Musik für Semmeln, Holz oder Briketts

Die Kaufbeurer Sing- und Musikschule, seit 2005 nach dem Neubegründer Ludwig Hahn benannt, blickt in diesem Jahr auf 90 Jahre ihres Bestehens zurück. Sie zählt mit ihrer Geschichte und Tradition zu den ältesten Musikschulen in Deutschland.

Am kommenden Samstag, 3. Juli 2010, findet zum 90-jährigen Jubiläum der Musikschule ein Jubiläumskonzert im Stadtsaal Kaufbeuren statt. Ab 17 Uhr geht es um Rückblicke, Einblicke und Ausblicke: Eine Musikgala der Ludwig Hahn Sing- und Musikschule mit Chorschule, Jugendorchester, Ensembles und Solisten der Musikschule, dem Kammerchor Martinsfinken, der Tänzelfest-Knabenkapelle und vielen Gästen. Der musikbegeisterte Lehrer Hanns Frank machte im Jahr 1919 dem Bürgermeister Georg Volkhardt den Vorschlag, eine Singschule einzurichten. Da Volkhard als Gelegenheits-Geiger der Musik zugetan war, unterstützte er diese Idee. Mit dem Stadtratsbeschluss vom 16. April im Jahre 1920 wurde entschieden, „einen Unterkurs für Anfänger und Oberkurs für Fortgeschrittene“ einzurichten. 1921 wurde Frank zum Leiter der städtischen Singschule ernannt. Doch mit der Inflationszeit entstanden der Neugründung bereits die ersten Probleme – die Geldentwertung führte am 26. Oktober 1923 zu einem kuriosen Stadtratsbeschluss: „Das Schulgeld und die Musikalienbenutzungsgebühr betragen für das laufende Schuljahr (…) zusammen den Wert von zwei Semmeln. Zugrunde gelegt wird der Semmelpreis von 1. jeden Monats“. Am 21. August 1931 widerfuhr Hanns Frank das, was eigentlich nicht geschehen darf. In der Zeitung las er, dass die Stadt wegen „Geldknappheit“ den Betrieb der Schule zum 1. September einstellt. Unter Verzicht auf seine bisherige Bezahlung führte der tief gekränkte Frank die Schule weiter. Als Raum stand ihm nur das eigene Klassenzimmer zur Verfügung. Es blieb seiner Hartnäckigkeit und der Entschlossenheit der Eltern zu verdanken, dass die Kaufbeurer Musikschule nicht schon beizeiten in der öffentlichen Sparsamkeit versank. Seit 1932 wirkte auch Ludwig Hahn, der mit Hanns Frank freundschaftlich verbunden war, bei den öffentlichen Konzerten mit. Bürgermeister Hans Wildung rettete im Februar 1934 die Singschule vor dem Untergang und sorgte dafür, dass sie wieder den Charakter einer kommunalen Einrichtung erhielt. Im Jahr 1937 entfielen die Unterrichtsgebühren. Die Kaufbeurer Singschule gehörte damit zu den wenigen Instituten in Deutschland, die kostenfreien Unterricht erhielten. Im Kriegsjahr 1941 wurde die Schule aufgelöst. Im Juni 1945 kehrte Ludwig Hahn aus dem Gefangenenlager in Ulm zurück und bemühte sich schon im Herbst um eine Wiedereröffnung der Städtischen Singschule. Bürgermeister Volkhardt, der 25 Jahre zuvor die Gründung der Schule kräftig unterstützt hatte, musste ihn vertrösten, denn zunächst waren andere Probleme der Nachkriegszeit zu lösen. So entschloss sich Hahn zur Gründung einer Pfarrsingschule. Geprobt wurde in seinem Wohnhaus, Forettle 9, bezahlt wurde freiwillig mit Holzscheiten oder einem Brikett. Am 1. September 1954 entschloss sich die Stadtverwaltung eine „Städtische Singschule Altstadt“ unter der Leitung von Ludwig Hahn einzurichten. Das Schulgeld betrug damals eine Mark, Geschwister zahlten 50 Pfennige. Der Unterrichtsraum befand sich über dem Kuhstallgebäude der Gaststätte „Rosenau“. Man scherzte, dass die Kühe aufmerksam zuhörten und gelegentlich Intervalle in verblüffender Intonation gebrüllt hätten. Schließlich fand die Singschule im Haus Spitaltor 5 ihre Entfaltungsräume. Ludwig Hahn leitet die Singschule bis zu seinem Tod im Jahr 1973. Einige Jahre wurde sie durch seine Kinder in der Tradition des Vaters und Hanns Frank fortgeführt. So folgt das Konzertprogramm „Junggesang“ aus dem Jahr 1980, dem didaktischen Aufbau früherer Programme, bei denen stets die Kindersingklassen eins bis vier begannen, gefolgt von den fortgeschritteneren „Fortbildungsklassen“ bis hin zu den „Martinsfinken“. 1986 wurde der Musikschule eine neue Unterbringung im Martinsheim an der Josef-Landes-Straße zugewiesen. Wurden 1984 bei insgesamt 643 Schülern neben Blockflöte und Gitarre lediglich Klavier und Querflöte unterrichtet, so hatte sich bis 1989 das Angebot bereits um Gambe, Zither, Klarinette und Violine erweitert und die Zahl der Schüler auf 800 erhöht. Über Jahrzehnte hinweg gelang es der Stadt Kaufbeuren nicht, für die eigene Musikschule Chöre und Musikvereine, insbesondere für Stadtkapelle und Tänzelfest-Knaben- kapelle, adäquate Räume für Probearbeit und Unterricht bereitzustellen. Das Provisorium Martinsheim entwickelte sich zu einer schwer erduldeten Dauerlösung für alle Beteiligten. Im Jahr 2008 folgte der Abriss des Martinsheims. Die Ludwig Hahn Sing- und Musikschule ist nun in der Johannes-Haag-Straße 26 untergebracht. Unter einem Dach mit der Tänzelfest-Knabenkapelle und der Stadt- kapelle, mit den „Martinsfinken“ und der Allgäuer-Jazzinitiative findet sich nun die Musikschule in einem Haus der Musik. Die einstige Singschule bietet nun ein vielfältiges Angebot für alle Altersgruppen an und hat heute über 1000 Schüler.

Auch interessant

Meistgelesen

Festzug mit Hindernissen
Festzug mit Hindernissen
Stadt in festlichem Gewand
Stadt in festlichem Gewand
Blasmusik mit Hauch von Beachparty
Blasmusik mit Hauch von Beachparty
Tänzelfesteröffnung 2017
Tänzelfesteröffnung 2017

Kommentare