Neue Serie: Schwierige Situationen in Schulklassen fordern mehr Kreativität

Wenn neue Wege Schule machen

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Zwischen einer und drei Stunden sitzen Kinder zuhause bei den Hausaufgaben.

Kaufbeuren – Endlich Herbstferien! Doch der Schulalltag hat uns auch in Kaufbeuren wieder eingeholt. Oft stellt er eine Herausforderung für Schüler, Eltern, Lehrer, Schulleiter, Unterstützungspersonal und für das ganze Schulsystem dar.

Felicitas Freuding, eine erfahrene Kaufbeurer Lehrkraft, fasst die derzeitige Situation zusammen. Die Sachlage könne sich je nach Schulart und Altersstufe sehr unterschiedlich darstellen, aber einige Probleme würden für alle Schulen gelten. So gebe es Druck für viele Schulbesucher und der beginne schon in den untersten Klassen, wenn nicht sogar in den Kindergärten.

Christian Gebauer, Rektor der Jörg-Lederer-Mittelschule, bezieht deutlich Stellung: Die tatsächlichen Fähigkeiten, Interessen und das Leistungsvermögen des Kindes sollten bei seiner schulischen Entwicklung im Vordergrund stehen. Stattdessen würde das Thema Schule oft von der Angst bestimmt, das Kind könnte den Anschluss verpassen, die vermittelnden Kenntnisse der Mittelschule könnten nicht ausreichend sein, so dass der Schüler sich später im Leben mit untergeordneten und schlecht bezahlten Tätigkeiten abfinden müsste. Unbegründete Ängste, denn die Mittelschulen würden ausgezeichnet auf eine Facharbeiter-Ausbildung vorbereiten, so Gebauer. Das wichtigste pädagogische Prinzip würde oft vergessen: Die beste Schule für das Kind ist die, die am angemessensten zu seinen Bedürfnissen, Veranlagungen und seinem Können passt.

Im Idealfall hat der neueingeschulte Maximilian Spaß, mit den andern Erstklässlern die Welt der Zahlen und Zeichen zu entdecken. Die Freude kann jedoch schnell vergehen, wenn die Erwartungen von Eltern und Lehrern zu groß werden. „Drei Stunden Hausaufgaben und Schulvorbereitung an der Realschule und eine Stunde an der Grundschule sind normal“, erklärt Katharina Roloff, eine Mutter aus Oberbeuren, die wohl stellvertretend für viele stehen kann.

Zunehmender pädagogischer Bedarf

Michael Böhm, Leiter des Stadtjugendrings, weist darauf hin, dass die Situation in seinem dreißigjährigen Berufsleben in der Jugendarbeit schwieriger geworden sei. Kinder seien mehr konsum-orientiert und sie würden mehr ihrer Freizeit allein vor Fernsehen oder Computer verbringen. Bei höheren Schulen käme noch der Leistungsdruck hinzu. Ein Teil der Eltern könnte laut Böhm seinen Erziehungsaufgaben nicht voll gerecht werden. Schulprobleme oder sogar Verhaltensauffälligkeiten seien oft die Folge. Hilfsangebote des Schulsozialdienstes können von Eltern vielfach in solchen Fällen nicht angenommen werden.

Einen Unterschied macht es allerdings, ob eine pädagogische Einrichtung in einem Vorort oder im Stadtzentrum liegt. Rektor Gerald Reglin weist darauf hin, dass auch seine kleine Grundschule Hirschzell durch die Ganztags-Betreuung vor ganz neue pädagogischen Aufgaben gestellt würde.

Die aktuelle Situation an vielen Schulen: Viele Kinder haben einen Migrations-Hintergrund. Eine multi-kulturelle Klassengemeinschaft ist auch in Kaufbeuren längst keine Ausnahme. Reglin betont, unter den günstigen Bedingungen in seiner Schule stelle das oft eine kulturelle Bereicherung dar, aber es könne auch schon einmal zur pädagogischen Herausforderung werden. Dies gelte besonders, wenn die Kinder nicht oder nicht ausreichend die deutsche Sprache beherrschten. In Hirschzell genügen acht bis zehn zusätzliche Deutschstunden, um dem Bedarf gerecht zu werden. In anderen Schulen sind Übergangsklassen erforderlich, die sich schwerpunkmäßig auf die Vermittlung der Sprache konzentrieren,

Viele Lehrer werden mit der Lehrerin Felicitas Freuding die Meinung teilen, dass es den Kindern heute oft schwerer fällt, Grenzen zu akzeptieren, sich an vorgegebene Regeln zu halten. Das heißt, dem Lehrer käme viel mehr die Aufgabe zu, Kinder zu erziehen. Kreativität und Fingerspitzengefühl seien immer mehr gefordert. Die Hilfe von Freiwilligen und Eltern sei bereichernd.

