Haftstrafe für Lkw-Fahrer

Tod eines Radfahrers: 54-Jähriger wegen fahrlässiger Tötung verurteilt

Lkw Rad Unfall
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Ein 59 Jahre alter Radfahrer ist im Juli bei einem Verkehrsunfall in Pfronten ums Leben gekommen. Der Mann geriet unter einen Lkw und wurde von diesem überrollt. Nun wurde der Fahrer des 12-Tonners zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt.
  • VonSelma Höfer
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Kaufbeuren/Pfronten – Da niemand den Unfall gesehen hat, bei dem ein 59-jähriger E-Bike-Fahrer im Juli 2020 sein Leben verlor (der Kreisbote berichtete), plädierte der Anwalt des Angeklagten auf Freispruch. Wegen fahrlässiger Tötung fand am Amtsgericht Kaufbeuren vergangene Woche der Prozess gegen den Lkw-Fahrer statt. Und endete mit einer Haftstrafe ohne Bewährung. Für ein Jahr und drei Monate soll der 54-jährige Mann ins Gefängnis. Neben seiner Freiheit verliert er seine Fahrerlaubnis. Diese wird ihm entzogen und für eineinhalb Jahre gesperrt. Denn in der Straße in Pfronten, wo der Radler unter die Räder seines Lkw geriet, hätte er mit dem 12-Tonner nicht fahren dürfen.

„Das ist eine Rennstrecke“, sagte eine Zeugin, die in unmittelbarer Nähe des Unfallortes wohnt. „Egal wer und egal woher, alles fährt da durch.“ Seit Jahren würden die Anwohner sich deshalb bei der Gemeinde beschweren. So begründete sich auch der Vorwurf gegen den Angeklagten. „Es ist eigentlich eine Wohngebietsstraße und sehr schmal“, sagte die Polizistin, die den Unfall aufnahm. Es gebe eine klare Beschilderung: „Für Anlieger frei und 30 Kilometer pro Stunde“, erklärte der hinzugezogene Sachverständige für Straßenverkehrsunfälle. Im Schnitt sei die Straße 4,7 Meter breit. Gefahrlos sei Überholen nicht möglich und die für den Moment der Kollision errechnete Geschwindigkeit des Lkw habe 34 bis 38 Kilometer pro Stunde betragen, so der Sachverständige.

Weder die Witwe noch andere Zeugen sahen, wie es geschah. Der 59-jährige Pedelec-Fahrer geriet unter das rechte Vorderrad des 12-Tonners und wurde von diesem überrollt. Der Mann starb noch am Unfallort an Multiorganversagen durch Thoraxtrauma. So steht es im Obduktionsbericht, den der Richter verlas. Der Brustkorb wurde zertrümmert, das Herz und die Lunge zerrissen und die Aorta abgetrennt.

Witwe bricht in Tränen aus

Die 76-jährige Witwe des Verstorbenen Radfahrers berichtete, was passierte. Es fiel ihr schwer. „Es ist für mich unfassbar, so einen tollen Menschen zu verlieren.“ Sie brach in Tränen aus. Ihr Mann habe Fahrräder verkauft, anderen beigebracht wie man fährt. „Seit zehn Jahren fahren wir diese Strecke.“ An diesem Tag sei er voraus gefahren, als der Lkw hinter ihr ankam und sie überholte. Sie sei erschrocken und seitlich auf ein Stück Rasen ausgewichen. Dann habe sie ihren Mann nicht mehr gesehen und nach ihm gerufen. „Ich habe gar nicht mitbekommen, was da los ist.“ Dann habe sie den Lkw da stehen sehen. Ihren Mann darunter.

Eine junge Frau war dort an jenem Tag mit ihrer Familie spazieren. „Wir haben ein ‚Rums‘ gehört und dachten, da sei die Ladung verrutscht.“ Dann hätten sie Fahrradteile herumliegen gesehen. Der Lkw-Fahrer habe bereits telefoniert und so fühlte sie den Puls des schwerst verletzten Mannes, den sie unter dem Lkw erblickte. „Kurz darauf stand eine Frau hinter mir. Die fing an zu schreien.“ Damit diese ihren Mann nicht so sehen musste, habe die junge Frau eine Anwohnerin aufgefordert, sich um sie zu kümmern. Bis die Zeugin die Sirenen hörte, sei eine gefühlte Ewigkeit vergangen.

„Er konnte wohl kaum fassen, was da passiert ist.“

Auf die Ersthelferin habe der Fahrer geschockt gewirkt. Wie ein weiterer Zeuge aussagte, habe der 54-Jährige auf die Beleidigungen und das Schreien der Ehefrau, „Mörder, Arschloch“, nicht reagiert. „Der konnte wohl kaum fassen, was da passiert ist und sagte nur: ‚Der ist mir einfach vor den Lkw gefahren‘“, so die Aussage des Zeugen.

