Zum hundertsten Geburtstag von Dr. phil. Gertrud Zasche

Mit Leib und Seele Neugablonzerin

Gertrud Zasche
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2011 auf ihrer Terrasse: Dr. phil. Gertrud Zasche (1920-2014) – promovierte Germanistin, Lyrikerin, Stadträtin, hochdekorierte „Bewahrerin der sudetendeutschen Kultur und Identität“, Hausfrau und Mutter.

Kaufbeuren-Neugablonz – Heute, am 28. Oktober 2020, wäre sie 100 Jahre alt geworden: Dr. phil. Gertrud Gisela Antonia Maria Zasche, promovierte Germanistin, Lyrikerin, langjährige Stadträtin, Hausfrau, Mutter und hingebungsvolle Großmutter. Zusammen mit ihrem Mann, dem Arzt Dr. Richard Zasche, hat sie sich zeitlebens um die Bewahrung der sudetendeutschen Kultur und Identität in Kaufbeuren und um das Zusammenwachsen mit der einheimischen Bevölkerung verdient gemacht. 

Bereits 1970 erhielt sie den Landschaftspreis Polzen-Neiße-Niederland, unter anderem für ihre Schrift über Franz Metzners Rüdiger-Brunnen, dessen 50-jähriges Jubiläum in Neugablonz dieses Jahr gefeiert wurde (wir berichteten). Für ihren unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz folgten in späteren Jahren zahlreiche weitere Ehrungen (siehe Infokasten).

Gertrud Zasche wurde am 28. Oktober 1920 als mittlere Tochter von Leopoldine und Franz Henlein (Onkel von Konrad Henlein) in Gablonz an der Neiße geboren. Nach der Matura in Gablonz studierte sie ab 1938 in Prag Germanistik, Geschichte und Leibesübungen. 1941 hat sie mit Note 1 als jüngste Studentin zum Dr. phil. promoviert. Im Juni 1943 heiratete sie ihren Tanzstundengefährten Dr. med. Richard Zasche († 1990), mit dem sie im Laufe der Zeit fünf Kinder bekam. Nach der Vertreibung übersiedelte die Familie zunächst nach ­Schwaig bei Nürnberg und 1952 nach Kaufbeuren-Neugablonz. Mitte 1953 machte sich Richard Zasche dort als Kassenarzt selbständig und es ging allmählich wirtschaftlich aufwärts.

Das Ehepaar engagierte sich sozial, kommunal und kulturell. Gertrud Zasche war von 1960 (von Listenplatz 38 auf Platz 3 vorgewählt) bis 1978 Stadträtin der „Freien Wählergemeinschaft“ in Kaufbeuren. Seit 1976 arbeitete sie als Arzthelferin in der Praxis ihres Mannes und später auch in der der Söhne. Für die „Freunde der Hausmusik“ moderierte sie mit Witz und Charme etliche klassische Konzerte. Sie war 1965 die erste Frau, die einen Festvortrag zur Kaufbeurer Tänzelfesteröffnung hielt und stand dabei in einer Reihe mit dem schwäbischen Heimatdichter Arthur Maximilian Miller. Sie verfasste neben ihrer hochdeutschen Lyrik paurische Mundartdichtung (Prosa, Gedichte und gern gespielte Theaterstücke) sowie regelmäßige „Nej su wos“-Beiträge in der Tageszeitung. Sie war Mitglied im Autorenkreis Allgäu und im Freundeskreis Sophie LaRoche, hielt Vorträge und veranstaltete für die Volkshochschule Kulturfahrten. Von 1980 bis 2009 gab sie als Zweite Vorsitzende der Leutelt-Gesellschaft eine Reihe von mundartlichen und heimatkundlichen Schriften federführend mit heraus. Nach dem Tod ihres Mannes 1990 setzte sie dessen Lebenswerk im Archiv des Gablonzer Hauses fort, wo sie die von ihm begonnene ostdeutsche Fachbibliothek mit einer für wissenschaftliche Arbeit nutzbaren Dreifach-Kartei weiter ausbaute und bis kurz vor ihrem Tod leitete. Bis Mitte 2012 stand sie auch dem Gablonzer Mundartkreis vor, den sie von dem beliebten Mundartdichter Heinz Kleinert nach dessen Tod 2003 übernommen hatte. Außerdem arbeitete sie im fünfköpfigen Autorenteam des „Kaufbeurer Frauenlexikon“ mit sowie im „Arbeitskreis Wörterbuch“ des Gablonzer Mundartkreises. „Paurisch – Wörterbuch der Gablonzer Mundart“ wurde Ende 2013 veröffentlicht. Zu ihrem 90. Geburtstag hat sie noch einmal eine Sammlung ihrer besten Gedichte mit dem Titel „Ich sang so viel“ herausgegeben.

Dr. Gertrud Zasche war emanzipiert (ohne militante Rechthaberei), selbstbewusst, jedoch nicht überheblich, der Inbegriff einer Dame: hochgebildet, zurückhaltend, mit Takt und Herzensgüte und einem gewinnenden Humor. Sie war zeitlebens offen für Neues –noch mit über 70 Jahren machte sie einen Segeltörn mit oder lernte in der Praxis ihrer Söhne einen Computer zu bedienen. Und mit ihren ausgezeichneten Tschechischkenntnissen (insgesamt hatte sie etwa sieben Fremdsprachen gelernt) trug sie ihren Teil zur Versöhnung mit Tschechien bei.

Bei all ihren Aktivitäten war ihr die Familie jederzeit das Wichtigste. Dabei konstatierte sie rückblickend, dass trotz aller Schicksalsschläge das Glück in ihrem Leben überwogen habe: das Glück einer erfüllten großen Liebe, das Glück wohlgeratener Kinder und Enkel und das Glück, in Neugablonz eine neue Heimat gefunden zu haben.

Am 7. August 2014 ist sie im Alter von nicht ganz 94 Jahren verstorben. Ihr Tod hinterließ eine schmerzliche Lücke – nicht nur in der engeren Familie, sondern auch im kulturellen Leben von Kaufbeuren und Neugablonz.

Ehrungen und Auszeichnungen:

1970 Landschaftspreis Polzen-Neiße-Niederland

2003 Ehrennadel des Bayerischen Ministerpräsidenten für ehrenamtliche Tätigkeit

2010 Kaufbeuren-aktiv-Medaille in Gold für 40 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit

2011 Adalbert-Stifter-Medaille des Bundesverbandes der Sudetendeutschen Landsmannschaft für Verdienste um das kulturelle Leben der Sudetendeutschen Volksgruppe

von Ingrid Zasche

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