Gläubige üben Kritik an ihrem Pfarrer

Pfarrer Thomas Hagen bezieht Stellung zu Vorwürfen

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Ein großer Unmut entlädt sich aktuell über den Pfarrer der Pfarrgemeinde Herz Jesu in Neugablonz. Dieser setzt jetzt auf den Dialog, um den Frieden in seiner Gemeinde wieder herzustellen.

Kaufbeuren – In der Neugablonzer Pfarrgemeinde Herz Jesu brodelt es aktuell gewaltig. Einige Pfarrgemeindemitglieder haben sich in einem offenen Brief über ihren Pfarrer bei der Diözese Augsburg beschwert. Der Brief wird von rund 200 Unterschriften getragen. Darin werden massive Vorwürfe gegen Pfarrer Thomas Hagen erhoben. Unter anderem sprechen sie ihm die „fehlenden menschlichen seelsorgerischen Fähigkeiten“ ab. Auch sein Predigt-Stil steht in der Kritik. Pfarrer Hagen setzt jetzt auf Dialog und hofft im Gespräch mit seinen Kritikern die Wogen wieder glätten zu können. Wir haben mit Pfarrer Hagen über die aktuelle Situation gesprochen und ihn mit den Vorwürfen konfrontiert.

Wie würden Sie die derzeitige Situation in der Pfarrgemeinde beschreiben? Wie ist die Stimmung?

Pfarrer Hagen: Im Moment haben wir ein Für und Wider. Es gibt auf der einen Seite die Menschen, die Kritik an meiner Person üben, auf der anderen Seite gibt es eine große Mehrheit, die hinter mir steht, die mich Tag für Tag in Briefen oder auch persönlich bestärkt. Viele können nicht verstehen, warum die Kritiker die Form eines offenen Beschwerdebriefes an den Generalvikar in Augsburg und an die Presse gewählt haben. Weder der Pfarrgemeinderat, die Kirchenverwaltung noch ich kennen bislang den Inhalt des Briefes. Es ist daher seltsam, immer von einem offenen Brief zu reden.

Auslöser dieses Briefes war der Umgang mit Ihrem Kirchenmusiker. Dessen Stunden sollten gekürzt werden. Letztlich landete der Fall vor dem Arbeitsgericht. Hier wurde ein Vergleich erzielt. Auch hier hatten sich zahlreiche Menschen für dessen Bleiben stark gemacht. Auch hier gab es einen Brief nach Augsburg. Die Stelle des Kirchenmusikers ist aktuell unbesetzt, bis zum 1. April soll die Stelle neu besetzt werden. Eine Ausschreibung läuft. Ihnen wird von Seiten der Kritiker vorgeworfen, dass Sie den Kirchenmusiker mehr oder weniger aus persönlichen Gründen aus seinem Amt gedrängt hätten. Wie würden Sie Ihr damaliges Arbeitsverhältnis beschreiben?

Pfarrer Hagen: Eigentlich ganz gut. Wir hatten hier und da andere Vorstellungen bezüglich der Liturgie. Ich hatte meine Lieblingslieder, er seine. Dies hat aber nicht zu Schwierigkeiten geführt. Nein, es gab keine persönlichen Aversionen. Ich habe seine Kompetenz als Musiker sehr geschätzt.

Was führte dann letztlich vor das Arbeitsgericht?

Pfarrer Hagen: Die Schwierigkeit lag darin, dass wir die Reduzierung des Stundenumfangs des Organisten von 26 auf 21 Wochenstunden vornehmen mussten. Dieses erfolgte im Einvernehmen mit der Kirchenverwaltung. Wir stellten fest, dass der vor rund zehn Jahren vertraglich vereinbarte Stundenumfang deutlich über dem tatsächlichen zeitlichen Aufwand lag. Dies sollte im Rahmen einer Änderungskündigung angepasst werden.

Auf welche Initiative wurde das veranlasst?

