Oberbeurer Landwirte sorgen sich

Bauernverband übt Kritik an geplantem Gewerbegebiet Im Hart

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Oberbeurer Landwirte machen sich Sorgen.

Kaufbeuren-Oberbeuren – Durch das Im Hart geplante etwa acht Hektar große Gewerbegebiet sehen sich Oberbeurer Landwirte in ihrer Existenz bedroht. Denn sie bewirtschaften diese Flächen, wie Martin Ellenrieder als Sprecher der Oberbeurer Landwirte in der Bürgersprechstunde des Stadtrats am Dienstag vergangener Woche ausführte. Dennoch stimmte die Mehrheit der Stadträte im Anschluss für die Ausweisung der Gewerbeflächen.

„Der Boden ist unser Kapital“, sagte Ellenrieder eingangs. „Wir können nicht auf diese kostbaren Flächen verzichten.“ Er bat darum, andere Gebiete für die Ansiedlung von Gewerbe zu finden. „Wir Landwirte haben auch unsere Daseinsberechtigung“, sagte er, brachte aber auch Verständnis für Gewerbeerweiterungen auf. Genau das treffe jedoch auch auf die Landwirtschaft zu: „Wir müssen auch wachsen, um uns zu entwickeln“. Sein Vorschlag lautete, Flächen auszuweisen, auf denen alte, ungenutzte Gebäude stehen.

„Was Sie hier ansprechen, ist völlig berechtigt“, sagte Oberbürgermeister Stefan Bosse. Er versicherte, dass die Stadt im Hinblick der Firmenerweiterungen alles versucht habe, um diese an anderer Stelle unterzubringen. Man habe alle Bestandsbauten angesehen. Die Situation sei jedoch: Es gibt keine geeigneten Alternativen in Kaufbeuren, denn die Stadt „ist nicht übermäßig gut mit Gewerbeflächen ausgestattet“. In Kaufbeurer herrschten regelrechte Kämpfe um jeden Quadratmeter. Verfügbare Flächen in der Unteren Au scheiden für produzierende Unternehmen mit sensiblen technischen Einrichtungen aufgrund der Nähe zur Hochspannungsleitung und den damit verbundenen technischen und baulichen Einschränkungen aus, sagte Bosse.

Kritik des Bauernverbands

Das Thema war bereits in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses auf der Tagesordnung. Daraufhin äußerte Thomas Kölbl, Geschäftsführer der Kauf­beurer Niederlassung des Bayerischen Bauernverbands, in einem Schreiben an die Stadträte Kritik an dem Vorhaben. Er appellierte an die Mandatsträger, die Entscheidung zu überdenken und „vorher alle anderen Optionen auf den Prüfstand zu stellen“. Aus Sicht des Bauernverbands würde die Landwirtschaft „zunehmend mehr als Reservefläche für Straßen- und Siedlungsbau gesehen“. Das Thema Flächensparen sei zwar in aller Munde, werde im konkreten Fall aber nicht umgesetzt. Größeres Augenmerk sollte laut Kölbl auf die Nutzung vorhandener Lager- und Gewerbebauten gelegt werden, anstatt ein zusätzliches Baugebiet auszuweisen. Allein dieses überplante Gewerbegebiet mit seinen acht Hektar könne 16 Kühe ernähren, die laut Kölbls Rechnung in biologischer Landwirtschaft pro Jahr rund 100 Tonnen Milch erzeugen könnten. „Somit verzichten wir allein bei dieser Fläche auf rund zehn Tonnen Käse, von der Fleischproduktion gar nicht zu sprechen“, schreibt Kölbl. Acht Hektar entsprächen rund ein Viertel eines durchschnittlichen Allgäuer Betriebs. Seine Kritik geht noch weiter: der Flächenverlust habe die Landwirtschaft auch beim Bau der Firma Hawe an der B12 getroffen. „Auch hier kann man sehen, dass Flächensparen kein Thema war, denn gerade beim Hawe-Werk wurden alle Parkplätze ebenerdig angelegt, weil Fläche für die Ernährung offensichtlich weniger wichtig ist als Parkraum“, so Kölbl.

Mit Unverständnis reagiert die Stadt Kaufbeuren auf die Kritik des Bauernverbands. Die Stadt verfüge über keine eigenen und geeigneten Gewerbeflächen mehr, um mehreren Kaufbeurer Unternehmen die Erweiterung und damit Schaffung dutzender geplanter neuer Arbeitsplätze zu ermöglichen, stellt die städtische Wirtschaftsreferentin Caroline Moser in einer Pressemitteilung dar. Die Stadt nutzt für das neue Gewerbegebiet Im Hart Grundstücke im städtischen Eigentum. Der Stadtrat habe mit seiner Entscheidung mehrheitlich ein klares Signal für eine weiterhin starke Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Kaufbeurens ausgesandt. Die Kritik des Bauernverbandes an der Ausweisung der Stellplätze für die Beschäftigten und Besucher des Hawe-Werkes an der B12 weist Moser deutlich zurück. Bei Hawe seien inzwischen 700 Arbeitsplätze geschaffen, demnächst folgten 70 weitere. Sowohl bei Hawe als auch bei der neuen Geschäftsstelle des Bauernverbandes Am Grünen Zentrum wurden von den Bauherren oberirdische und ebenerdige Stellplatzlösung gewählt.

Angesprochen auf diese mitschwingende Doppelmoral sagte Kölbl dem Kreisbote, dass bereits an eine etwaige Erweiterung gedacht worden sei: „Sollten wir dann bei einer Erweiterung Stellplätze vorgeschrieben bekommen, besteht dann die Möglichkeit mit einem Stahlparkhaus kostengünstig und ohne weiteren Flächenverbrauch die Auflagen der Stadt zu erfüllen“. Er merkte an, dass die Stadt in ihrer Pressemitteilung vergessen habe, dass der Bauernverband mit seinem Holzbau in Passivbauweise und mit Erdwärmeheizung so umweltschonend wie möglich gebaut und auf den angrenzenden Grünflächen Obstbäume gepflanzt habe, um zur Artenvielfalt beizutragen. Kölbl wies zudem darauf hin, wie wichtig der Stadt damals der Bau des Grünen Zentrums in Kaufbeuren gewesen sei. Seine Kritik solle kein Rundumschlag gegen die Stadt sein. Ihm sei bewusst, „dass die Stadt sich um die Entwicklung auch kümmern muss und nicht so leicht an Grundstücke herankommt. Und unsere Kritik entzündet sich nicht per se an jeder Bau- oder Gewerbegebietsausweisung. Wir vermissen lediglich, dass in den konkreten Fällen nicht versucht wird mit allen möglichen Mitteln Fläche einzusparen.“ Die Landwirte seien dann immer die Leidtragenden.

„Die Stadträte haben abgewogen und entschieden. Dass wir als Vertreter der Landwirte, die derzeit das Gefühl haben überall im Zweifel hinten runterzufallen, nie wieder zum Flächenverbrauch uns äußern dürfen, weil wir vor einigen Jahren gebaut haben, sehen wir so allerdings nicht“, so Kölbl abschließend.

von Martina Staudinger

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