Menschenfeindliche Landschaften

Neue Ausstellung „Terra Infirma“ im Kunsthaus Kaufbeuren

Das Video „Black Ice“ von Nathalie Grenzhaeuser macht die Verschmutzung der Gletscher und ihr dadurch begünstigtes Abschmelzen sichtbar. In der Ausstellung sind Videostills aus „Black Ice“ (2016, Full HD, 7 Min) zu sehen.
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Das Video „Black Ice“ von Nathalie Grenzhaeuser macht die Verschmutzung der Gletscher und ihr dadurch begünstigtes Abschmelzen sichtbar. In der Ausstellung sind Videostills aus „Black Ice“ (2016, Full HD, 7 Min) zu sehen.
  • Ingrid Zasche
    VonIngrid Zasche
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Kaufbeuren – „Terra firma“ ist in der Geographie ein stehender Ausdruck für „festen Boden unter den Füßen“. Auf „unsicheren Boden“ begibt sich dagegen die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Irit Rogoff von der University of California in Los Angeles mit ihrem Buch über Geographie in der Kunst, das sie „Terra infirma“ genannt hat. So heißt nun auch die neue Ausstellung im Kunsthaus Kaufbeuren, die kürzlich eröffnet wurde. Darin beschäftigen sich drei Gegenwartskünstlerinnen mit Veränderungsprozessen vor allem in extrem entlegenen und schlecht zugänglichen Teilen der Welt: Die Berliner Foto-Künstlerin Nathalie Grenzhaeuser, die Bildhauerin und Foto-Künstlerin Magdalena Jetelová und die irische Künstlerin und Filmemacherin Clare Langan. Bei der Eröffnung anwesend sein konnte von diesen drei nur Nathalie Grenzhaeuser, von welcher der größte Teil der gezeigten Bilder stammt.

Die Schönheit menschenfeindlicher Landschaften: „Arctic Haze“ (Arktischer Nebel) von Nathalie Grenzhaeuser, Serie „Coincidence“, 2016.

Nathalie Grenzhaeuser betrachtet in ihren Fotos die Beziehung zwischen Architektur und Topografie. In drei Serien zeigt sie die Schönheit der wilden, menschenfeindlichen Landschaft: In „Arctic Research“ stellt sie die unwirtliche Gegend im Inselarchipel Spitzbergen den Aspekten menschlicher Nutzung und neuester umweltwissenschaftlicher Forschung gegenüber. In „Coincidence“ sind Aufnahmen von astronomischen Phänomenen wie Meteoriten oder einer Sonnenfinsternis in eisiger Umgebung zu sehen. Die Serie „Black Ice“ macht die Verschmutzung der Gletscher und ihr dadurch begünstigtes Abschmelzen sichtbar. Mit ihren Bildern gelinge es der Fotografin, gleichzeitig sowohl Assoziationen an die Malerei der Romantik des 19. Jahrhunderts hervorzurufen als auch an das Genre der Science Fiction in Literatur und Film, sagte Kunsthausleiter Jan T. Wilms. Befragt, ob ihr die arktischen Temperaturen nichts ausgemacht hätten, gibt die Künstlerin zu, „es war manchmal schon sehr kalt“. Aber sie würde sofort wieder hingehen, wenn sich ein Projekt ergebe.

Weltweit bekannt wurde Magdalena Jetelová als Bildhauerin monumentaler Holzskulpturen und als Installationskünstlerin. Doch auch ihr fotografisches Werk erfährt seit Jahren internationale Aufmerksamkeit. In der Ausstellung werden großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Werkzyklen „Atlantic Wall“ und „Iceland Project“ präsentiert. Das „Iceland Project“ ist dem transatlantischen Rücken gewidmet. Dieses rund 15.000 Kilometer lange Gebirge auf dem Meeresboden ist Teil eines geologischen Schwellensystems, das sich auf dem Boden der Ozeane über 70.000 Kilometer erstreckt und die ganze Erde umspannt. Island ist der einzige Ort, an dem ein zusammenhängendes, rund 350 Kilometer langes Teilstück des ozeanischen Gebirges über der Wasseroberfläche sichtbar wird. Entlang dieser geologischen Schwelle zeichnet Jetelová mit dem Laser eine Lichtspur unmittelbar ins Gelände. Viele der von der deutschen Wehrmacht zwischen 1942 und 1944 an den Küsten des Atlantiks und der Nordsee als Atlantikwall errichteten Bunker, Schieß- und Beobachtungstürme wurden nach Kriegsende nicht gesprengt, sondern der Natur überlassen und vergessen. Darauf legt die Künstlerin im Zyklus „Atlantic Wall“ Lichtzeichnungen, als wäre der Laserstrahl ihr Bleistift.

In der Serie „Iceland Project“ zeichnet Magdalena Jetelová mit dem Laser eine Lichtspur entlang des nur in Island über der Wasseroberfläche sichtbaren Teilstücks des transatlantischen Rückens.

Die drei geradezu meditativen Filme von Clare Langan offenbaren die Schönheit und die Tragik von Veränderungsprozessen in Landschaften, in Metropolen oder auch in menschlichen Beziehungen. „Flights from the City“ beschreibt symbolisch das Erwachsenwerden und die Loslösung eines Kindes von der Mutter. In der Filminstallation „The Floating World“ (2015), zeigt Langan zunächst die irische Insel Skellig Michael am äußersten Rand Europas, auf der sich eines der am schwersten zugänglichen mittelalterlichen Klöster Irlands aus dem 7. Jahrhundert befindet. Dem folgen Aufnahmen der hypermodernen Metropole Dubai und der Karibikinsel Montserrat.

Den Film „The Heart of a Tree“ (2020) hat Langan gemeinsam mit dem Oscar-nominierten Kameramann Robbie Ryan in Island gedreht. Ein Filmstill daraus hat kürzlich den Vision Curtin O‘Donoghue Photography Prize gewonnen. In dem Film verknüpft die Künstlerin Bilder düsterer, verfallener Landschaften mit fantastischen, traum­artigen Sequenzen. In diesen postapokalyptisch anmutenden Filmlandschaften befindet sich alles in langsam fließender Bewegung. Die Elemente Wasser, Erde, Luft, Nebel und Wolken scheinen zu schweben oder gar auf dem Kopf zu stehen, Licht und Sound entrücken den Betrachter der Wirklichkeit. Diese Komposition des Isländers Jóhann Jóhannsson haben die Ausstellungsmacher ganz bewusst über den Filmbereich hinaus der gesamten Ausstellung als Hintergrundmusik unterlegt.

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