Pfarrer Hagen: Die Kontrolle alter Verträge in regelmäßigen Abständen sieht die Kirchenstiftungsordnung der bayerischen Erzdiözesen vor. Wir haben also eine Fürsorgepflicht gegenüber der Stiftung, die letztlich mit Geldern aus der Kirchensteuer finanziert wird. Es ist also nicht so, dass wir die Prüfung des Vertrages willkürlich veranlasst haben, sondern vielmehr von der Diözese Augsburg dazu angehalten werden. So auch in diesem Fall. Dies betraf im Übrigen auch den Vertrag des Mesners, dessen Stunden ebenfalls gekürzt wurden. Während der Mesner die reduzierten Stunden und den neuen Vertrag akzeptierte, wollte sich unser Kirchenmusiker diesem nicht anschließen. Obwohl im Vorfeld zahlreiche Gespräche zwischen ihm und mir stattgefunden haben, wir versucht haben, auch Brücken zu bauen, fanden wir uns dann vor dem Arbeitsgericht wieder.

Mit dem Weggang des Kirchenmusikers scheinen Sie sich den Zorn einiger Menschen erst recht zugezogen zu haben. Denn jetzt richten sich deren Beschwerden gegen Ihre Person als Pfarrer. Diese mündeten erneut in den oben angeführten offenen Brief an Generalvikar Msgr. Heinrich. Darin werden massive Vorwürfe gegen Sie erhoben. Unter anderem, dass Ministrantinnen und Ministranten sowie Jugendleiter scharenweise seit Ihrem Amtsantritt ihren Dienst beendet hätten. Als Ursache wird von vielen Ihr barsches Verhalten den Kindern und Jugendlichen gegenüber benannt.

Pfarrer Hagen: Diese Vorwürfe und die im Raum stehenden Zahlen stimmen nicht. Als ich das Amt vor vier Jahren übernommen habe, waren es 30 Ministranten, jetzt sind es 18. Ein Teil der Gruppenleiter hat zum Jahreswechsel aufgehört, wegen der Arbeit oder weil man sich auf das Abitur vorbereiten wollte. Zwei, drei folgten auch aus Herdentrieb.

Woher könnten die Vorwürfe denn dann kommen?

Pfarrer Hagen: Der Umgangston war eigentlich immer freundlich. Die einzige Geschichte, wo ich mal härter durchgegriffen habe war, als bei einer Grillparty harter Alkohol angeboten wurde. Hier habe ich unmissverständlich klargemacht, dass ich dieses nicht dulde. Zum einen des Jugendschutzes wegen und zum anderen schreibt die Pfarrheimordnung ganz klar vor, auf Alkohol zu verzichten. In der Folge gab es mit einigen der älteren Gruppenleiter immer wieder Dispute.

Doch nicht nur die Ministranten würden davonlaufen heißt es in dem Brief, sondern auch die Gottesdienstbesucher. Entspricht das der Tatsache und wenn ja, führen Sie dies auf Ihre Person zurück?

Pfarrer Hagen: Nein, ganz im Gegenteil. Die Zahl der Gottesdienstbesucher liegt bei rund neun Prozent der Pfarreimitglieder. Ab dem Jahr 2000 und in all den Jahren erfolgte ein konstanter Negativtrend, der seit meinem Kommen hier als Pfarrer aber nicht zugenommen hat, sondern lediglich im konstanten Trend der Vorjahre bleibt. Diese Negativentwicklung ist bedauerlich, folgt aber nur dem Trend, den beide große Konfessionen derzeit überall zu verzeichnen haben. Auch bei der Anzahl der Kandidaten für den Pfarrgemeinderat (PGR) und die Kirchenverwaltung (KV) hat sich im Vergleich zu meinem Vorgänger nichts verändert. Dies gilt zudem auch für die Wahlbeteiligung.

