Workshop zur Klimaanpassung bringt interessante Anregungen

Der Noah-Effekt

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Wetterextreme wie Starkregen, Hitze- oder Kältewellen gab es bereits in der Vergangenheit. Künftig aber ist mit grundsätzlichen Klimaveränderungen zu rechnen – auch und besonders in unserer Region.

Kaufbeuren/Ostallgäu – Als erster Landkreis in Bayern hat das Ostallgäu gemeinsam mit der Stadt Kaufbeuren die Ausarbeitung eines Klimaanpassungskonzepts in Auftrag gegeben. Es soll Maßnahmen benennen, wie sich der Landkreis wirkungsvoll gegen die Folgen des Klimawandels wappnen kann. Im Rahmen von Workshops wurden jetzt erste Erkenntnisse vorgestellt und Vorschläge aus Sicht der Bürger eingebracht.

Klimaanpassung – dieser etwas sperrige Begriff bedeutet die Anpassung an Veränderungen des Klimas, die in den nächsten Jahren zu erwarten sind. Die bekannteste Maßnahme dieser Art dürfte wohl der in der Bibel beschriebene Bau der Arche Noah sein – also die Reaktion auf eine klar vorausgesagte extreme Klimaveränderung. Noah war da sehr erfolgreich.

Ganz so zuverlässig wie in der biblischen Geschichte sind die Prognosen der Klimaveränderungen in Deutschland für die nächsten Jahrzehnte allerdings nicht. Aber so viel ist klar: Sie werden kommen, und es gilt, sich darauf vorzubereiten.

Bund und Länder betreiben deshalb bereits eine aktive Anpassungspolitik. So stellte Bayern mit der 2016 vorgelegten Bayerischen Klimaanpassungsstrategie (BayKLAS) konkrete Maßnahmen und Handlungsmöglichkeiten vor. Und als erster Landkreis in Bayern gab das Ostallgäu gemeinsam mit der Stadt Kaufbeuren im vergangenen Jahr ein Klimaanpassungskonzept in Auftrag.

Inzwischen liegen erste Ergebnisse vor. Die Unternehmen GreenAdapt und LUP, die dieses Konzept ausarbeiten, stellten jetzt in Kaufbeuren und Markt­oberdorf im Rahmen von Workshops die erste Bestandsaufnahme und Verwundbarkeitsanalyse vor. Dazu hatte das Umweltamt der Stadt Kaufbeuren Vertreter von Verbänden, Unternehmen, Ausbildungseinrichtungen und der Stadtverwaltung eingeladen. Sie waren aufgefordert, in Arbeitsgruppen mit wechselnder Besetzung erste Vorstellungen für Maßnahmen zur Klimaanpassung in verschiedenen Bereichen zu entwickeln.

Folgen des Klimawandels

Den Rahmen dafür lieferte eine Einschätzung der zu erwartenden Klimaveränderungen in den nächsten Jahrzehnten für unsere Region, die Carsten Walther von GreenAdapt vorstellte. Die Voraussage lautet, dass sich die Durchschnittstemperatur erhöht; die Winter werden wärmer, mit weniger Eis- und Schneetagen. Auch heiße Sommer wie der von 2018 oder sogar der Rekordsommer von 2003 gehören zum Ende des Jahrhunderts wohl zur Normalität. Zu erwarten seien zudem geringere Niederschläge im Sommer und höhere im Winter, zunehmend als Eisregen oder Hagel auftretend und begleitet von Stürmen.

Wie zuverlässig diese Voraussagen sind, stand beim Workshop nicht zur Debatte – es ging vielmehr darum zu diskutieren, wie sich die angekündigten Veränderungen auswirken können, und welche Gegenmaßnahmen sie erfordern.

Welche Maßnahmen?

Die an der Strategie arbeitende Experten hatten bereits Bereiche identifiziert, in denen Maßnahmen der Klimaanpassung notwendig werden dürften: Dabei handelt es sich um

" Landwirtschaft/Boden

" Wald/Forstwirtschaft

" Naturschutz/Biodiversität

" Wasserwirtschaft

" Georisiken und Katastrophenschutz

" Gebäude-/Stadtentwicklung

" Gesundheit

" Energieversorgung

" Verkehr

" Industrie/Gewerbe

" Tourismus

Für jedes dieser Handlungsfelder existieren bereits erste Vorstellungen über zu treffende Maßnahmen. Diese wurden in „inkrementelle“ und „transformative“ unterteilt – also solche, die schrittweise das bereits Vorhandene ausbauen und solche, die grundlegend neue Lösungen umsetzen. Dabei geht es etwa darum, ob die Milchwirtschaft im Allgäu eine Zukunft hat, wie sich Hitzewellen auf die Gesundheit der Bürger und auf ihre Arbeitsfähigkeit auswirken, ob Gebäude künftig zwar weniger beheizt, aber dafür öfter gekühlt werden müssen, ob die Zeckenplage schon früher im Jahr beginnt und später endet, oder in welchem Maße Eisregen die Energieversorgung beeinträchtigen können.

Ebenso zahlreich und verschiedenartig wie die aufgeworfenen Fragen fielen auch die Vorschläge der Arbeitsgruppen aus. Dazu gehörten inkrementelle Maßnahmen, etwa die Verbesserung der Informationsflüsse zwischen den Unternehmen der Region zu aufgetretenen Schäden und Problemen oder der Vernetzung von Energie- und Wasserversorgung. Eindeutig transformativ wären hingegen die Schaffung eines „Kaufbeurener Rottachspeichers“ oder die Errichtung eine Indoor-Skihalle in der Stadt.

Viele Vorschläge

Helge Carl, der Leiter des Kaufbeurer Umweltreferats, zeigte sich von der Vielfalt und Originalität der Vorschläge beeindruckt und mit dem Erfolg der Veranstaltung zufrieden. „Uns ging es darum, Impulse aus der Stadt aufzunehmen und Multiplikatoren zu gewinnen, die wissen, wie die Stadt tickt. Das ist gelungen“, so sein Resümee.

All diese Vorschläge, Ideen und Anregungen werden nun ausgewertet und mit denen eines Bürgermeister-Workshops im März ergänzt. Danach ist geplant, den bereits in seinen Grundzügen vorgestellten Maßnahmenkatalog zu ergänzen und öffentlich vorzustellen.

„Öffentlichkeit ist in diesem Umfeld ein ganz entscheidender Faktor“, resümierte Helge Carl. „Viele verdrängen das Problem noch, aber wir sollten uns fragen, ob wir nicht lieber zu viel als zu wenig in dieser Richtung tun sollten. Deshalb werden wir die Ergebnisse der Workshops und unsere Erkenntnisse zur Jahresmitte auch im Stadtrat vorstellen.“

Die erste Etappe der Umsetzungen ist dann für die zweite Jahreshälfte vorgesehen.

von Ingo Busch

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