Stadtmuseum, Blindenbund und Lions-Club laden zu einmaliger Sinneserfahrung

Drei Sterne für Dinner im Dunkeln

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Licht an: Hinter dem Dunkeldinner stehen Manfred Pelzl (Hausmeister), Jessica Hahn (Café Lausfehl), Ioei Hahn (Lions-Club), Claudia Königsberger (Stadtmuseum), Thomas Huth (Café Lausfehl), die Leiterin des Stadtmuseums Petra Weber, Sabine Huth (Café Lausfehl), Angelika Mann (Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e. V, Bezirksgruppe Allgäu) und Sabine Rauh, die auch den Service übernommen haben, Dirk Streichert und Pia Kuhn (Lions-Club), Annelies Wittwer (Behindertenbeirat Kaufbeuren) und Johann Sigl (Lions-Club).

Kaufbeuren – Stellen Sie sich vor, um sie herum ist es finster. Nicht wie nachts, wenn noch der eine oder andere Schatten erkennbar ist, sondern die totale Abwesenheit von Licht.

Rechts und links, oben und unten verschwimmen miteinander in völliger Schwärze. Einziger Orientierungspunkt: Geräusche, die Stimmen von Menschen um sie herum und ein Blatt Papier in der Hand mit kleinen rauen Hügeln drauf. Orientierung: Gleich null. Gut, dass sich um einen herum noch andere befinden, denen es genauso geht. Gut, dass darunter einige sind, die sich in dieser Dunkelheit täglich bewegen und sich daher bestens auskennen. Und – gut, dass es etwas richtig leckeres zu Essen gibt beim No-Light-Dinner, organisiert vom Blindenbund Allgäu, Stadtmuseum und dem Kaufbeurer Lions-Club. 

Wer sich vorstellt, ein Essen im Dunkeln sei einfach wie Kauen mit geschlossenen Augen, sollte ein No-Light-Dinner besuchen. Nicht umsonst sind die in großen Städten zum echten Trend geworden – die Vielzahl an Sinneseindrücken und Grenzerfahrungen kann man sich eigentlich nur vorstellen wenn man einmal selbst dabei war. 

In Kaufbeuren haben der Blindenbund, vertreten durch Angelika Mann und Sabine Rauh, rund zwei Dutzend Menschen diese Erfahrung ermöglicht. Und dies nicht mit kommerziellem Hintergrund, sondern einfach um zu zeigen wie sich blinde Menschen rund um die Uhr fühlen. Mit einem Unterschied – diese haben unendlich mehr Erfahrung mit der Dunkelheit um sie herum. Ein Grund, warum Angelika Mann und Sabine Rauh, anstatt Bedienungen mit Nachtsichtgerät für das Dunkel-Dinner zu engagieren, den Service für 24 Leute im eigens umgestalteten Neuen Sitzungssaal des Rathauses mal eben selbst übernommen haben. 

So funktioniert es 

In einer Reihe stellen sich die jeweiligen Tischnachbarn auf, mit den Händen auf den Schultern des Vordermannes, um in der Dunkelheit auch wirklich am zugewiesenen Tisch zu landen. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen! Nachdem sich die erste Unsicherheit gelegt hat und die Gäste sich mit vorsichtigem Fühlen mit der Tischdeko und Besteckanordnung vertraut gemacht haben, geht es auch schon los: „Was möchten Sie trinken?“ kommt die Stimme wie aus dem Off. 

Was es gibt, sagen einem die Serviererinnen, denn die Blindenschrift (Braille-Schrift) auf der Speisekarte beherrschen die wenigsten Gäste. Dabei fällt vor allem auf, wie ruhig Angelika Mann und Sabine Rauh mit ihrer Aufgabe umgehen. Wo im normalen Café oder Restaurant schonmal die Teller klirren oder die Bedienung in gestresster Stimmung an den Tisch kommt, scheinen die beiden blinden Frauen mit der Bedienung ihrer jeweils zwölf Gäste überhaupt kein Problem zu haben. 

Aber wie unterscheiden sie zwischen den unterschiedlichen Menü-Varianten „mit Fleisch“, „vegetarisch“ und „vegan“ und zwischen den verschiedenen Getränken? „Die Teller haben unterschiedliche Formen, daran erkennen wir die jeweiligen Gerichte“, verrät Angelika Mann. Genauso funktioniere es auch mit den Flaschen beziehungsweise Getränken. 

