Mit dem Puls der Stadt leben

Oberbürgermeisterwahl 2020: Amtsinhaber Stefan Bosse (CSU) will noch viel bewegen

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Oberbürgermeister Stefan Bosse (links) im Gespräch mit Redaktionsleiter Kai Lorenz. Beide trafen sich an der Skihütte in Oberbeuren und sprachen über die Kommunalwahl 2020.

Kaufbeuren – Erstaunlich aufgeräumt und zufrieden begegnet mir Oberbürgermeister Stefan Bosse bei unserem Treffen auf der Skihütte Oberbeuren. Die Sonne strahlt, es ist warm und das Panorama malerisch. Sein Blick fällt sogleich auf „seine“ Stadt. „Wissen Sie, nach hier oben habe ich mich oft nach meinem Dienst als Schichtleiter der Polizeiinspektion Kaufbeuren zurückgezogen und die Ruhe und den Ausblick auf Kaufbeuren und die Berge genossen“.

Nach der Zwölfstunden-Nachtschicht sei er oft noch vor Sonnenaufgang hier hoch gegangen, erzählt Bosse und lacht: „Ich war hier oben und die da unten schliefen und stellten nix an, hatten keinen Stress“. Er habe diesen Moment des Innehaltens genossen. Wenn dann die Sonne aufgegangen istund ihre Strahlen die Stadt und ihre Menschen geweckt hätten, „dann sieht man plötzlich all das, was einem am Herzen liegt,“ schwärmt Bosse, der jetzt weitere sechs Jahre im Amt bleiben will.

Jetzt erahne ich, warum Kauf­beurens Oberbürgermeister diesen Platz für unser Treffen ausgewählt hat. Doch es gibt noch mehr, was dieses Stück Erde für Bosse so einzigartig macht. Hier hat er seinen beiden Töchtern das Skifahren beigebracht. Daran denkt der 55-Jährige gerne zurück. Aber auch als Jugendlicher feierte er hier oben so manche Party. „Ein Kasten Bier und ab auf die Wiese, geschlafen wurde unter freiem Himmel“. Sogar während eines heftigen Schneesturms biwakierten Bosse und seine Kumpels hier oben. Überhaupt ist Kaufbeurens Oberbürgermeister ein Outdoor-Mensch. Wandern in den Bergen und draußen schlafen ist jedenfalls sein Ding. „Ich liebe das“, bringt er es auf den Punkt. Leider lässt es der Job kaum noch zu. Stolz ist er auch darauf, dass er einst „vor vielen Jahren“ eine Berg­hütte am Aggenstein vor dem Abbruch gerettet hat. „Zu dieser Zeit ließ der Freistaat alle Hütten abbauen“, erinnert er sich. Bosse, damals im Innenministerium tätig, flog mit dem Polizeipräsidenten mit dem Hubschrauber hoch zur Hütte und machte seinem Chef ganz unmissverständlich klar: „Die muss bleiben“. Und sie blieb. Bosse hat seitdem Nutzungsrecht auf Lebenszeit. Auch wenn er lieber vor der Hütte schläft. „Ein irrer Sternenhimmel“, schwärmt er.

Die Leidenschaft fürs Wandern hat Stefan Bosse von seinen Eltern. Sein Vater stammt aus Thüringen, aus Gotha, und wuchs quasi am Rennsteig auf. Nach dem Umzug nach Kaufbeuren war die ganze Familie Bosse dann Wochenende um Wochenende in Wanderstiefeln unterwegs, mal im Lechtal, mal im Sachsenrieder Forst. „Als mein Vater vor zwei Jahren starb, haben wir ihm zum Auszug aus der Leichenhalle das Rennsteiglied gesungen. Das war ein sehr emotionaler Moment und hätte ihm sicher sehr gefallen“, erinnert sich der Sohn Stefan Bosse.

Ausgleich zum stressigen Job

Seit beinahe 16 Jahren steht Bosse nun Kaufbeuren als Oberbürgermeister vor. Seitdem dreht sich bei ihm alles um die Stadt und ihre Bürger. Normal sieht anders aus. „Man führt ein anderes Leben, ein Leben, von dem man sich zuvor keine Vorstellung macht. Es wird in einem ganz starken Maße fremdbestimmt“. Sagt es, und schon wieder teilt sein Handy mit, dass es Nachrichten für seinen Besitzer hat. Und die kommen beinahe im Minutentakt. Bosse erklärt mir, dass er nur noch in Terminen denkt und wenn er keine hat, dann fühlt sich das ganz unwirklich an. Doch der OB hat ein Ass im Ärmel. Er kann sich ganz schnell aus dem aktuellen Geschehen ausklinken. Fährt er beispielsweise in die Berge, legt er den Schalter um und ist plötzlich in seiner alten, anderen Welt. Das pflegt er auch. Dreimal im Jahr schafft er es auf seine Hütte, oben am Aggenstein. „Ich genieße das unglaublich und freue mich jedes Mal tierisch darauf“. Dennoch, das Handy ist dabei und hält rührig Kontakt zur Arbeitswelt. Und so kann es passieren, dass er mal schnell die Nacht vom Berg herunter muss, weil die Pflicht ruft. „Das gehört zum Job des Oberbürgermeisters!“, erklärt er mir.

