Hand in Hand

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Teilnehmer stecken ihre Kerzen in die vorbereiteten Sandkästen, um den „Geist des Hasses und der Menschenverachtung vom Marktplatz wieder zu verbannen“.

Obergünzburg – Es geht auch anders: 1500 Menschen mit Kerzen in ihren Händen marschieren durch Obergünzburg und kein Wort ist zu hören. Ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz im bürgerschaftlichen Miteinander und gegen Extremismus in jeglicher Form setzten die Teilnehmer des Lichterzugs am vergangenen Samstag.

Noch vor anderthalb Wochen hatten etwa 150 Protestler auf dem Marktplatz mit Fackeln und Deutschlandfahnen lautstark Parolen gegen Volksverrat gegrölt und damit die Bewohner der friedlichen Marktgemeinde im Ostallgäu verschreckt. Für diesen Samstag hatten nun die Kirchengemeinden und der Markt Obergünzburg nach einem Abendgottesdienst in der Pfarrkirche Sankt Martin zu einem Lichterzug als Zeichen für Menschenwürde, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Respekt aufgerufen. 

Beim Aufstellen erzählte eine türkischstämmige Frau und Mutter, Sufi Taskin, sie lebe seit 40 Jahren in Obergünzburg und habe so etwas wie den Samstag zuvor noch nie erlebt. Sie betreue zwei afghanische Familien aus dem Übergangswohnheim und habe Angst gehabt, als diese Protestler plötzlich auf dem Marktplatz auftauchten. Aus Biessenhofen war Friedel Wagner extra zum Lichterzug gekommen, um zu zeigen, dass solche undemokratischen Pöbeleien hier nicht sein dürften. 

Auch Andreas Lutzenberger, Abteilungsleiter Fußball beim TSV Obergünzburg, verwies darauf, dass regelmäßig rund 30 Flüchtlinge aus dem Übergangswohnheim bei ihnen Fußball spielen: „Helfen kann jeder, auch mit Kleinigkeiten“. Insgesamt 1500 Menschen aus Obergünzburg und Umgebung sammelten sich und marschierten schweigend durch die Innenstadt zum Marktplatz. Bei der abschließenden Versammlung sprachen sich die verschiedenen Redner für ein respektvolles Zusammenleben aus. 

Dr. Günter Räder, als gewählter Vertreter der evangelischen Kirchengemeinde, verdeutlichte: „Es geht heute Abend darum, den Geist des Hasses und der Menschenverachtung von diesem Platz wieder zu verbannen.“ 

Stellvertretend für alle Obergünzburger Bürgerinnen und Bürger richtete Michael Bauer die Frage an alle Anwesenden: „Stehen wir Fremden, die bei uns Asyl suchen, feindlich gegenüber? Fühlen wir uns von den Asylsuchenden bedroht? Oder gibt es bei uns Menschlichkeit?“ Mit dem heutigen Hier sein würden die Anwesenden eine eindeutige Antwort geben, „Hand in Hand für Menschlichkeit.“ 

Isel Taskin, vor 14 Jahren mit Migrationshintergrund in Kempten geboren und hier in Obergünzburg aufgewachsen, berichtete: „Ich stand den Demonstranten gegenüber, habe in ihre Gesichter gesehen und es hat mir Angst gemacht“. 

Obergünzburgs erster Bürgermeister Lars Leveringhaus betonte, dass man bei verschiedenen Themen durchaus unterschiedlicher Meinung sein könne. Aber das, was stattgefunden habe, war nur noch Randale, um der Aufmerksamkeit willen. Leveringhaus hob hervor: „Das ist nicht der Markt Obergünzburg.“ Es sei heute „unsere Aufgabe, unsere Werte mit friedlichen Mitteln zu verteidigen, Rückgrat zu zeigen und zusammen zu stehen“. Abschließend versicherte Bürgermeister Leveringhaus: „Wir stehen Hand in Hand für Menschlichkeit – heute und auch in Zukunft.“

von Wolfgang Krusche

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