Mit Blick auf den vermeintlichen Rückgang der Gottesdienstbesucher wird auch die Art und Weise Ihres Predigt-Stils („Fäkalausdrücke“, „Schwarz-Weiß-Denken“, „Unterstellungen und negatives Menschenbild“) bemängelt. Ebenso würde der Sonntagsgottesdienst immer mehr verkürzt zugunsten einer immer längeren Predigt. Ihnen wird ferner nachgesagt, Sie wären kein Menschenfreund, Sie würden den Menschen zu wenig in den Fokus rücken.

Pfarrer Hagen: Grundsätzlich stimmt das überhaupt nicht. Aber wenn jemand etwas auf einem bestimmten Ohr hören will, dann hört er das auch. Im Grundsatz trifft mich solch eine Aussage zutiefst, weil diese Menschen meine Predigt offensichtlich nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Da stellt sich mir aber schon die Frage, ob diese Menschen tatsächlich da sind und meine Predigten hören. Ich persönlich habe ein sehr gutes, sehr mitfühlendes, ein sehr positives Menschenbild. Vor allem ein sehr positives Gottesbild. Klar, wir Menschen haben alle unsere Fehler. Dazu müssen wir alle stehen, denn wir können unsere Fehler nicht alle wegstreichen. Das heißt, wenn sich die Leute dadurch gestört fühlen, dass wir Menschen Fehler haben, dann reden sie sich selbst ein Stück weit schön. Der Kern vieler meiner Predigten ist der, dass wir trotz unserer Fehler doch von Gott geliebt werden und dass er, so wie wir sind, den Weg mit uns geht. Wenn die Menschen in meiner Predigt dann die Schotten dicht machen, wenn sie hören, dass wir alle Fehler machen, dann haben sie natürlich auch nur dieses in meiner Predigt gehört. Mein Ansatz in der Predigt ist der, den Menschen weiterzuhelfen, auch den Menschen mitzuteilen, dass sie von Gott geliebt werden, trotz all ihrer Schwächen und Fehler.

Wie unterscheiden Sie sich denn von Ihrem Vorgänger Pfarrer Röhmer, der in der Pfarrgemeinde sehr beliebt war?

Pfarrer Hagen: Ich bin von meinem Wesen her ein Stück weit anders als mein Vorgänger. Ich bin vielleicht etwas zurückhaltender als er, das hat aber nichts damit zu tun, ob ich Menschen mag oder nicht, oder ob ich sie wertschätze oder nicht. Das gebe ich gerne zu. Auch, dass ich nicht so oft beim Kaffeetrinken daheim bei den Leuten bin, wie mein Vorgänger. Das liegt aber ganz banal gesagt daran, dass Pfarrer Röhmer die ganzen Jahre über einen Kaplan hatte. Da war die Gemeindereferentenstelle noch eine ganze, er hatte teilweise Praktikantinnen da. Aktuell ist es so, dass die Gemeinderefrentenstelle eine gute halbe Stelle ist und ich sonst alleine bin. Das heißt, ich muss alles organisieren und für das da stehen, was ein Pfarrer macht. Dass ich deshalb deutlich weniger Zeit als mein Vorgänger habe, liegt wohl auf der Hand. Ich kann daher nicht überall sein, auch wenn ich das gerne wollte.

Aber genau das scheint den Gemeindemitgliedern zu fehlen, denn man spricht Ihnen die menschlichen und seelsorgerischen Fähigkeiten ab. So sollen beispielsweise keine Kranken-, Geburtstagsbesuche, teilweise keine Versehgänge im Altenheim stattfinden.

Pfarrer Hagen: Das ist alles sehr plakativ und stimmt so nicht. Fakt ist, bei den Krankenkommunionen und den Besuchsdiensten habe ich mich nicht eingemischt, weil das bereits vor meiner Zeit durch Ehrenamtliche gut organisiert war und auch noch ist. Ich möchte mich hier nicht aufdrängen und möglicherweise das Ehrenamt in ein schlechtes Licht rücken. Denn sie machen hier wirklich eine tolle Arbeit. Versehgänge und Krankensalbungen finden aber statt. So werde ich des Öfteren von der AWO gerufen. Natürlich muss ich fragen, wie dringend ist es, da ich es mit meinen anderen Terminen abgleichen muss. Ich kann manchmal nicht einfach alles stehen und liegen lassen. Es kam aber erst einmal vor, dass ich früh gerufen wurde und erst am Nachmittag kommen konnte.

