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Gablonzer Essen und Brauchtum

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Von: Ingrid Zasche

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Felix Haas inmitten seiner liebevollen Familie
Felix Haas inmitten seiner liebevollen Familie (v. li.): Oma Elfriede Reckziegel, Felix, Mutter Birgit und Vater Thomas Haas. © Ingrid Zasche

Kaufbeuren/Neugablonz – 2021 wurde die Erfolgsgeschichte des Vertriebenenorts Neugablonz 75 Jahre alt. Vom 9. bis 12. September soll das mit dem „Neugabiläum“ gebührend gefeiert werden. Seit seinen Anfängen hat sich in Neugablonz viel verändert. Der Kreisbote lässt stellvertretend für die bunte Menschenvielfalt, die hier eine Heimat gefunden hat, ganz unterschiedliche Neugablonzer Bürger zu Wort kommen. Sie haben als Vertriebene oder aus beruflichen Gründen Neugablonz als Wohnort gewählt, sind hier aufgewachsen oder gar zur Welt gekommen. Den achten der Serie bestreitet Felix Haas. Er wurde, wie er unbefangen erzählt, 2010 mit einem Gendefekt geboren, der ihn nur noch Hell/Dunkel erkennen lässt. Für Felix mussten wir die Fragen, die wir unseren Neugablonzern gestellt haben, ein wenig anpassen.

Felix Haas ist ein waschechter Neugablonzer der dritten Generation. Er ist im Klinikum Kaufbeuren zur Welt gekommen und wohnt seitdem mit seiner liebevollen Familie in Neugablonz. Nach den ­Grundschuljahren in der Adalbert-Stifter-Schule besucht er mittlerweile das Adolf-Weber-Gymnasium in München, das auf die Integration von blinden und sehbehinderten Schülern spezialisiert ist. Dort hat er auch seinen Freund Leon gefunden, der „inzwischen weiß, wie man mit einem Blinden umgehen soll“. Felix wird täglich vom gleichen Fahrer eines Behinderten-Fahrdienstes nach München gebracht und wieder abgeholt, weil Felix‘ Bedingung für den Besuch einer auswärtigen Schule war, dass er jeden Abend daheim bei seiner Familie verbringen kann. Als Berufsziel gibt der hochintelligente, lebhafte und fröhliche Junge an, er habe früher einmal Radiomoderator und sogar „drei oder vier Wochen lang“ Grundschullehrer werden wollen. Aber mit „4.300 anderen Berufswünschen“ sei er gerade völlig unentschlossen. Er ist jedoch auf jeden Fall sehr an Technik und Computer-Elektronik interessiert. Dieses Interesse hilft ihm auch jetzt schon, die ganzen technischen Hilfsmittel zu meistern, die es für Blinde und Sehbehinderte gibt: Zum Beispiel das Programm JAWS (von Job Access With Speech, englisch für „Arbeitszugang mit Sprache“) das einen Bildschirm-Text per Sprachausgabe wiedergibt und/oder per Braillezeile am Laptop. Mit seinem Handy arbeitet Felix über Sprachsteuerung. Dazu kommt eine mobile Braillezeile, die er über eine Spezial-Tastatur bedient – und das in einer für Menschen mit normalem Sehvermögen unglaublichen Geschwindigkeit. Abgesehen von der Sehkraft sind Felix‘ Sinne außerordentlich ausgeprägt, zudem hat er ein exzellentes Orientierungsvermögen und ein phänomenales Gedächtnis.

Felix Haas mit seiner mobilen Braillezeile.
Felix Haas (Jahrgang 2010) mit seiner mobilen Braillezeile. © Ingrid Zasche

Felix, wann und wie bist du nach Neugablonz gekommen?

Felix Haas: „Ich bin hier geboren. Auch meine Oma ist schon hier zur Welt gekommen.“ „...nachdem mein Vater, ein böhmischer Glasofenbauer, 1947 als Vertriebener nach Neugablonz gekommen war und 1948 meine Mutter und die älteren Geschwister nachgeholt hat“, ergänzt Oma Elfriede Reckziegel (Jahrgang 1953), „und mir hat Neugablonz schon immer gefallen. Nach ein paar Wohnorten in der Umgebung sind wir wieder hierher gezogen.“

Felix, wie empfindest du Neugablonz?

Felix Haas: „Ich fühle mich hier wohl, das ist meine Heimat, hier lebt meine ganze große Familie. Vieles weiß ich von meiner Oma, aber manches muss ich mir einfach vorstellen. Den Rüdiger kann ich nicht anfassen, weil er auf einem Sockel im Brunnen steht, die Herz-.Jesu-Kirche erkenne ich durch den Hall und den typischen Geruch. Wenn ich hier wegziehen würde, würden mir das Brauchtum und das Essen fehlen – ich esse zum Beispiel unheimlich gerne Haluschken oder Gablonzer Kartoffelsalat und Rejcherworschte.“

Was gefällt dir an Neugablonz?

Felix Haas: „Wie gesagt: Das Essen – ich denke sehr gerne über Essen nach – und das Brauchtum. Vor allem gefällt mir der Brauch, am Gründonnerstag mit einem Bettelsäckl für Süßigkeiten herumzugehen. Meine Mutter geht mit mir zu unserer ganzen Riesenfamilie, und ich kann sowohl das traditionelle lange als auch das kurze Sprüchl aufsagen. Das Freibad mag ich ebenfalls, da gehe ich gerne hin. Aber zur Not tut es auch der Aufstellpool im Garten.

Und das Beste ist das Theater im Turm. Fast meine ganze Familie macht dort irgendwie mit. Ich durfte schon 2016 und 2017 (Ritter Trenk / König in der Kiste) immer bei der Generalprobe dabei sein, und sie haben mir die ganze Bühnen-Technik gezeigt und erklärt. Eines Tages hat unser Nachbar, der Tom Schumann, der im Theater im Turm auch Regie führt, gefragt, ob ich einmal mitspielen wollte. Ich hatte ja schon 2015 mit dem Kindergarten im Saal vom Sonnenhof einen Solo-Auftritt mit einem Lied im ‘Regenbogenfisch‘. Und da habe ich dann 2018 in ‘Eine Woche voller Sams-Tage‘ ein singendes Schulkind und einen sprechenden Baum gespielt und 2019 im ‘Drachenreiter‘ eins der Straßenkinder und einen tibetischen Mönch. Meine Kusine Paula war immer mit dabei. Beim nächsten Stück ‘Hänsel und Gretel‘ darf ich mit ihr sogar die Hauptrolle spielen.“

Würdest du später auch hier leben wollen?

Felix Haas: „Ja, auf jeden Fall sehr gerne, außer wenn ich wegen Studium oder Beruf woanders hinziehen müsste. Aber ich brauche halt meine Familie, die mich kennt und ganz normal behandelt und mir nicht dauernd ungefragt hilft. Das ist mir am allerwichtigsten. Wenn ich wirklich Hilfe möchte, würde ich ausdrücklich darum bitten.“

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