Ein Warnschuss

Der Job und der volle Terminplan könne nicht gut für die Gesundheit sein und schon gar nicht über eine solch lange Zeit, konfrontiere ich ihn. „Klar war ich früher fitter. Aber ich bin gesund!“ In den vergangenen 16 Jahren hat Bosse krankheitsbedingt keine längeren Fehlzeiten gehabt. „Ich bin robust und habe einen gesegneten Schlaf“. Ja, Schlafen ist die Quelle seiner Kraft, wie auch die täglichen Spaziergänge mit seinem Hund Picur, einem Pudelmischling, den Bosse aus einem Ungarn-Urlaub mit nach Hause gebracht hat. Überhaupt hatte es dieser Urlaub in sich. Weil er nämlich mit stechenden Schmerzen in der Brust ins Krankenhaus kam und vorsorglich ans EKG angeschlossen wurde. Die vermeintliche Diagnose war niederschmetternd: ein akuter Herz-Hinterwand-Infarkt. So zumindest sagte es ihm der Arzt, der auch gleich nachschob, dass ihn das nicht wundere bei dem Alter, Gewicht und Stress. Wie sich jedoch herausstellte, waren die EKG-Infarktwerte nicht seine, sondern die seines Bettnachbarn. Bosse hatte sich nur leicht an der Rippe verletzt, sein Herz war völlig in Ordnung. „Dennoch war das für mich ein Warnschuss“, sagt Bosse. Seither lässt er sich ärztlich begleiten, geht regelmäßig zur Vorsorge und bewegt sich, wann immer er Zeit dafür findet. „Mein Beruf ist prägend für dieses Leben. Ganz oder gar nicht“. Und so steht seine 24-Stunden-Tour als Symbol dafür, „dass du mit dem Amt, wenn du es gescheit machst, verwachsen bist“. Im Schnitt 80 Stunden arbeitet der 55-Jährige in der Woche, wie er sagt, und sei rund um die Uhr für die Feuerwehr erreichbar… „Du lebst als Oberbürgermeister mit dem Puls der Stadt“.

Ein Stolperstein für die Ehe

Bosse ist zwar noch verheiratet, lebt aber von seiner Frau getrennt. Katja Brauner ist seit einigen Jahren die neue Lebensgefährtin an seiner Seite. Alle verbindet ein herzliches Verhältnis. Bosse macht keinen Hehl daraus, dass sein Amt mit der Stolperstein seiner ersten Ehe war. Es sei kaum Zeit gewesen, um sich um eheliche Probleme zu kümmern. Schwer wiegt für Bosse der Satz seiner ersten Frau: „Wir sind auch nur noch Termine für dich“. Es sei die bittere Wahrheit gewesen, gibt Bosse zu. Die Ungarn hätten dafür einen Begriff geprägt, erzählt er mir: „Wer mit einem Politiker oder Bürgermeister verheiratet ist, wird dort eine politische Witwe genannt.“ Mit Katja Brauner habe er nun eine Partnerin mit „extrem viel Verständnis“.

Ein guter Vater

Seine Töchter Linda und Julia dagegen, sagt er, sähen das nicht so problematisch. Sie seien mit der Position und beruflichen Situation ihres Vaters aufgewachsen. In der Retrospektive hält er fest: „Ich habe ein ausgezeichnetes Vater-Töchter-Verhältnis, das gilt auch für meine erste Ehefrau“. Dass sich seine Tochter Julia in Kaufbeuren politisch engagiert, findet Bosse positiv. „Die Erfahrungen, die sie hier sammelt, sind sehr wertvoll“.

Kein Selbstläufer

Stefan Bosse will weitere sechs Jahre als Oberbürgermeister seiner Stadt dienen. Für ihn sei der Posten nie ein politisches Sprungbrett gewesen. „Mir macht das mega Spaß“, bekennt er. Als Selbstläufer sieht er seine erneute Kandidatur jedoch nicht. „Ich bin mit genau derselben Ernsthaftigkeit dabei, wie bei meinen Wahlkämpfen zuvor auch.“ Jeder Wahlkampf hat für Bosse eine ganz tiefe Symbolik. „Ich muss als Kandidat beweisen, dass ich den Anforderungen, die dieses Amt an mich stellt, gewachsen bin“. Ein schwaches Nervenkostüm oder in die Knie gehen, sind für Bosse keine Option. „Du musst den Bürgern zeigen, wie die nächsten sechs Jahre anzugehen sind und zwar nicht nur auf der Basis von Wahlversprechen, sondern in der Weise, wie du den Wahlkampf führst“. Ist da Engagement dahinter, Kreativität, ist da Humor, Gelassenheit oder bist du verbiestert, verbissen, beleidigt oder gar eingeschnappt, listet Bosse auf.