Sie sollen aber auch ein „herabwürdigendes und barsches Verhalten“ gegenüber Angehörigen an den Tag legen, wenn es um die Planung und Durchführung von Requiems und Begräbnissen geht. So soll es Fälle geben, wo Pfarreiangehörige testamentarisch verfügt haben, sich von Ihnen auf gar keinen Fall beerdigen zu lassen. Manche ziehen deshalb sogar ein freies Begräbnis vor.

Pfarrer Hagen: Dieser Umstand schockiert mich ein Stück weit, weil diese Menschen nicht mit mir reden. Das Phänomen an sich sehe ich jetzt nicht auf mich speziell gemünzt, denn ich kenne das aus vielen anderen Pfarreien, wo es dann heißt, lieber vom Kaplan oder Pfarrer oder von jemand anderem. Man muss aber auch wissen, dass unser Markt heute freier geworden ist und wir keine Monopolanbieter mehr sind. Der Umstand, dass man nicht mit mir darüber redet, setzt dann oft auch einen Automatismus in Gang, wo beispielsweise ein angebliches Erlebnis mit mir im Fokus steht, sie mich aber gar nicht persönlich kennen, und dennoch ihre Schlussfolgerungen ziehen. Menschlich verletzt mich das natürlich, aber auf der anderen Seite hat jeder für sich seine eigene Verantwortung, seine eigene Entscheidung. Soll heißen: Wenn mich jemand als Pfarrer nicht möchte, dann ist das seine freie Entscheidung. Letztlich muss er das mit seinem Gewissen und mit Gott vereinbaren.

Mit dem Wissen, dass Ihre Person als Pfarrer bei einigen in der Kritik steht, setzen Sie dennoch auf den Dialog und wollen Brücken bauen. Was werden Sie, was wollen Sie tun, um die Kluft zwischen einigen Gemeindemitgliedern und Ihnen als Pfarrer zu schließen? Haben schon Gespräche stattgefunden? Was planen Sie, um den Frieden wieder herzustellen?

Pfarrer Hagen: Es ist mein großer Wunsch und meine Hoffnung, dass die Unterzeichner des Briefes auch bereit sind, in den Dialog zu treten. In der Krise liegt natürlich auch eine gewisse Chance. Wir sind bereit für den Dialog, jetzt liegt der Ball bei denen, ob sie diesen auch wirklich wünschen oder andere Touren fahren wollen. Denn es kursieren ganz offensichtlich sehr viele Missverständnisse, die es auszuräumen gilt.

Dialogprozess

Wie Pfarrer Hagen weiter mitteilte, haben sich der Pfarrgemeinderat (PGR) und die Kirchenverwaltung (KV) in den letzten Tagen intensiv mit der Thematik befasst und gemeinsam beschlossen, die gesamte Gemeinde zu einem Dialogprozess einzuladen. Also zu Gesprächen, mit PGR, KV und Pfarrer. Dazu wurde ein Infobrief versandt, verteilt beziehungsweise liegt dieser auf. „Wir möchten wieder zusammen ins Gespräch kommen, um die Situation gemeinsam zu verbessern. Ohne zu urteilen, ohne Schuldige zu suchen, aber mit beiderseitigem Zuhören und Offenheit. Gerne auch mit unterschiedlichen Meinungen, gerne auch mit konstruktiver Kritik“, heißt es in dem Infobrief. In einem zweiten Schritt soll dann zusammengefasst werden, was man zusammen besser machen kann. Dabei setzen alle Beteiligten auf Transparenz.

Noch bis zum 10. Februar können die Rückmeldungen im Briefkasten des Pfarrbüros abgegeben werden.

Das Interview führte Kai Lorenz

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