Wo früher bunte Stoffbahnen hingen

Nach Brand: Dachkonstruktion des historischen Färberhauses unwiederbringlich verloren. Was nun?

Abgerbanntes Haus in Kaufbeuren
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Die Brandruine. Wo einst das Färberhaus mit seinem markanten Dach stand, erinnern die Mauerstümpfe nicht mehr an dessen einstige Gestalt.

Kaufbeuren – Das markante Gebäude neben dem „Nackten Mann“ ist seit Montag umrahmt von einem rot-weißen Flatterband. Doch dieses verbirgt nicht, dass von dem historischen Gebäude kaum mehr als eine Ruine übrig geblieben ist. Ein Feuer zerstörte die 1766 erbaute „Hasenfärbe“. Binnen kurzer Zeit stand der gesamte Dachstuhl in Flammen (wir berichteten). Nach dem ersten Schrecken gilt es nun die Brandursache zu ermitteln und herauszufinden, wie es mit dem Gemäuer weitergehen kann und soll. Rekonstruktion oder Abriss?

„Die Intensität des Feuers macht es fragwürdig, ob da noch etwas zu finden ist“, sagte Feuerwehrkommandant Helmut Winkler, als er erfuhr, dass die Ermittler noch im Laufe der Woche den Brandherd zu suchen beginnen. „Das Feuer hat sich sehr schnell ausgebreitet und war schon nach kürzester Zeit von weitem zu sehen.“ Noch während der Anfahrt des ersten Löschzuges bewerteten die Brandbekämpfer das Einsatzgeschehen in seiner Brisanz höher. „Durch die dichte Bebauung und da die Flammen bereits bei der Anfahrt zu sehen waren, stuften wir den Alarm direkt auf B4“, sagte Winkler. Das bedeute, dass eine zweite Drehleiter und ein zusätzliches Löschfahrzeug zum Einsatz kommen. Dabei seien nur die Kaufbeurer Feuerwehren mit rund 80 Brandbekämpfern beteiligt gewesen, neben der Polizei und dem Rettungsdienst.

Zum Glück keine Verletzten

Um Wasserschäden zu vermeiden, sei Schaum zum Löschen verwendet worden. „Das ist nicht geglückt“, resümierte Winkler. Die kläglichen Reste des alten Hauses waren mit gefrorenem Löschmittel überzogen. Der komplett zerstörte Dachstuhl, beziehungsweise das, was davon übrig blieb, musste unverbindlich abgetragen werden. „Es entsteht ein Trümmerschatten rund um das Gebäude“, erklärte der Kommandant. Um die Brandnestersuche zu erleichtern und Passanten zu schützen, riefen sie die Firma Hubert Schmid hinzu. Auf einen Bagger des Bauunternehmens aus Marktoberdorf hätten die Feuerwehrleute nur eine Stunde warten müssen. Beim Abtragen des Brandschutts sei außerdem die Firma Höbel mit einem Lkw helfend eingesprungen. Erst als alle Brandnester beseitigt waren, nach neuneinhalb Stunden, fand dieser Einsatz ein Ende, sagte Winkler.

Trotz der widrigen Umstände mit Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt und einem sich sehr schnell ausbreitendem Feuer, gab es zum Glück keine Verletzten zu beklagen. An den angrenzenden Gebäuden sei kaum Schaden entstanden. Nur einige Fenster der Stadtbücherei sprangen durch die Hitzestrahlung und deren Rahmen hätten sich wohl verzogen, wusste der Kommandant zu berichten.

Das bestätigte auch die Stadtverwaltung. Der angekündigte „Click & Collect“-Service der Bücherei konnte deshalb nicht wie geplant am Dienstag starten. Solange die Aufräum- und Ermittlungsarbeiten nicht abgeschlossen sind, ist der Eingang zur Stadtbücherei und zur Rückgabebox nicht zugänglich.

Brandursache noch völlig unklar

Zur Brandursache gab es zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe am Donnerstag noch nichts zu sagen. Ein Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West brachte unsere Zeitung auf den aktuellen Ermittlungsstand. Zwar bestand zwei Tage nach dem Brand keine akute Einsturzgefahr, dennoch sei es den Ermittlern der Kriminalpolizei Kaufbeuren nicht möglich gewesen, zu der Stelle vorzudringen, wo das Feuer vermutlich begann. Durch das gefrorene Wasser war es zu gefährlich, die Ruine zu betreten. Erst nach einer Besichtigung, bei der Ermittler des Bayerischen Kriminalamts aus München, ein Gutachter der Versicherung und die Brandermittler des Fachkommissariats aus Kaufbeuren dabei sein werden, könne auch eine genauere Schadenssumme benannt werden.

Bei der Kripo, so der Pressesprecher, gibt es speziell ausgebildete Beamte. Ihr Job ist es, über ein Ausschlussverfahren herauszufinden, was für das Feuer verantwortlich war. Ob Fremdeinwirkung, ein Missgeschick oder ob es sich um einen technischen Defekt handelte, das gelte es in den kommenden Tagen herauszufinden.

