Tagebuch eines Soldaten im Ersten Weltkrieg

"Im Zentrum des Grauens"

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Autorin Ursula Thamm vor dem Kriegerdenkmal in Marktoberdorf an der Westseite der Pfarrkirche St. Martin. Dort steht auch Paul Kustermanns Name unter all den tragisch gefallenen Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs.

Marktoberdorf – „Meine Kräfte erlahmen, nach all dem Entsetzlichen in diesem wahnsinnigen Jahr.“ Das Tagebuch vermerkt den 13. August 15. Das Datum erscheint vertraut, und doch ist das hastig Notierte vor fast genau 100 Jahren aufgeschrieben worden.

Am 13. August 1915 war es, dass der Tagebuchschreiber, ein junger Mann aus Marktoberdorf, in einem der unzähligen Schützengräben Nordfrankreichs Zeit für eine kurze Notiz fand. Es ist sein letzter überlieferter Eintrag, sein letztes Lebenszeichen aus dem Wahnsinn des Ersten Weltkriegs. 

„14. Juli: Vor Jahren einmal – wer begrüßte den Tag nicht mit hoher Freude: Und heute? Ich gehe in den Graben mit meinem Zug.“ Das Kriegstagebuch des jungen Marktoberdorfer Soldaten Vincent von Paul Kustermann ist auch 100 Jahre nach dessen Tod ein mahnendes Vermächtnis. 

Dass es überhaupt bewahrt und dem Vergessen entrissen wurde, ist der ehemaligen Marktoberdorfer Stadtarchivarin Ursula Thamm zu verdanken. „Im Zentrum des Grauens. Die Marktoberdorfer Kriegstagebücher. Vinzenz von Paul Kustermann 1913 – 1915“, nennt die Autorin die Sammlung seiner Aufzeichnungen, die 2014 im Bauer Verlag/Thalhofen erschien. 

„Im Zentrum des Grauens“ steht der Mensch Paul Kustermann vom Beginn seines Militärdienstes im August 1913 an bis zu seinem ersten Heimaturlaub von der Front im Sommer 1915. Seine Notizen füllen zwei Tagebüchlein, die Ursula Thamm im Stadtarchiv bei der Neuordnung des Bestands vor einigen Jahren gefunden hatte, später sorgfältig transkribierte und mit einem Kommentar versah. 

„Als ich damals zu lesen begann, ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen“, erzählt die Archivarin in der Rückschau. Sie ist überzeugt, dass es sich bei Kustermanns Tagebuch um einen historischen Schatz handelt. Nur die wenigsten Archive verfügen über so detaillierte Aufzeichnungen einfacher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. 

Buch des kleinen Soldaten 

„Mutter, bitte den lieben Gott, dass er mich nicht wahnsinnig werden lässt. Wieder zwei Tage in den Gräben vor Menil. Nachmittag 4h griffen wir an unter einem furchtbaren Feuer. Rechts und links sanken sie ins Gras – tot und verwundet.“ Etwa 50 Millionen Soldaten, Matrosen und Unteroffiziere wurden während des Ersten Weltkriegs mobilisiert. Rund ein Fünftel von ihnen, zehn Millionen Menschen, verloren dabei ihr Leben. Es sind unbegreifliche Zahlen. 

Damit diese Menschenleben nicht als gesichtslose Größe in unser kollektives Gedächtnis eingehen, widmen sich Historiker, Lehrer und Archive mehr und mehr dem Schicksal Einzelner. Das Tagebuch des Vincent von Paul Kustermann, das zudem dem Geschehenen auch einen lokalen Bezug und die sprichwörtliche Bodenhaftung gibt, trägt einen unschätzbaren Teil dazu bei. Die behutsame Bearbeitung der Quelle durch Ursula Thamm erlaubt es außerdem, der subjektiven, emotional aufgeladenen Sicht des damaligen Soldaten nahe zu kommen. 

Wie erlebte Paul Kustermann die Mühen und Entbehrungen des Alltags an der Front? Welche Rolle spielten Patriotismus, Kameradschaft und Fatalismus für ihn? Wie bestimmten Todesgefahr und das Töten die Kriegserfahrung des jungen Mannes? Die Tagebücher geben darüber Aufschluss und offenbaren eine geschundene Seele und eine zusammenbrechende Welt. 

Die Erschütterung über das unmenschliche Leid, das Paul Kustermann als einer von Tausenden erfahren hat, möchte die Autorin bewusst weitertragen. „Dieser Paul berührt, er wühlt auf“, sagt sie und richtet sich auch an die junge Marktoberdorfer Generation. „Ich möchte, dass Paul Kustermann als ein Marktoberdorfer zur Kenntnis genommen wird.“ 

Das Thema den Schülern öffnen 

Berühren werden die Kriegstagebücher in Zukunft auch die Schüler der weiterführenden Schulen. Ab nächstem Schuljahr ist dieses Buch nämlich Bestandteil des Geschichtsunterrichts. Zu verdanken ist dies auch dem Rotary Club Marktoberdorf, der jede weiterführende Schule der Kreisstadt mit einem Klassensatz des Werks ausstattete. 

Ursula Thamm weitet indes ihre Kreise aus. Im Herbst wird sie an einem französischen Gymnasium in der Nähe Lyons aus den Tagebüchern des Paul Kustermann lesen – im Bewusstsein einer Idee, die auch ein Jahrhundert nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs nichts an Aktualität eingebüßt hat. Sie heißt deutsch-französische Freundschaft.

von Angelika Hirschberg

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