Als die Polizeistreife ankam, saß der Fahrer in seinem Lkw. Er habe sichtlich unter Schock gestanden, sagte die Polizistin. Sie habe sich kaum mit ihm unterhalten können. Er habe nur gesagt, dass der E-Bike-Fahrer mittig vor ihm fuhr und ihm den Stinkefinger zeigte. Dann sei er ihm direkt vor den Wagen gefahren.

Keine Vorstrafen

Es gibt laut Bundeszentral- und Fahreignungsregister keine Vorstrafen oder Eintragungen gegen den Angeklagten und er hatte 0,0 Promille, zählte der Richter auf. Aussagen oder Stellung beziehen wollte der 54-Jährige nicht. Auch lag eine ärztlich Bescheinigung vor, dass er sich in regelmäßiger psychiatrischer Behandlung befinde. An einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leide sein Mandant, so der Anwalt. Das belege ein aktuelles ärztliches Attest.

Den Brief an die Tochter, eine „Gedankenerklärung“, beantragte der Verteidiger des 54-Jährigen als Beweis vorlesen zu dürfen. Darin beschrieb der Angeklagte, wie schwierig es für ihn sei, über das Geschehene zu sprechen. Es verfolge ihn, er habe jede Nacht Alpträume und so massive Schlafstörungen, dass er Tabletten nehmen müsse. Zwei Monate war er deshalb in einem Traumazentrum. Dort soll er erneut hin, habe sein Psychiater geraten. „Der Radler vor mir fuhr unmotiviert und zeigte mir den Stinkefinger. Er gab mir ein Handzeichen zum Überholen, dann ist er aber unvermittelt abgebogen. Das sind Bilder, die ich Nacht für Nacht vor Augen habe“, stand in dem Brief.

„Wie hat sich der Pedelec-Fahrer verhalten?“

„Es gibt keine Zeugenaussage zum Geschehen“, sagte der Anwalt. Auch der Sachverständige stellte die Frage in den Raum: „Wie hat sich der Pedelec-Fahrer verhalten?“ Er müsse den Lkw gehört haben, hätte Handzeichen geben müssen und hätte auf das Abbiegen verzichten können. „Aber das ist eine Rechtsfrage“, so die Aussage des Verkehrsexperten.

„War das Ende objektiv absehbar?“, fragte der Verteidiger. Das sei nicht der Fall, wenn ein unvorhersehbares Verhalten des Opfers vorliege. Einem Opfer, das 0,48 Promille Blutalkohol aufwies, fasste der Verteidiger zusammen. „Heißt es nicht ‚In dubio pro reo – Im Zweifel zugunsten des Angeklagten‘?“ Der Anwalt des Lkw-Fahrers beantragte Freispruch.

Staatsanwalt fordert elf Monate auf Bewährung

Ohne den Brief, gab der Staatsanwalt zu, hätte er „über ein Jahr ohne Bewährung“ beantragt. Obwohl keinerlei Vorstrafen vorliegen, betonte er. Denn die Tat an sich sei eindeutig und es handle sich um „Verkehrsverstöße in derbster Kategorie“. Es sei ohne Zweifel eine fahrlässige Tötung. „Sie hätten dort nie im Leben überholen dürfen, auch nicht mit Handzeichen des Radfahrers“, sagte der Staatsanwalt. Dennoch könne niemand sagen, ob sich der Radler ordnungsgemäß verhielt. Ein Mitverschulden sei demnach nicht auszuschließen. Er forderte elf Monate, ausgesetzt zur Bewährung mit einem Entzug der Fahrerlaubnis und einer zweieinhalbjährigen Sperre, diese wieder zu erlangen. „Sie sind genug gestraft mit den Folgen des Geschehenen.“

Das Urteil

Das Gericht, sagte der Richter, „geht von einem Abbiegezeichen aus“. Der Angeklagte habe das Signal des Opfers missverstanden und „so interpretiert, wie er es interpretieren wollte.“ Der Brief diene als reine Schutzbehauptung. Der 54-Jährige habe sich nicht auf die Verhandlung eingelassen und weder Reue noch Einsicht gezeigt, oder sich bei der Witwe entschuldigt. Aufgrund der Tatsache, dass er dort nicht fahren durfte und die vorgeschriebenen Vorsichtsmaßnahmen beim Überholen nicht eingehalten hat, wurde der Angeklagte zu einem Jahr und drei Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Auch die Fahrerlaubnis wird ihm für mindestens eineinhalb Jahre entzogen. Eine Woche hat der Mann Zeit Berufung oder Revision zu beantragen. Ansonsten ist das Urteil rechtskräftig. „Der Angeklagte hat alles falsch gemacht, was er hätte falsch machen können“, war die Ansicht des Richters.

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