„Die jetzige Situation schmerzt sehr.“

Als OB wird Stefan Bosse bei einem Brandfall zeitgleich wie die Feuerwehr benachrichtigt. So eilte auch er am Sonntagabend zum Unglücksort und sah den Dachstuhl in Flammen stehen. Ein Anblick, der ihn erschütterte. „Die Hasenfärbe hat das Stadtbild geprägt, die jetzige Situation schmerzt sehr“, sagte Bosse auf Nachfrage unserer Zeitung. Eine Rekonstruktion der „Hasenfärbe“ würde er „in jedem Fall unterstützen“ und der OB versuche nun, „mit den Eigentümern die Möglichkeiten dafür auszuloten“. Rekonstruktion würde bedeuten, bei einem Wiederaufbau die Grundmauern miteinzubeziehen. Ob dies jedoch überhaupt möglich ist, müsse sich noch zeigen. Da wegen der Ermittlungen der Kriminalpolizei und der eingeschalteten Sachverständigen der Ort noch gesperrt ist, bleibt offen, ob es die Chance für das historische Gebäude gibt, oder nur noch ein Abriss bleibt. In den kommenden Wochen wird ein Gespräch mit dem Hausbesitzer stattfinden. „Ich hoffe, dass es bald gelingt, ein gutes Konzept für einen Wiederaufbau zu verwirklichen“, wünscht sich Bosse.

Die „Hasenfärbe“ um 1900. Weit vorstehende Dächer hoben bereits damals die Häuser der Färber von allen anderen Gebäuden ab.

„Ein Stück Geschichte verloren“

Nachbarn riefen Helge Carl, Leiter des Bau- und Umweltreferats der Stadt Kaufbeuren, an. So erfuhr er vom Feuer und eilte hin. Der Anblick schmerzte auch ihn: „Das war wie ein kleines Inferno für mich. Ein kleines Stück Kaufbeurer Geschichte ging da einfach verloren.“ Identität, Heimat und das Stadtbild – Carl versteht die Erschütterung der Bürger und ihren Wunsch, das Färberhaus so originalgetreu wie möglich zu rekonstruieren.

Einen Wiederaufbau halte er durchaus für möglich und sinnvoll. Nicht zuletzt, da es sich um ein stadtbildprägendes Haus handle, sagte der Architekt und Baureferatsleiter. Nein, es gibt keine Baupläne des Dachstuhls, auch nicht im Stadtarchiv. „Dafür war die Färberei schlicht zu alt“, sagte Carl. Nur für das Sockelgeschoss gebe es Unterlagen aus dem Bauantrag der 50-er Jahre. Eine Pflicht für den Wiederaufbau gebe es nicht. Denn von der historischen Bausubstanz ist ohne das Dach, das denkmalgeschützt war, nicht mehr viel übrig. Doch dazu müsse sich das Landesamt für Denkmalschutz noch äußern.

In der Nähe mehrerer Denkmäler

In den kommenden Wochen wird der OB mit dem Eigentümer darüber sprechen, ob dennoch eine solche Entscheidung getroffen werden könnte. Nicht zuletzt, da das der Wunsch vieler Bürger sei und bereits Unterstützung aus der Bevölkerung zugesagt wurde. „Wir setzen da auf das Einvernehmen mit den Eigentümern.“ Weil die „Hasenfärbe“ in der Nähe zu anderen Denkmälern wie dem „Nackten Mann“ und der Schraderanlage, sowie gegenüber dem Ensemble der Altstadt steht, muss das zukünftige Gebäude laut Carl „damit auch verträglich sein“. Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, wie es mit dem Bauplatz weiter geht. „Wir werden auf eine sensible Lösung hinwirken, die hoffentlich in der Stadtgesellschaft auf Akzeptanz stößt“, betonte Carl.

Für Kaufbeuren charakteristisch

Wie es zu der „exzentrischen Form“ des alten Färberhauses kam, kann Dr. Ulrich Klinkert, Zweiter Vorsitzender des Wertachstädter Heimatvereins, nicht sagen. Da es jedoch an einer markanten, von vielen Seiten ersichtlichen Stelle und für einen Wirtschaftszweig steht, war es charakteristisch für die Stadt. „Die Jahrhundertelange Textiltradition war typisch für Kaufbeuren. Auf der einen Seite die Produktion, durch die Weber, auf der anderen die Veredelung, durch die Färbereien.“ Die weit überstehenden Dächer hätten Färbereien optisch von den anderen Gebäuden abgehoben. Daran seien früher bunte Stoffbahnen heruntergehangen. Die eindrucksvollste Dachkonstruktion der hier verbliebenen alten Färbereien hatte die „Hasenfärbe“. „Und das ist das Problem. Genau die ist jetzt weg“, bedauert Klinkert den Verlust. Die Frage sei, was nun komme. „Ich bin grundsätzlich kein Freund von historisierenden Rekonstruktionen“, gab der Vereinsvorsitzende zu. Allerdings fände er es „schön, wenn das historische Gebäude an dieser Stelle in irgendeiner Form erahnbar wäre“.

„Es muss eine gute Lösung sein.“

Dass die Situation sehr schwierig ist, sei ihm bewusst. Auch für den Eigentümer. „Wichtig ist, dass sich alle Beteiligten Zeit lassen, um eine Lösung zu finden. Denn es muss eine gute Lösung sein, da das ein sehr wichtiger, zentraler und markanter Punkt ist.“ Für die Stadtgestalt sei er von enormer Bedeutung. Dass an die einstige Funktion des Gebäudes erinnert wird, das wäre auch sein Wunsch. „Es ist keiner Stadt zu wünschen, dass sie aus austauschbaren Architekturformen besteht“, baut er darauf, dass sich mit vereinten Kräften um eine gute und charakteristische Lösung bemüht werde.

Selma Höfer

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