"Vielfalt hat Mehrwert"

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Hanna Egger ist nicht nur Patin für einen Flüchtling, sondern gleich für eine ganze Familie. Sie hat damals den Familiennachzug in die Wege geleitet und ist seitdem auch „Ersatzoma“ für die beiden Kinder. Von links: Bana Alahmed, Saher Elahmed, Khattab AlAbdullah, Ahmed Alahmed und Hanna Egger.

Marktoberdorf/Ostallgäu – Der Marktoberdorfer Verein „inifo“ (Initiativ-Forum für interkulturelle Vielfalt e.V.) hat ein Projekt zur Unterstützung von Flüchtlingen in Marktoberdorf und im Ostallgäu ins Leben gerufen. Das Projekt will vor allem junge Männer und Frauen, die bislang kaum oder keinen Zugang zu privaten oder öffentlichen Bildungs- und Unterstützungsangeboten hatten, Berufsperspektiven eröffnen und ihnen die Integration in die Gesellschaft erleichtern.

Sabine Miska ist sichtlich erleichtert. Hinter ihr und ihren Kolleginnen von „inifo“ liegt ein anstrengendes, ereignisreiches und vor allem arbeitsintensives Jahr. Kürzlich haben sie die Zusage zur Förderung ihres Flüchtlings-Projekts erhalten, dessen Konzept sie in den vergangenen Monaten erarbeitet haben.

Das Projekt unterstützt gezielt junge Flüchtlinge in Marktoberdorf und im Ostallgäu bis 27 Jahren, die bislang aufgrund begrenzter Angebote kaum oder gar keinen Zugang zu privaten oder öffentlichen Bildungs- und Unterstützungsangeboten hatten.

Bedarf im Ostallgäu übersteigt Angebot 

In Marktoberdorf leben nach Schätzungen von Annemarie Reitberger, der Projektkoordinatorin, derzeit circa 150 Asylbewerber und ungefähr 50 anerkannte Flüchtlinge. Weitere 170 sollen demnächst dazu kommen. Im gesamten Ostallgäu sind es 1026 Asylbewerber. Viele haben keinen Zugang zu Bildung.

Daher hat es sich der Verein „inifo“ zur Aufgabe gemacht, die in Markt- oberdorf und im Ostallgäu bestehenden Kurse für Flüchtlinge durch passgenaue Angebote zu ergänzen, um so mehr Menschen die Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen. Gerade Einrichtungen, Kurse und Projekte für junge Männer und Frauen seien laut Reitberger existentiell wichtig.

Viele der jungen Flüchtlinge verfügen über einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung, einige haben sogar einen Studienabschluss in der Tasche. Hier liege viel Potential, das genutzt werden könne. Das Projekt, das zunächst auf drei Jahre angelegt ist, soll an dieser Stelle Unterstützung geben, um einen erfolgreichen Einstieg ins deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem zu schaffen.

Gerade bei jungen Menschen sei daneben die Integration in die Gesellschaft besonders wichtig. Viele Flüchtlinge holen ihre Familien nach Deutschland nach oder gründen hier eine Familie. Die Integrationsarbeit, die heute geleistet wird, bildet auch die Grundlage für ein gelingendes Zusammenleben für und mit den nachfolgenden Generationen.

Von der Fahrradwerkstatt bis zum Café-Treff 

Mit der finanziellen Unterstützung der Aktion Mensch, der Robert Bosch Stiftung, der Ursula Wandres Stiftung, dem Lions Club und vielen privaten Spendern sollen die Flüchtlinge im Rahmen des Projekts Zugang zu Bildungsangeboten, zu Angeboten kultureller Integration und psychosoziale Unterstützung erhalten.

Das Programm umfasst unter anderem Alphabetisierungskurse zum Erlernen der deutschen Schriftsprache, Sprachkurse, Kurse zur Lebens- und Berufsorientierung, Räume zum selbstständigen Lernen, Einzelberatung und Patenarbeit, aber auch interkulturelle Begegnungsmöglichkeiten in dem Projekt „Begegnungsträume“, Kochgruppen, in Sportrunden oder bei Ausflügen. Eine Fahrradwerkstatt, in der unter Anleitung an den Rädern geschraubt werden kann, macht die Flüchtlinge mobil; der Café-Treff im Haus der Begegnung jeden Donnerstag von 18 bis 20 Uhr ist für viele der Asylsuchenden zu einem sicheren Zufluchtsort in der Fremde geworden.

Der Bedarf ist riesig. Das zeigt auch die Resonanz der Teilnehmer. Obwohl das Projekt noch in den Kinderschuhen steckt „sind wir bereits gut ausgelastet“, erzählt Maria Höfler, die Sonderpädagogin von „inifo“, die die Berufsorientierungskurse anleiten wird.

„Wir werden mit Sicherheit niemanden ablehnen“. Denn die Türen sollen allen Flüchtlingen offen stehen. Dies wollen die Initiatoren vor allem durch niedrigschwellige Angebote erreichen, die für alle Interessierten unabhängig von Bildung oder Anerkennungsstatus zugänglich sind.

Paten gesucht 

Die Kurse im Projektprogramm werden von hauptamtlichen Mitarbeitern geleitet; allerdings sind Annemarie Reitberger und ihr Team von „inifo“ immer auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die sich einbringen möchten – ganz gleich, in welcher Form. Ob im Rahmen einer Patenschaft, durch die Leitung einer Fußballgruppe oder als Begleitung bei Ausflügen: das Initiativforum ist für Unterstützung jeglicher Art dankbar.

Dabei soll jedoch keiner der Ehrenamtlichen überlastet werden. „Deshalb ist es für uns genauso wertvoll, wenn jemand eine Stunde im Monat bei uns einbringt, wie jemand, der dreimal in der Woche Zeit hat“, betont Anna Heiland, Projektmitarbeiterin und Studentin der sozialen Arbeit. Das Engagement bei „inifo“ soll auch für Jüngere und Berufstätige attraktiv sein.

Das Team von „inifo“ steht als Ansprechpartner immer zur Verfügung, wenn es Probleme geben sollte und es sind Schulungen für die Ehrenamtlichen zu relevanten Themen geplant. Interessierte können donnerstags zum Café kommen, sich per Mail (inifo.interkultur@posteo.de) an „inifo“ wenden oder Annemarie Reitberger unter der Telefonnummer 0157/54698256 erreichen.

von Sabrina Hartmann

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