Viel Gegenwind

Die Vorwürfe seiner Gegner, er wäre ausgebrannt, hätte keine Ideen mehr, ordnet Bosse für sich ein. Diese rühren aus seine Sicht aus einem Interview, das er zusammen mit seiner Tochter gegeben hat. „Sie hatte gefühlt tausend Ideen und ich habe sie als ihr Papa eingebremst und gesagt, gemach, gemach…“ Denn die eine Hälfte sei bekannt, die andere mit großer Wahrscheinlichkeit nicht umsetzbar. „Mit neuen Ideen ist es nun einmal so eine Sache“, betont er. „Die, die gut sind, sind sofort weg und umgesetzt. Andere sind zwar super, aber aktuell noch nicht machbar. Aber um die muss man kämpfen“. Bosse bringt das Zahlenspiel, dass von 100 Ideen zehn gut sind und von denen etwa drei umgesetzt werden können. Daher müsse man systematisch daran arbeiten, einen Ideenüberschuss zu erwirtschaften. „Du musst sagen, wow, bringt eure Ideen rein. Denkt nach. Wir probieren alles aus. Nur dann hast du tatsächlich öfter die Chance mit diesen drei Prozent unterwegs zu sein, als andere“. Bosse macht deutlich, dass bedingt durch die infrastrukturelle Situation und die geschichtliche Entwicklung Kauf­beuren viel aufzuholen habe. Und man müsse „schneller und innovativer“ sein als andere.

Diskussionskultur im Stadtrat

Konflikte seien normal und gehörten zu einer demokratischen Streitkultur, sagt Bosse und blickt dabei auf die Vorwürfe seiner Gegner, die die Diskussionskultur im Stadtrat in der vergangenen Legislaturperiode kritisieren. „Gerade, wenn im Gremium einige Alfa-Tierchen sitzen, ist es problematisch. Dennoch macht der Ton die Musik“, betont Bosse, der, wie er sagt, selbst immer bemüht sei, angemessen und freundlich zu reagieren. „Dass einige Stadträte ohne Not eine politische Schärfe hineinbringen“, betrübt den OB. „Ich kann keinem vorschreiben, was er zu sagen hat und bin auch nicht für deren gute Kinderstube verantwortlich“. Er gebe den Rahmen vor, habe aber keine Garantie, dass sich auch alle an die Spielregeln hielten. „Und wie verfährt der neue Stadtrat mit potentiellen AfD-Kandidaten?“, frage ich ihn. Hier müsse man zusammenstehen und Dinge, die unakzeptabel seien, benennen und zurückweisen. „Auf gar keinen Fall dürfen wir uns provozieren lassen, denn darauf warteten die nur“, lautet die Antwort des OB.

Ein fairer Wahlkampf

Bosse empfindet den aktuellen Wahlkampf als fair. Aber er bekennt, dass es nach 15 Jahren im Amt für ihn trotz allem Engagement schwieriger geworden sei, mit neuen Ideen und Visionen auf den Markt zu gehen. Da hätten es seine Herausforderer deutlich leichter. „Als OB kenne ich die Argumente, die für oder gegen eine Idee sprechen. Spätestens dann, wenn der Kämmerer sagt, es sei nicht finanzierbar, und die Rechtsabteilung abwinkt. Ich bin gefangen, das hat ein Herausforderer nicht. Der hat die volle Bewegungsfreiheit.“ Mit diesem Wissen tue Bosse „schon etwas Buße“, wenn er an seinen ersten Wahlkampf vor gut 16 Jahren zurückdenkt.

Es gibt viel zu tun

„Kaufbeuren ist eine Aufsteigerregion“. Das sagt nicht Bosse, sondern das Wirtschaftsmagazin „Focus Money“ in ihrer aktuellen Erhebung. Gemeint ist unter anderem der stetige Zuwachs an Einwohnern von rund einem Prozent. Das stelle die Stadt laut Bosse aber auch vor große Herausforderungen und betreffe sowohl die Schaffung von neuem Wohnraum und neuen Kindergartenplätzen. Bosse denkt sogar laut über eine neue Grundschule oder eine neue Dreifachturnhalle an der Jörg-Lederer-Schule nach. „Es gibt viel zu tun“, weiß Bosse.

Alles in allem hält es der amtierende Oberbürgermeister mit dem Wahlslogan seiner Partei: „Gesundes Wachstum in allen Bereichen unterstützen“. Er setzt noch eins obendrauf: „Ja, vernünftig und gesund wachsen! Die Menschen müssen politisch mit dabei bleiben und sich nicht gegen die Politik auflehnen“.

Ein Prozent Bevölkerungswachstum in Kaufbeuren, das bleibt für Bosse die große Herausforderung. Und während er das sagt, schweift sein Blick wieder von der Skihütte hinab ins Tal, da wo seine Stadt gerade nicht schläft. Und man sieht ihm an, er will dort unten noch viel bewegen.

von Kai Lorenz

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