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Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger gestorben

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Von: Ingrid Zasche

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Hans Magnus Enzensberger, 2013.
Hans Magnus Enzensberger, 2013. © dpa

Kaufbeuren/München – Im Stadtmuseum Kaufbeuren gibt es vier Räume, die aus Kaufbeuren gebürtigen Literaturgrößen gewidmet sind: Christian Jakob Wagenseil, Sophie von La Roche, Ludwig Ganghofer und Hans Magnus Enzensberger. Am 24. November ging es nun durch sämtliche Medien: der Autor, Medienkritiker, Mediengründer, Revolutionär, Publizist, Übersetzer Enzensberger – kurz: einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller und Intellektuellen – ist im Alter von 93 Jahren in München gestorben.

Bücherwand in der Enzensberger-Stube im dritten Obergeschoss des Stadtmuseums.
Bücherwand in der Enzensberger-Stube im dritten Obergeschoss des Stadtmuseums. © Zasche

Er hat neben Günter Grass, Martin Walser, Uwe Johnson und Heinrich Böll die Nachkriegsliteratur in Deutschland maßgeblich mitgeprägt.

Enzensberger wurde am 11. November 1929 in Kaufbeuren geboren. Mutter Leonore war die Tochter von Dr. phil. Richard Ledermann, auf den die Maximiliansgruppe des Tänzelfests zurückzuführen ist. Der Junge wuchs in Nürnberg auf. Von der Hitlerjugend wurde er als Querulant ausgeschlossen, musste jedoch gegen Kriegsende noch zum Volkssturm.

Nach dem Krieg machte er sein Abitur und ernährte laut Wikipedia seine Familie „als Schwarzmarkthändler, Dolmetscher und Barmann bei der Royal Air Force“. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie und promovierte 1955 mit einer Arbeit über Clemens Brentanos Poetik.

Enzensberger probierte vieles aus: Bis 1957 arbeitete er als Hörfunkredakteur beim SDR in Stuttgart für Alfred Andersch, der ihn als „zornigen jungen Mann der Literatur“ bezeichnete. Er mischte im Literaturclub „Gruppe 47“ mit, bei den rebellischen 1968ern sowie in der damaligen Außerparlamentarischen Opposition (APO). Sein 1965 gegründetes Kulturmagazin „Kursbuch“ war eine Art Pflichtlektüre in der linken Szene. Er war Verlagslektor bei Suhrkamp in Frankfurt, der später viele seiner Werke verlegte, verbrachte einige Zeit im sozialistischen Kuba, lebte in Norwegen, Italien, Mexiko, den USA und West-Berlin. 1979 kam er schließlich nach München.

Der vielseitige Schriftsteller schrieb sowohl unter seinem eigenen Namen als auch etlichen Pseudonymen Romane, Essays, Anekdoten, Erinnerungen sowie Lyrik und Dramen, Kinder- und Jugendbücher. Die Zahl der von ihm errungenen namhaften Literaturpreise ist Legion. 1963 – mit nur 33 Jahren – erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Im Jahr 2.000 wurde in Landsberg am Lech sein als Denkspiel gedachter Poesieautomat der Öffentlichkeit vorgestellt. Dieser befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach. 2019 erschien Enzensbergers letztes Buch „Fallobst“, worin er sich – nach wie vor kritisch – mit aktuellen Themen wie zum Beispiel Migration auseinandersetzt.

Zwar pflegte der Weltbürger Enzensberger wenig Beziehungen zu seiner Geburtsstadt Kaufbeuren, allenfalls besuchte er hin und wieder seine bis zu ihrem Tode 2008 hier lebende Mutter. Dennoch schrieb OB Stefan Bosse in einem Nachruf auf Facebook „In stiller Trauer nimmt Kaufbeuren Abschied von einem großen Sohn unserer Stadt“.

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