Prozess

Mord an Säugling in Kaufbeuren: 14,5 Jahre Haft für 22-jährigen Vater

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Kaufbeuren/Kempten – Für den Mord an seinem acht Monate alten Sohn wurde ein 22-Jähriger am Mittwoch vom Landgericht Kempten schuldig gesprochen. Der angeklagte Kindsvater wurde wegen Mordes an seinem kleinen Sohn sowie tätlichen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 14 Jahren und sechs Monaten mit Unterbringung in einer Entziehungsanstalt verurteilt.

Im Rahmen eines sogenannten Vorwegvollzugs wird der Angeklagte fünf Jahre und neun Monate im Gefängnis verbringen und anschließend in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden, so die Kammer. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das Gericht ist überzeugt, dass der 22-Jährige seinem wehrlosen Sohn in menschenverachtender, brutalster Weise massive Gewalt angetan habe, begründete der vorsitzende Richter das Urteil – „ein absoluter Gewaltexzess“. Das Motiv der Tat seien niedrige Beweggründe gewesen: der Frust des Kindsvaters über seine Lebenssituation, das Ende der Beziehung und der Kontakt der Kindsmutter zu ihrem Ex-Freund, so der Richter. So sei dem Beklagten am Tatabend das ihm zur Beaufsichtigung überlassene Kind lästig gewesen, weil es weinte. Er hätte die Mutter anrufen können, die nur 400 Meter entfernt bei einer Freundin war, doch erst nach seinem Gewaltausbruch meldete er sich bei ihr, so der Vorsitzende. Für die Kammer gab es keinen vorgefassten Tatplan. Auch eine nachhaltige Zermürbung oder nervliche Überforderung über Wochen und Monate könne nicht gesehen werden, so der Richter. Der Angeklagte sei durch sein großes Suchtproblem in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen. „Er hat durch seine Aggressionen das Leben seines Sohnes, der Kindsmutter und seiner Familie zerstört“. Seine Aggressivität machte auch nicht Halt vor den Polizeibeamten, die ihn im Krankenhaus festnehmen wollten, er trat nach ihnen. Einer der Beamten erlitt eine Nasenbeinfraktur, schilderte der Richter. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft hatte eine lebenslange Gesamtfreiheitsstrafe wegen Mordes und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gefordert. „Der Beklagte wollte auch die völlig arglose Kindsmutter bestrafen“, sagte der Staatsanwalt.

Wie berichtet, soll der angeklagte Vater im August 2018 seinen acht Monate alten Sohn heftig geschüttelt, gebissen, gegen Möbel geschlagen und mit enormer Kraft gegen seinen eigenen Körper gepresst haben, so das beide Schlüsselbeine des Kindes brachen. Er habe an dem besagten Abend auf seinen kleinen Sohn aufgepasst, weil die Kindsmutter bei einer Freundin ein paar Häuser weiter den Abend verbrachte. Da der Säugling immer wieder weinte und sich nicht beruhigen ließ, habe er das Baby so schwer misshandelt, dass es zwei Tage später im Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen starb, ergaben die Ermittlungen.

Am zweiten Prozesstag am Dienstag wurde eingangs ein Brief des Angeschuldigten an die Mutter des kleinen Säuglings verlesen. Er schildert ihr in dem Schriftstück seine bruchstückhaften Erinnerungen des fraglichen Abends und versucht sich zu erklären. Mit den Tränen kämpfend und gesengtem Blick saß der junge Mann auf der Anklagebank. So habe er den Kleinen mit Schwung in das Kinderbett gelegt, er könne sich nicht an Misshandlungen erinnern. Erst die Rettungskräfte und die Kindsmutter mit dem Baby im Arm habe er dann wieder wahrgenommen. Seit sie ihn verlassen habe, sei er jeden Tag betrunken gewesen. Es tue ihm alles sehr leid, er könne es leider nicht mehr rückgängig machen, so der Inhalt des Briefes.

