Neuer Stolperstein wird am 14. September vor dem Kloster verlegt

Neue Stolpersteine in Irsee

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Am 1. Juli 2014 wurde ein Stolperstein an Walburger Kesslers Geburtshaus in Burgberg (Allgäu) gelegt.

Kaufbeuren/Irsee – Im Januar 2015 war die Befreiung von Auschwitz 70 Jahre her und am 8. Mai vor 70 Jahren wurde der 2. Weltkrieg beendet. Das BKH Irsee, wo unter dem NS-Regime über 900 Menschen (zusammen mit Kaufbeuren insgesamt über 2000) der „Entsorgung” von „lebensunwerten” psychisch Kranken durch zielgerichtete Tötung infolge von „Entzugskost“ oder Medikamentenüberdosierung zum Opfer fielen, stellt sich immer wieder der Aufarbeitung dieses weniger rühmlichen Teils seiner langen Geschichte.

Am 14. September 2015 um 8.30 Uhr wird daher der Kölner Künstler Gunter Demnig, auf den diese Idee zurück geht, im Beisein von politischen Mandatsträgern und Angehörigen von Opfern weitere handgefertigte Stolpersteine vor der Fassade von Kloster Irsee verlegen. 

Mittlerweile finden sich über 50.000 Steine nicht nur in Deutschland, sondern auch in 18 weiteren europäischen Ländern. Die Stolpersteine sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Sie sollen an die Schicksale der Menschen erinnern, die im Dritten Reich verfolgt, ermordet, deportiert, von Haus und Hof verjagt oder in den Selbstmord getrieben wurden. 

Einer der neuen Irseer Stolpersteine ist Walburga „Wally“ Kessler (1918 bis 1944) gewidmet, die ihr nicht einmal 26-jähriges Leben mit der Diagnose „geistesschwach, taubstumm, krüppelhaft“ zum größten Teil in verschiedenen Pflegeheimen verbrachte, bevor sie schließlich nach Irsee verlegt wurde, wo sie am 31. Juli 1944 „ganz plötzlich an einer ansteckenden Krankheit verstarb“. 

Ihr Urgroßneffe Matthäus Kessler (Jahrgang 1977) war bei seiner Ahnenforschung auch auf das Schicksal der Schwester seiner Urgroßmutter gestoßen und hat in mühevoller Recherchearbeit viele Dokumente über ihr kurzes Leben zutage gefördert: Sie kam am 9. Oktober 1918 in Burgberg (Allgäu) als viertes von sechs Kindern behindert zur Welt. 

Als ihre Mutter 1928 mit nur 44 Jahren starb und Walburga daraufhin ins „Jesuheim – Pflegeanstalt für Unheilbare” in Lochau bei Bregenz gegeben wurde, war das Mädchen gerade zehn Jahre alt. Nach weiteren Pflegeanstalten kam Walburga Kessler schließlich in die Anstalt Kaufbeuren. 

In der Krankenakte dort heißt es – obwohl ein Brief ihrer Schwester Rosa Kitzinger, geborene Kessler, überliefert ist, worin sie sich nach Walburga erkundigt – „Adresse der nächsten Angehörigen (bzw. des gesetzl. Vertreters): keine”. Trotzdem erhält Walburgas Vater am 31. Juli 1944 im Abstand von nur zwei ein viertel Stunden zwei Telegramme, die ihn zunächst über die lebensgefährliche Erkrankung an einer Infektionskrankheit und dann auch schon über den Tod seiner Tochter informieren. 

Bereits im März 2014 hatte Matt Kessler mit Unterstützung von Privatdozent Dr. Albert Putzhammer aus der Leitung des BKH Kaufbeuren-Irsee und Adelheid Weigl-Gosse, Seelsorgerin am BKH, erreicht, dass auf dem Gedenkstein an die über 2000 Euthanasie-Opfer der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren‐Irsee der Name von Walburga Kessler nachträglich eingraviert wurde. 

Im Juli 2014 – 70 Jahre nach dem Tod von Walburga Kessler – wurde in Zusammenarbeit mit der Stolpersteininitiative Kempten und Umgebung e.V. und der Gemeindeverwaltung von Burgberg ein Stolperstein vor ihrem Geburtshaus gelegt. Dr. Stefan Raueiser schließlich, der Leiter des Schwäbischen Tagungs- und Bildungszentrums Kloster Irsee, förderte die Initiative für einen weiteren Stolperstein, der nun am 14. September mit anderen vor dem Kloster verlegt werden soll.

von Ingrid Zasche

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