Im Raum orientieren sich die beiden anhand der Möblierung und den jeweiligen Entfernungen, die sie sich vor dem Dunkeldinner „erfühlen“ und einprägen. „Ich glaube, unser Leben ist grundsätzlich um einiges ruhiger als das der Sehenden, weil wir uns auf unsere Handlungen mehr konzentrieren müssen, sie dadurch aber auch sehr intensiv erfahren“, so Angelika Mann, die selbst nach einer schon vorher bestehenden Sehschwäche vor 18 Jahren völlig erblindet ist. 

Auch über ihre Gäste erfährt – oder besser „erspürt“ sie sich schnell einiges. „Ich merke schon beim Geleit in den Speisesaal, wenn jemand angesichts der völligen Dunkelheit nervös ist, zum Beispiel an feuchten oder kalten Händen oder an der Art der Stimme. Um diese Gäste kümmere ich mich dann beim Dinner besonders“, lächelt Angelika Mann. 

Genießen und rätseln 

Koch Thomas Huth vom Marktoberdorfer „Café Lausfehl“ und sein Team in der Küche haben sich natürlich Besonderheiten einfallen lassen, damit die Gäste nicht nur etwas zu genießen, sondern gleichzeitig zu raten haben. „Sind das in der Suppe nun Maroni?“ fragen sich auch die Gäste Julie Rief und Claudia Waldhör mit Ehemann Manfred aus Kaufbeuren. Auf jeden Fall schmeckt es toll – und stellt sich am Ende des Dinners bei der „Auflösung“ als Popcorn in der Karottensuppe heraus. 

Sowieso verbindet das gemeinsame Rätseln darum, was man da nun genau auf dem Teller hat, sowie die gemeinsame Suche nach Orientierung auch die Gäste, die sich vorher nicht kannten. Auch das eine Erfahrung beim Dunkeldinner, die man so vorher vielleicht nicht erwartet hätte – und ein Grund mehr, dieses ganz spezielle Event einmal auszuprobieren, wegen der interessanten Gespräche, die ohne diese besondere Situation wahrscheinlich nie zustande gekommen wären. Eigentlich perfekt für ein erstes „Date“ – hier geht der Gesprächsstoff sicher nicht aus. 

Durchgeführt wurde das Dunkeldinner in Kaufbeuren zum nunmehr dritten Mal auf Initiative von Stadtmuseum, Blindenbund und Lions-Club. Schon mit der früheren Leiterin des Stadtmuseums Astrid Pellengahr sei man durch ein ähnliches Angebot in Mindelheim auf die Idee gekommen, ein No-Light-Dinner auch in Kaufbeuren anzubieten, erzählt Angelika Mann. Zusätzlich wurde der Kaufbeurer Lions-Club mit ins Boot geholt. Auch die jetzige Museumsleiterin Petra Weber war sofort angetan von der Idee und führt diese nun weiter. 

Der kleine Erlös, der durch das Dunkel-Dinner eingenommen wird, fließt in Projekte wie die „Tast-Stationen“ für blinde Besucher des Stadtmuseums. „Diese TastStationen werden momentan im Vermittlungsangebot ,Blinde führen Blinde’ eingesetzt. Angelika Mann als Mitglied des Behindertenbeirats führt anhand der in die Ausstellung integrierten Tast-Stationen durch die Abteilung Stadtspuren und vermittelt die Geschichte der Reichsstadt Kaufbeuren. 

Als Ausbau dieses Angebots plant das Museum eine Erweiterung der Tast-Stationen durch speziell auf die Zielgruppe angepasste Audioguidestationen sowie eine Begleitbroschüre in Schwarzschrift und Braille-Schrift“, erklärt Weber. 

Infos zum Event 

Wer nun Lust bekommen hat, selbst einmal ein No-Light-Dinner auszuprobieren, bekommt Infos dazu beim Museum, und beim Lions-Club. Ein genauer Termin für die nächste derartige Veranstaltung ist allerdings noch nicht bekannt, bislang gab es die Dunkel-Dinner einmal im Jahr. Geplante Termine werden, wenn sie feststehen, im Vorfeld im Kreisbote bekannt gegeben.

von Michaela Frisch

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