Das Erinnern weitertragen

Neuer Gedenktag für die Befreiung der Euthanasieopfer am BKH

Gedenktag mit 165 weiße Rosen und Schüler der Krankenpflegeschule Kauf­beuren
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165 weiße Rosen und Schüler der Krankenpflegeschule Kauf­beuren erinnern an die Patienten, die zwischen dem 27. April und dem 2. Juli 1945 noch getötet wurden.

Kaufbeuren – Am 2. Juli 1945 betraten amerikanische Offiziere erstmals die Heil- und Pflegeanstalt, obwohl sich Kaufbeuren schon seit dem 27. April 1945 unter amerikanischer Verwaltung befand. Schockiert entdeckten sie „eine totale Ausrottungsmaschinerie“. Nur wenige verängstigte und ausgemergelte Patienten hatten die gezielten Gift-Tötungen der nicht arbeitsfähigen Erkrankten oder die „Hungertherapie“ des Euthanasie-Erlasses überlebt. Der erschütternde Bericht des damaligen Presseoffiziers ging um die Welt. Dieses Jahr gedachte man nun der Euthanasieopfer am Bezirkskrankenhaus (BKH) Kaufbeuren-Irsee zum ersten Mal nicht mehr zusammen mit dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar, sondern separat am 2. Juli, dem tatsächlichen Jahrestag der Befreiung des BKH. 

Schon seit einigen Jahren stellt sich auch Kaufbeuren verstärkt seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus – mit der Verlegung von Stolpersteinen, mit Ausstellungen und mit der Herausgabe von erschütternden Dokumentationen. Nach der Aufdeckung der Euthanasie-Gräuel stand zunächst die Bestrafung der Täter im Vordergrund. Das Hauptanliegen von Professor Dr. Michael von Cranach, von 1980 bis 2006 Direktor des BKH, ist jedoch nach wie vor „den Opfern die Würde zurückzugeben“. Auch Bezirkstagspräsident Martin Sailer und Professor Alkomiet Hasan, Vorstandsmitglied der Bezirkskliniken Schwaben betonten in ihren Grußworten, wie wichtig es jetzt und in Zukunft sei, die Geschehnisse und vor allem die Opfer niemals zu vergessen. Deshalb hätten auch Mitarbeiter und Auszubildende der Bezirkskrankenhäuser ausdrücklich die Aufgabe, „das Erinnern weiterzutragen“.

Warum wurden die Amerikaner nicht aktiv?

Wie war es möglich, dass das Töten im BKH nicht nur 66 Tage nach der Übernahme, sondern sogar noch ganze 55 Tage nach dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai fortgesetzt werden konnte, während die Dynamit Nobel Munitionsfabrik in Kaufbeuren-Hart bereits nach wenigen Tagen der Militärverwaltung bekannt war? Professor Dr. Michael von Cranach konnte zusammen mit Dr. Petra Schweizer-Martinschek vom Historischen Archiv des BKH keine Antwort darauf finden und lediglich Vermutungen anstellen: die Bevölkerung und die rund fünfhundert Beschäftigten der Heil- und Pflegeanstalt haben demnach sicher keinerlei Interesse gehabt, die amerikanischen Truppen auf die Vorgänge in der Anstalt hinzuweisen, um dann womöglich als Mitwisser oder gar Mittäter selbst angeklagt zu werden. Zudem bestand Angst vor ansteckenden Krankheiten wie zum Beispiel Typhus. Und von Familienangehörigen werden bis heute psychische Erkrankungen in der Familie oftmals schamhaft verschwiegen. Am Abbau dieser Stigmatisierung arbeitet von Cranach schon seit Beginn der 80er Jahre.

Dr. Georg Simnacher, damals Bezirkstagspräsident von Schwaben, hat von Cranach von Anfang an darin und in der Aufarbeitung des vorher weitgehend tabuisierten Themas Nationalsozialismus gegen viele Widerstände - auch im BKH - unterstützt. Glücklicherweise hat die Behandlung von psychischen Erkrankungen seit etwa den 70er Jahren große Fortschritte gemacht und auch „das dunkelste Kapitel der Psychiatriegeschichte“ (Sailer) wird inzwischen nicht mehr totgeschwiegen. Vielmehr könnte in den nächsten Jahren sogar eine museale Gedenkstätte oder ein Dokumentationszentrum zur NS-„Euthanasie“ am BKH entstehen. OB Stefan Bosse hatte hierzu die Unterstützung der Stadt zugesagt.

Weiße Rosen zum Gedenken

1989 wurde von den Mitarbeitern des BKH ein großer Findling als Gedenkstein finanziert. Allerdings durften wegen des bis 2016 gültigen Archivgesetzes darauf die Nachnamen der Opfer nur mit den Initialen festgehalten werden. Diesen Gedenkstein schmückten jetzt 165 erlesene weiße Rosen, eine für jeden der Patienten, die zwischen dem 27. April und 2. Juli 1945 im BKH noch umgebracht wurden. Für alle Opfer wurde ein gemeinsames Gebet gesprochen. Nachdem Krankenpflegeschüler ausgewählte Textstellen aus dem Bericht der amerikanischen Offiziere vorgetragen hatten, verteilten sie die Rosen an die Anwesenden aus Politik und Kirche sowie der Klinikleitung zum Gedenken.

Aus Anlass des neuen Gedenktages wurde auch ein weiterer Band der Schriftenreihe des Historischen Archivs des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren vorgestellt mit dem Bericht der amerikanischen Offiziere als Herzstück. Dr. Petra Martinschek, Prof. Dr. Michael von Cranach und andere behandeln darin in verschiedenen Aufsätzen die Jahre 1945 bis 1949, die letzten Kriegsmonate in der Anstalt, die Befreiung am 2. Juli 1945 sowie die anschließende Zeit.

Ingrid Zasche

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