Podiumsdiskussion

Umgang mit dem Unfassbaren

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Wie lässt sich das Grauen des Nationalsozialismus angemessen ausstellen? Darüber diskutierten Dr. Axel Drecoll, Dr. Alexander Schmidt, Dr. Jörg Skriebeleit mit Moderatorin Dr. Astrid Pellengahr, Prof. Dr. Michael von Cranach und Dr. Benigna Schönhagen vom jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben.

Kaufbeuren – Kaum ein historisches Thema braucht so viel Sensibilität bei der Aufarbeitung wie die Zeit des Nationalsozialismus. In Kaufbeuren wurde dies zuletzt deutlich anhand der Diskussion um die Person des Kurat Frank (wir berichteten). Auch die aktuelle Sonderausstellung im Stadtmuseum „In Memoriam – Euthanasie im Nationalsozialismus“ beschäftigt sich mit dem Thema.

Ein wenig stiefmütterlich wird dieses dagegen bislang im Kaufbeurer Stadtmuseum behandelt. Das soll anders werden: Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wurde am vergangenen Mittwoch darüber gesprochen, wie die Ausstellung künftig gestaltet werden kann.

Wer im Kaufbeurer Stadtmuseum derzeit etwas über die hiesigen Geschehnisse während der NS-Zeit erfahren will, der merkt schon an der Präsentation: Hier wartet ein Thema, dessen Aufarbeitung keine einfache ist. Hinter schwarzen Vorhängen im obersten Stockwerk sind die wenigen lokalen Exponate wie eine Fahne der Fliegerabteilung 25 oder ein Ehrendolch der „SA“ untergebracht. Den Mangel an aussagekräftigen Ausstellungsstücken sollen Filmbeiträge an einer Medienstation ausgleichen. 

Nicht ausreichend, wie Prof. Dr. Michael von Cranach findet. Er hatte mit seiner Kritik, die Dauerausstellung nehme sich des Themas Nationalsozialismus nicht in der nötigen Form an, den Stein zur Podiumsdiskussion ins Rollen gebracht. Der ehemalige leitende ärztliche Direktor des BKH ist bekannt für sein Engagement bei der Aufarbeitung von Schicksalen in der Psychiatrie während der NS-Zeit. Ihn hat an der derzeitigen Ausstellung vor allem gestört, dass diese zwar allgemeine chronologische Fakten und Details enthält, die Geschichten der Opfer aber kaum Raum einnehmen. Auch müsse mehr Wert auf die Zusammenhänge zwischen Bild- und Textmaterial gelegt werden.

Zustimmung erhielt er von Dr. Astrid Pellengahr. Sie ist seit knapp zwei Jahren Leiterin der Landesstelle für nichtstaatliche Museen tätig und war bis 2013 die Leiterin des Stadtmuseums Kaufbeuren, das damals neu eröffnet wurde und für die Neukonzeption den bayerischen Museumspreis bekam. Sie sagt: „Vor der Neueröffnung war das Thema NS-Zeit in der Ausstellung überhaupt nicht präsent. Wir haben damals mit der aktuellen Sammlung zu diesem dunklen Kapitel der Stadtgeschichte einen ersten Schritt getan, jetzt kann das ganze weiterentwickelt werden. Ich wünsche mir, dass die nun angestoßene Diskussion nicht im Sand verläuft“.

Wie das geschehen soll beziehungsweise kann, dazu wurden im mit rund 150 Besuchern bis auf den letzten Platz besuchten Haus St. Martin bereits einige Ansätze deutlich. Dr. Alexander Schmidt stellte hier vor allem eine Gefahr heraus, mit dem Museen beim Thema NS-Zeit grundsätzlich zu kämpfen hätten: Den Nationalsozialismus keinesfalls als „spannend“ oder gar „attraktiv“ erscheinen zu lassen. „Statt Hitlerkitsch braucht es da vielmehr die Darstellung persönlicher Geschichten“, so Schmidt. Dazu gehöre auch der Mut, diese Geschichten zu erzählen, „gerade in einer kleinen Stadt wie Kaufbeuren, wo eben diese Geschichten besonders eng mit den hier lebenden Familien und heutigen Personen verwoben sind“.

Dr. Benigna Schönhagen vom jüdischen Kulturmuseum in Augsburg sagte dazu: „Das perfide Spiel von Ausgrenzung und Integration, das das Sytem des Ntionalsozialismus ausmacht, sollte deutlich werden“. Erst dies könne dem heutigen Besucher erklären, warum die Nazis auf die Bevölkerung damals eine derart große Faszination ausüben konnten.

Interessiert verfolgte auch OB Stefan Bosse die Diskussion. Er sieht großes Potenzial darin, aus der Bürgerschaft weitere Exponate zu bekommen, begleitet von den zugehörigen Geschichten. „Ich könnte mir vorstellen, dass da auch die Schulen aktiv mitwirken“, so der Oberbürgermeister.

von Michaela Frisch

Die Diskussionsteilnehmer:

Neben der Moderatorin, der ehemaligen Leiterin des Stadtmuseums Dr. Astrid Pellengahr und der Leiterin des Stadtmuseums Petra Weber sowie Dr. Rainer Jehl als 1. Vorsitzendem des Freundeskreises Stadtmuseum, waren Dr. Axel Drecoll vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (Dokumentation Obersalzberg), Prof. Dr. Michael von Cranach, ehemals leitender ärztlicher Direktor des BKH Kaufbeuren und Kurator der aktuellen Ausstellung „In Memoriam“ des Kaufbeurer Stadtmuseums, Dr. Alexander Schmidt vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg, Dr. Benigna Schönhagen vom jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben und Dr. Jörg Skriebeleit von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg dabei.

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