Sudetendeutsche Schicksale nach 1945

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OB Stefan Bosse (v. li.), Irene Novák, Hannelore Singer (eine der Porträtierten), Christa Petrásková und Petra Laurin bei der Ausstellungseröffnung.

Kaufbeuren-Neugablonz –„Schicksale. Die Deutschen im Isergebirge nach 1945“ heißt die am 9. März im Isergebirgs-Museum eröffnete neue Ausstellung. Sie umfasst Teil eins und zwei eines vierteiligen Gemeinschaftsprojektes des „Kulturverbandes der Deutschen und Freunden der deutschen Kultur“ unter Leitung von Irene Novák und dem von Petra Laurin geführten „Haus der deutsch-tschechischen Verständigung“ in Reinowitz. Gefördert wird das Projekt durch den Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds und das Bundesministerium des Innern.

Petra Laurin und Irene Novák entwickelten die Ausstellung gemeinsam mit der Gablonzerin Christa Petrásková, die 1945 in ihrer angestammten Heimat verblieben war. Aus Tausenden von Karteikarten im Bezirksarchiv Gablonz stellten sie Biografien zusammen. Ergänzt werden diese durch Hintergrundinformationen zur Vorgeschichte der Deutschen in Böhmen, durch Berichte über die Ereignisse kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und das Leben der heimatvertriebenen oder heimatverbliebenen Deutschen danach. Besonders ausführlich werden im ersten Teil (über die Jahre von 1945 bis 1948) die regionalen Lager von Albrechtsdorf bis Reichenberg beschrieben. In der Tschechoslowakei waren über 1000 Sammellager, 850 Vertreibungs- und über 200 Arbeits- und Internierungslager entstanden. Der zweite Teil befasst sich mit den Jahren 1949 bis 1968. Teil drei und vier sind in Vorbereitung: Teil drei wird die Schicksale vor allem der in Tschechien verbliebenen Deutschen während des sogenannten „realen Sozialismus“ zwischen 1969 und 1989 behandeln. Der letzte Teil widmet sich der Zeit von 1990 bis heute.

Im Rahmen der Ausstellungseröffnung fand im voll besetzten Großen Saal des Gablonzer Hauses eine Gedenkfeier zum „Tag des Selbstbestimmungsrechts“ statt. Mit diesem Tag erinnert der Gablonzer Heimatkreis alljährlich, stellvertretend für alle Sudetendeutschen Verbände in der Region, an die Ereignisse des 4. März 1919: 54 Menschen wurden von tschechischem Militär getötet, als Hunderttausende Sudetendeutsche friedlich für ihr Selbstbestimmungsrecht als Deutsche und für einen Verbleib bei Österreich demonstrierten. 

Erstmals wurde dieses Gedenken gemeinsam mit Partnern aus Tschechien und der Stiftung Isergebirgs-Museum begangen. Grußworte sprachen Oberbürgermeister Stefan Bosse, Petra Laurin und Heimatkreisbetreuer Dr. Thomas Jahn. Im Anschluss führte Christa Petrásková mit Lichtbildern in die Ausstellung ein. Diese war ursprünglich zur Aufklärung der tschechischen Mitbürger konzipiert, von denen noch vor 20 Jahren jeder zweite gedacht habe, die Vertreibung sei gut und richtig gewesen. Überhaupt seien die Vertriebenen ja in den „goldenen Westen“ geschickt worden, wo es ihnen gut ginge. Man hatte keine Vorstellung von den Trümmerbergen, die hier zunächst einmal aufgeräumt werden mussten. Aber auch denjenigen, die mit dem so genannten „Gottwald-Schein“ (Gottwald, der spätere Ministerpräsident der CSSR, war für die Wirtschaft zuständig) als Facharbeiter zwangsverpflichtet wurden und – wenn auch enteignet – bleiben „durften“, erging es nicht viel besser. Eine weiße Armbinde mit „N“ für Nemec (= Deutscher) kennzeichnete sie – ähnlich wie ein Judenstern – als rechtlos. 

Am Beispiel von Familie und Bekannten beschrieb Petrásková anrührend einige Schicksale. Das sei eine ungewöhnliche Art, den Gedenktag zu begehen, fasste Dr. Martin Posselt vom Stiftungsrat des Isergebirgs-Museums abschließend zusammen: „Nachdenklich, aber schön wie ein Familientreffen und mit Herzblut zusammengestellt“.

Für diese Ausstellung muss man sich Zeit nehmen, denn es gibt viel zu lesen – allerdings nur halb so viel, wie es zunächst scheint, denn alle Tafeln sind zweisprachig tschechisch-deutsch. Nach Neugablonz, wo die Wanderausstellung bis zum 28. Mai zu sehen ist, soll sie in Augsburg gezeigt werden.

von Ingrid Zasche

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