5G bald schon in Aitrang?

Mobilfunkmast im Norden soll steigenden Datenbedarf decken

Blick vom TSV-Fußballplatz Richtung Osten von Aitrang
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Blick vom TSV-Fußballplatz Richtung Osten: Auf diesem Areal erscheint ein Mobilfunkmast für 5G in Aitrang technisch sinnvoll.

Aitrang – Vor dem Hintergrund des staatlich angestrebten Breitbandausbaus fanden am vergangenen Montag im Gemeinderat Sondierungsgespräche über den digitalen Ausbau des Mobilfunknetzes statt. Als Referent war der Diplomphysiker Wilhelm Kielmann geladen, der nach eigenen Angaben als Selbständiger im Auftrag der Telekom-Tochter Deutsche Funkturm GmbH den digitalen Ausbau durch Mobilfunkmasten vorantreibt.

Zu Beginn der Unterredung unterstrich Aitrangs Bürgermeister Michael Hailand die Tatsache, dass der Breitbandausbau politischer Wunsch des Staates sei, und es für Kommunen prinzipiell keine „rechtlichen Möglichkeiten gibt, 5G-Sendeanlagen aus ihrem Gemeindegebiet auszusperren“. Das Einvernehmen dürfe allenfalls aus planungsrechtlichen Gründen verweigert werden, also beispielsweise aufgrund städtebaulicher Belange, nicht aber weil man gesundheitliche Auswirkungen auf die Bevölkerung befürchte.

Dennoch richtete Referent Kielmann in seinem Vortrag das Hauptaugenmerk auf eben diese Befürchtungen, die nach seinen Angaben besonders bei der Allgäuer Bevölkerung weit verbreitet seien. In der Wissenschaft, so Kielmann, diskutiere man tatsächlich die gesundheitlichen Auswirkungen des Mobilfunks – allerdings nicht in Bezug auf Sendemasten, sondern auf die Endgeräte, die oft direkt am Körper getragen würden, und bei denen der gesetzliche „Teilkörpergrenzwert” 25-mal so hoch sei, wie der allgemeine Grenzwert, der zum Beispiel für Sendemasten gilt.

Zudem, führte Kielmann aus, verringere sich durch kurze Distanz zu einem Mobilfunkmasten die Strahlung der Endgeräte im Quadrat zur jeweiligen Entfernung zum Mast, weil die jeweiligen Handys und Tablets entsprechend weniger strahlen müssten. Die Masten selbst jedoch strahlten laut Kielmann umso mehr, wenn sich der Datenbedarf um sie herum erhöhe, also wenn zum Beispiel sehr viele Handys auf wenige Masten zugreifen müssten.

Als er auf die Standortmöglichkeiten des Mastes zu sprechen kam, präsentierte Kielmann ein Luftbild, das den nördlichen Teil von Aitrang zeigt. Eingezeichnet war darauf eine horizontal gekrümmte Ellipse, die das Gebiet zwischen dem oberen Fußballplatz und dem nördlichen Ende des Panoramawegs umriss. Ein einfacher Rohrmast, auf den man beispielsweise Flutlichtstrahler für Sportveranstaltungen montieren könne, würde nach Kielmanns Ausführungen ausreichend sein, um dort eine Sendeanlage zu installieren, die 5G in ganz Aitrang möglich mache. Natürlich würde man selbst die Baukosten übernehmen und an die Gemeinde eine Miete zahlen, sagte Kielmann. Über genauere Summen wollte er sich aber öffentlich nicht äußern.

Die Frage des Gemeinderatsmitglieds Marcel Walther, ob der Mast auch eine Empfangsverbesserung für die übrigen Ortsteile, wie zum Beispiel Huttenwang, bieten könnte, verneinte der Referent allerdings: „Ab zwei Kilometer Entfernung ist Schluss.” Allerdings seien, so Kielmann, innerhalb dieses Bereiches die Übertragungsvoraussetzungen für „Augmented Reality” und autonomes Fahren auf den Straßen und der Bahnlinie gewährleistet. Ein Beschluss des Gemeinderates zum Thema Sendemast war an jenem Abend nicht anberaumt, da es sich laut Tagesordnung bei Kielmanns Besuch lediglich um eine Vorsprache handelte. Das Thema Sendemasten und Artenschutz wurde in der Sitzung nicht behandelt.

Felix Gattinger

Kommentar

von Felix Gattinger

Felix Gattinger

Emotionale Diskussionen über die gesundheitlichen Auswirkungen des Mobilfunks, wie sie seit Jahrzehnten so häufig geführt werden, gab es bei der sachlichen Beratung in der Gemeinderatssitzung nicht. Der Vortrag des Physikers Kielmann stützte sich auf anschauliche Erläuterungen, Vorgänge und Relationen, die mit Informationen über Messwerte, Zahlen, Spektren und Frequenzen unterfüttert waren. Um so mehr fiel jedoch mit der Zeit auf, dass Kielmann wiederholt bemüht war, nicht nur zu argumentieren, sondern eventuell Andersdenkende zu diskreditieren. „Am schlimmsten”, sagte Kielmann, „sind die akademischen Rentner in großen Städten. Die wissen immer alles ganz genau. Nur hiervon verstehen sie nichts.” Andersdenkenden Kollegen unterstellte er unlautere Absichten: „Es gibt da Kollegen, die haben da Vorträge für 800 Euro vor Bürgerinitiativen gehalten, da hieß es ,schwedische Forschung und so – alles macht krank’. Also, wenn man regelmäßig solche Vorträge hält, da kommt finanziell schon was zam.”

Hier könnte man sich die Frage stellen, warum sich der Referent in seinem wissenschaftlich aufgezogenen Vortrag immer wieder ins Polemische begeben muss, hat er doch Zahlen und Fakten auf seiner Seite.

Als das Gemeinderatsmitglied Bernd Grossmann von Anwohnern berichtete, die wegen eines WLAN-Routers am benachbarten Rathaus über Schlafstörungen geklagt hatten, antwortete Kielmann kurzerhand: „Schicken Sie diese Leute zu uns! Unitests haben bisher noch nie jemanden gefunden, der sagen kann, wann er bestrahlt wird, und wann nicht. Alles Psychologie!” Nicht nur, dass Kielmann auf diese Weise alles, was nicht gemessen werden kann, a priori mit Unwahrheit gleichsetzt, also beispielsweise auch psychosomatische Leiden, von dieser Logik wären auch Krebsopfer durch Feinstaub betroffen, die im Test nicht sagen können, wann genau sie Feinstaub einatmen und wann nicht.

Auf die schlicht anmutende Frage aus dem Gremium, ob sich die Funkturm GmbH mit ihrem Angebot auch an Privatpersonen wenden würde, falls die Gemeinde auf ihrem Gebiet keinen Aufstellungsort freigeben wollte, antwortete Kielmann prompt: „Richtig”, und fügte schnell hinzu, „das soll aber bitte nicht als Erpressungsversuch verstanden werden”.

Das wohl nicht. Aber all die kleinen polemischen Seitenhiebe und Ausfälligkeiten trugen trotz des über weite Strecken kompetent gehaltenen Vortrags dazu bei, dass man sich als Zuhörer am Ende ein wenig bepinselt fühlte.

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