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75 Jahre Neugablonz: Ein Ort zum Leben für Alt und Jung

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Von: Ingrid Zasche

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Neugabiläum: Martin Hollmann beim Glasdrücken 2022
Martin Hollmann beim Glasdrücken. © Zasche

Neugablonz – 2021 wurde die Erfolgsgeschichte des Vertriebenenorts Neugablonz 75 Jahre alt. Vom 9. bis 12. September soll das mit dem „Neugabiläum“ gebührend gefeiert werden.

Seit seinen Anfängen hat sich in Neugablonz viel verändert. Der Kreisbote lässt stellvertretend für die bunte Menschenvielfalt, die hier eine Heimat gefunden hat, acht ganz unterschiedliche Neugablonzer Bürger zur Wort kommen. Sie haben als Vertriebene oder aus beruflichen Gründen Neugablonz als Wohnort gewählt, sind hier aufgewachsen oder gar zur Welt gekommen. Teil fünf der Serie bestreitet der 1964 in Gablonz an der Neiße geborene Martin Hollmann.

Glasdrücker nicht vertrieben

Die Eltern von Martin Hollmann, seine Mutter Eva, (geborene Dosdraschil aus Obermaxdorf, Jahrgang 1943), und Vater Erich Hollmann (Jahrgang 1930) aus Morchenstern wurden 1945/46 bei der Vertreibung nicht mit ausgewiesen. Sie „durften“ in Gablonz bleiben, weil der Glasdrücker dort als unentbehrlicher Facharbeiter gebraucht wurde.

Bis 1967 dauerten später die Bemühungen um eine Ausreisegenehmigung. Bei der Ankunft in Neugablonz war der kleine Martin dreieinhalb Jahre alt. Er besuchte zunächst die Stifter-Schule, später die Leutelt-Schule. Die Mittlere Reife bestand er in der Sophie-La Roche-Schule. Ab 1982 absolvierte er eine Ausbildung als Kaminkehrer, die er mit einem Abschluss als Geselle beendete.

Im Dezember 1991 erfolgte die Meisterprüfung als Schornsteinfegermeister. Parallel dazu hatte Martin Hollmann schon seit 1978 als Gehilfe in des Vaters Glasdrückerei sein Taschengeld aufgebessert und so auch dieses Handwerk von der Pike auf gelernt. Bis 2003 arbeitete er in einer in der Knopfgasse gemieteten Drückerhütte, dann machte er sich als Glasdrücker mit einer Werkstatt im 2001 gebauten Haus selbständig.

Endlich selbständig

Dabei kamen ihm die Kaminkehrerkenntnisse über Feuerstätten bei der Wartung seines Drückerofens sehr zugute. Im Jahr 2013 besuchten die Macher der „Sendung mit der Maus“ Neugablonz, um kindgerecht über die hiesige Schmuckherstellung zu berichten. Teil dieser Fernsehdokumentation war auch der Glasdrücker Martin Hollmann, dem es wichtig ist, das Handwerk der Gablonzer noch solange wie möglich zu erhalten.

neugabiläum: Mutter Eva schert und säumt für Sohn Martin Hollmann. 2022
Mutter Eva schert und säumt für Sohn Martin. © Zasche

Herr Hollmann, wann und wie sind Sie nach Neugablonz gekommen?
Martin Hollmann: Als meine Eltern 1967 endlich eine Ausreisegenehmigung erhalten haben, sind sie mit mir aus Morchenstern zunächst nach Nürnberg, dann ins Lager Neuburg gekommen. 1968 ist der Vater schließlich als selbständiger Glasdrücker in die Radlerstraße gezogen. Meine Mutter hat schon für den Vater geschert und gesäumt, sprich: die Grate von Glasstücken mit einer speziellen Schere entfernt und die Ränder glatt geschliffen – und tut das auch für mich.

Aufträge habe ich vorläufig noch genug. Ich produziere neben gläsernen Schmuckknöpfen vor allem für Trachten viele technische Linsen in allen Farben, Köpfe für Salz- und Pfefferstreuer sowie Tieraugen für Stofftiere und Tierpräparatoren. Dafür habe ich an die 2.000 Drückerzangen mit noch einmal fünf- bis sechshundert auswechselbaren Kappln (= Formen) in allen Größen. Leider gibt es immer weniger Säumer, Feuerpolierer und Maler zur Weiterverarbeitung.

Wie sah es in Neugablonz damals aus?
Martin Hollmann: Ringsum stand Wald, ganz Neugablonz war ein einziger Abenteuerspielplatz für meinen Bruder, meine Freunde und mich, mit Bunkern, Tunnels und Höhlen in Betonoptik. Dass die Gefahr bestand, Überbleibsel aus dem Krieg zu finden, erhöhte den Reiz bloß noch. Unser Hauptspielplatz war der ehemalige Offiziersbunker hinter der heutigen altkatholischen Kirche, aber auch in den Wäldern rund um Neugablonz, am Leinauer Hang und auf der damals noch unbebauten Rehwiese waren wir unterwegs.“

Wie hat sich Neugablonz in Ihren Augen seitdem verändert?
Martin Hollmann: Inzwischen ist alles gut zugebaut, „verdichtet“ sagt man wohl. Es gibt wunderbare „Feldwege“ – damit meine ich die Holperpiste und das Flickwerk Hüttenstraße, dafür haben sie uns aber einen wunderbaren „roten Teppich“ vor der Haustür hingemalt, einen leuchtend rot markierten Radweg.

Viel Wald ist verschwunden. Zwar muss der Bannwald als Windschutz gegen Westen regelmäßig aufgeforstet werden. Es wurden dann aber wieder bloß Fichten gesetzt. Schön ist jedenfalls, dass wir nach 40 Jahren endlich eine Umgehungsstraße erhalten haben, den Reifträgerweg.

Für mich persönlich war die gravierendste Veränderung der Bau unseres Hauses mit Platz für meine Drückerwerkstatt. Das ist jetzt allerdings nicht mehr die traditionelle Drückerhütte mit „Jet“ – dem charakteristischen Dachreiter zum Lüften – sondern eine ins Haus integrierte Werkstatt.“

Was gefällt Ihnen an Neugablonz?
Martin Hollmann: Wir haben eine extrem ruhige Wohnlage mit Blick auf den Bannwald, der bleibt, und hier bei uns hat er sogar auch ein paar Laubbäume. In Neugablonz versteht man uns halt auch, wenn wir Paurisch reden. Wir fühlen uns pudelwohl hier. Gut, dass wir damals das Grundstück von der Stadt gekauft haben. Das Beste: Ich fall aus dem Bett und bin in der Arbeit.

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