im Nebenzimmer der Weizenbrauerei die Ortsgruppe Marktoberdorf das Licht der Welt erblickte. 37 Bergsteiger waren damals dabei. Zum Vorsitzenden wurde Heinrich Knoll gewählt, der die Versammlung auch initiiert hatte. Gefeiert wurde die Vereinsgründung dann Mitte August mit einer gemeinsamen Tour auf das Kaufbeurer Haus in der Hornbachkette.

Was folgte, waren wechselvolle, teils schwierige Jahre, bis es dann nach dem Zweiten Weltkrieg steil bergauf ging. Untrennbar mit diesem Aufschwung verbunden ist der Name Georg Spiegel. Er wurde 1957 zum Vorsitzenden gewählt und bekleidete dieses Amt dann 36 Jahre lang. „Spiegel war die Seele des Vereins“, erinnert sich Vereinslegende Rüdiger Eberle, der heute 84 Jahre alt ist.

Urgestein Georg Spiegel

Marlies Wagner (69), eine der Nachfolgerinnen Spiegels und heutige Wirtin des Vereinsheims, geht noch einen Schritt weiter: „Georg Spiegel war der Verein.“ Der legendäre Vorsitzende wohnte gegenüber dem damaligen Landratsamt, in seinem Haus lagerte sämtliche Ausrüstung des Vereins. Wer also etwa einen Eispickel oder Kletterrucksack ausleihen wollte, musste das bei Georg Spiegel tun.

Und sich nach der Tour bei ihm melden, auf dass der sicher sein konnte, dass alle gesund und munter vom Berg zurückgekehrt waren. Mitverantwortlich für den „unheimlich guten Ruf, den sich der Alpenverein schon damals erworben hat“ (Franz Cech, 86, der „die gute Seele der Ortsgruppe“ ist) waren Tourenleiter Uli Bäuerle und Jugendleiter Otto Zinnecker.

Als Georg „Schorsch“ Spiegel 1992 den Vereinsvorsitz abgab, wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. 2011 verstarb Spiegel im Alter von 89 Jahren.

Nachkriegsjahre und Wirtschaftswunder

In die Karten spielte dem Alpenverein beim großen Aufschwung nicht zuletzt das Wirtschaftswunder. Immer mehr Mitglieder konnten sich ein Auto leisten, so dass der Aktionsradius für die Touren immer größer wurde. Und als dann auch Flugreisen erschwinglich wurden, beschränkten sich die Wünsche der Bergsteiger nicht mehr nur auf heimatliche Gefilde. Die Berge der Welt lockten, neue Traumziele waren der Hindukusch, die Anden und die Himalaja-Region.

Gab es mit Uli Bäuerle in den Nachkriegsjahren gerade einen einzigen Tourenleiter im Verein, so weist das Ausbildungs- und Tourenprogramm für das laufende Jahr derer 31 aus. Diese Männer und Frauen bilden „das Rückgrat des Marktoberdorfer Alpenvereins“, so Vorstand Stitzinger.

Unter ihrer Regie werden die Aktivitäten ausgetüftelt und organisiert, wobei es längst nicht mehr nur ums Bergwandern und Klettern geht: Fester Bestandteil im jährlichen Kalender sind beispielsweise auch Mountainbike-und (im Winterhalbjahr) Skitouren.

Dafür, dass im Marktoberdorfer Alpenverein ständig etwa los ist, sorgen nicht zuletzt die 300 bis 400 aktiven Jugendlichen. „Die sind unwahrscheinlich rührig“, betont ein sichtlich stolzer Vereinsboss, „da passiert sehr viel.“ Allein ein Besuch im Boulderbunker (Kletterhalle), der im Keller der Mittelschule untergebracht ist, belegt diese Aussage.

Die Bergler mussten oft umziehen

Neben allen Aktivitäten galt und gilt es freilich auch, das eigene Haus zu bestellen und in Ordnung zu halten. 1991 war es noch Schorsch Spiegel gewesen, der gewissermaßen seinen Vereins-Nachlass regelte und beim damaligen Bürgermeister Wolfgang Weinmüller um einen Vereinsraum bat. Prompt entstand der „Berglertreff“ im Dachgeschoss des Rathauses, wo man ab sofort die Bibliothek des Vereins und die Ausrüstung unterbringen konnte.

Nach fast 30 Jahren kam dann aber der Schock in Form einer Kündigung des Quartiers seitens der Stadt. Guter Rat war zunächst teuer, doch fanden die Bergsteiger unter Mithilfe von Bürgermeister Hell im Dachboden des FSV-Vereinsheims in der Schwabenstraße 55 (gegenüber dem Modeon) eine neue (und sogar größere) Bleibe.

Auch beim Clublokal blicken die Bergler auf mehrere Umzüge zurück. Vom Gründungslokal Weizenbrauerei wechselte man schon 1924 in die damalige Bahnhofsrestauration Sepp. Als dort immer mehr Platz für den Hotelbetrieb benötigt wurde, ging’s 1976 in den Saal des Gasthauses Neue Post.

Über das Gasthaus Burger und das katholische Pfarrheim zog der Alpenverein schließlich in den Saal des Modeons, wo sich die Ortsgruppe bis heute an jedem zweiten Dienstag im Monat zur Monatsversammlung trifft. Dort gibt’s die aktuellsten Infos, dort wird das Tourenprogramm besprochen, dort wird über zurückliegende Touren in Wort und Bild berichtet.

Dort können auch Interessierte, die ihre Liebe zu den Bergen im Verein mit Gleichgesinnten teilen möchten, erste Kontakte knüpfen. Oder sie besuchen das große Geburtstagsfest des Vereins am 3. September.

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