Aggressiv und reizbar

Der Beklagte habe eine gute Kindheit verlebt und auch das Verhältnis zu seinen Eltern sei in Ordnung gewesen, beschrieb der Psychiater des Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren die Jugend des 22 Jahre alten Mannes. Erste Schwierigkeiten gab es in der Schule, mit zahlreichen disziplinarischen Verwarnungen, dies zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Zu zahlreichen Vorstrafen, von Körperverletzung bis hin zu Drogenhandel, wurde er verurteilt. Im Alter von 16 Jahren begann er eine Ausbildung als Koch, so der Gutachter in seinen Ausführungen. Doch der berufliche Werdegang des Angeklagten gestaltete sich schwierig. Durch schnell zunehmenden Alkohol- und Drogenkonsum brach der Angeklagte mehrmals die Ausbildung ab und verlor auch immer wieder diverse Arbeitsstellen, sagte der Gutachter. Er gab an, dass der Angeschuldigte mit etwa elf Jahren zu rauchen anfing, anfangs Nikotin, dann Haschisch und Marihuana. Wenige Jahre später konsumierte er bereits in erheblichen Umfang regelmäßig Alkohol und Drogen. – es sei für ihn „ein Kaffeeersatz“ gewesen. Ohne irgendeine Substanz sei er überhaupt nicht mehr zu recht gekommen, so die Aussage des Angeklagten während der Untersuchung im BKH Kaufbeuren. Alkohol und Drogen beeinflussten auch sein Verhalten, er sei aggressiv, reizbar und provokant geworden, beschrieb der Psychiater den jungen Mann.

Nachdem die Kindsmutter sich von dem Beklagten getrennt hatte, hat sein Alkohol- und Drogenkonsum immer mehr überhand genommen, beschrieb der Gutachter die Lebensumstände des jungen Mannes vor der Tat. So hatte er am Tattag 2,13 Promille Alkohol im Blut. Der Kindsvater könne sich an den Tathergang nur bruchstückhaft erinnern, gab der Gutachter die bei ihm gemachten Aussagen des Beklagten wieder. Er hat die Tat eingeräumt, so der Psychiater. „Er geht davon aus, dass er für den Tod seines Sohnes verantwortlich ist."

Der Angeklagte hat keine Persönlichkeitsstörung, so die Diagnose des begutachtenden Arztes des BKH Kaufbeuren. Das aggressive, provokante Verhalten und die Wahrnehmungsstörungen seien auf die Suchtproblematik zurückzuführen. Der Angeklagte sei durch seine Alkohol- und Drogenabhängigkeit erheblich in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt, so die Begründung des Gutachters. Seiner Ansicht nach könne nicht ausgeschlossen werden, dass es ohne therapeutische Behandlung wieder zu so einer Tat kommen könnte.

Der Tathergang wurde durch verschiedene Gutachten und mit Hilfe des Obduktionsergebnisses der Rechtsmedizin München rekonstruiert. Der Angeklagte müsse vollkommen ausgetickt sein, so der Rechtsmediziner. „Seit 30 Jahren habe ich so etwas noch nicht erlebt“. Der Säugling erlitt zahlreiche Verletzungen, ein Schütteltrauma und ein schweres, dumpfes Schädelhirntrauma, an dem er verstarb.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft, der lebenslang forderte, stellte in seinem Schluss-Plädoyer provokant die Aussage in den Raum: „Der Angeklagte habe nichts gesehen, er habe nichts gehört und er habe nichts getan“. Die Anwältin der Kindsmutter und Nebenklägerin betonte, dass es der jungen Mutter nicht um Strafe gehe. Sie hoffe auf Antworten, warum es dazu kam. Den Prozess sieht die junge Frau als Chance, das Ganze irgendwann verarbeiten und vergessen zu können. Der Fall hat mit einem „üblichen Fall – Schütteln“ überhaupt nichts zu tun, so die Anwältin in Richtung Verteidigung. Der Verteidiger stellte nüchtern fest, er habe die Tat nicht moralisch zu bewerten, ihm gehe es nur um das Rechtliche, er plädierte auf Totschlag. Der Angeklagte, der während der Verhandlungstage keine Angaben zum Tathergang machte, nutzte das Schlusswort, um, mit den Tränen kämpfend, sein Bedauern über seine schreckliche Tat auszudrücken. „Es tut mir leid für alle Beteiligten, auch ich vermisse den Kleinen“.

von Christine Reder

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