Die gute Nachricht

Bildungspolitik und Schulpädagogik werden in vielen Fällen den sich verändernden Bedürfnissen und Bedingungen angepasst. Notwendige Mittel und zusätzliches pädagogisches Personal werden zur Verfügung gestellt. So stehen beispielsweise dem Stadtjugendring, der Kooperationspartner von vier Kaufbeurer Schulen ist, nach Aussagen von Ralf Einfeldt, dem Verantwortlichen für die Finanzen, in diesem Jahr knapp eine halbe Million Euro für diesen Bereich zur Verfügung. Die Aufgabenteilung ist nach Aussagen von Reglin geklärt: Am Morgen steht die Schule in der Pflicht, und am Nachmittag sorgt der Kooperationspartner für die einstündige Hausaufgabenbetreuung und die anschließende Freizeitgestaltung.

Auch beim Unterricht sorgen zusätzliche Programme dafür, dass die Lehrer nicht mehr allein vor der Klasse stehen. Immer mehr machen kreative Maßnahmen und Förderprogramme Schule. Eltern, Freiwillige und pädagogische Fachkräfte helfen im Schulalltag mit. Beate Schütz, die Verantwortliche für diese Arbeit, gibt sich zufrieden: „Wir vom Stadtjugendring freuen uns, dass im Bereich des Ganztagsunterrichts die Kreativitätstechniken und Methoden der Jugendarbeit eingesetzt werden können.“

Und auch diese zusätzlichen Helfer werden nicht allein gelassen. So gibt es zum Beispiel in der Bürgerstraße in Neugablonz seit 2014 ein Bildungsbüro. Nach Angaben von Tanja Stölzle, der Leiterin, erfasse dieses Amt der Stadt Kaufbeuren den pädagogischen Bedarf in Kindergärten und Schulen. Gemeinsam mit den Einrichtungen würden Lösungsmöglichkeiten erarbeitet. Dieses Amt übernimmt auch einen großen Teil der verwaltungstechnischen Abwicklung, um an die entsprechenden Fördermittel zu gelangen.

Würden Eltern also einen bestimmten pädagogischen Bedarf feststellen, biete sich folgende Möglichkeit an: Erst sollten mit der Schulleitung oder der Lehrkraft abgeklärt werden, was es bereits an Maßnahmen gibt. Sollten diese nicht oder nur unzureichend greifen, könne über den Einrichtungsleiter und das Bildungsbüro geklärt werden, welche Möglichkeiten es für ein ergänzendes Förderprogramm gibt. Auf diese Weise würden derzeit bereits sehr unterschiedliche Schulprojekte durchgeführt.

Aufruf: „Schule anders“

Anlass genug, sich die Arbeit vor Ort näher anzusehen. Deshalb soll mit konkreten Beispielen in den kommenden Wochen unsere kleine Artikelserie „Schule anders“ zeigen, welche kreativen Ansatzpunkte in Kaufbeurer Einrichtungen bereits bestehen. Die Auswahl beschränkt sich nicht nur auf akute Mangelsituationen und auf Schüler mit Migrationshintergrund, sondern betont die Kreativität und Besonderheit des pädagogischen Vorgehens an verschiedenen Kaufbeurer Schulen. Insofern werden alle pädagogischen Einrichtungen gebeten, sich an die Redaktion des Kreisbote (E-Mail an redaktion-kf@kreisbote.de) zu wenden, wenn sie innovative Projekte verfolgen. Anregungen über neue Lösungsansätze und eine Vertiefung der Diskussion kommt allen zugute.

von Peter Suska-Zerbes

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