Zufällig immer wieder zum Rathaus

OB-Wahl 2020 in Kaufbeuren: Bernadette Glückmann geht für die Freien Wähler ins Rennen

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Wird sich die Rathaustür weit für sie öffnen? Kandidatin Bernadette Glückmann landete jedenfalls beim Spaziergang „zufällig“ immer wieder an diesem Ort.

Kaufbeuren – Bernadette Glückmann ist die Kandidatin der Freien Wähler für das Amt des Oberbürgermeisters – pardon, natürlich der Oberbürgermeisterin – von Kaufbeuren. Die anderen drei Kandidaten sind übrigens männlich. Bei einem Spaziergang durch Kaufbeuren, die Stadt, die ihr neuer Lebensmittelpunkt werden soll, sprach der Kreisbote mit ihr darüber, warum sie kandidiert – und warum sie meint, dass Kaufbeuren und sie gemeinsam eine Erfolgsgeschichte schreiben werden.

Der legendäre amerikanische Sänger und Entertainer Frank Sinatra startete seine Weltkarriere mit einem einzigen großen Auftritt. Als er später danach gefragt wurde, antwortete er sinngemäß „Wie bitte? Über Nacht berühmt? Vor dieser Nacht standen zehn harte Jahre, in denen ich daran gearbeitet habe, gut und immer besser zu werden”.

Erfolg, das wollte er damit sagen, benötigt eine solide Grundlage. Aber er braucht auch, je nach religiöser Überzeugung, glückliche Zufälle oder Gottes Hand. Man muss halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Bernadette Glückmann führt diese wichtige Voraussetzung schon im Namen. Und die Idee, als Oberbürgermeisterin von Kaufbeuren zu kandieren, ergab sich ursprünglich auch aus zufälligen Fügungen, insbesondere der Freundschaft ihrer Familie mit der des Kaufbeurer Stadtrates Richard Drexl. „So lernte ich die Stadt kennen und verliebte mich auf der Stelle in sie – schon vor zehn Jahren“, erzählt sie während eines Spazierganges durch die Innenstadt an der ersten Station, dem Rathaus.

In der Art von Gerhard Schröder, der als junger Mann einmal am Tor des Kanzleramtes rüttelte und rief „Ich will hier rein“, mag sie nicht posieren. Aber mit freundlichem Lächeln legt sie die Hand fest auf die Klinke und drückt sie herunter. „Übrigens sind die schönen alten Türklinken, die Fassaden, die romantischen Ecken Kaufbeurens etwas, was mich immer wieder verzaubert“, bemerkt sie dabei.

Bernadette Glücksmann ist zweifellos ein Mensch mit Gefühl, Geschmack, Sinn für Kunst und Ästhetik. Als Schülerin in München, vor dem Abitur am Französischen Gymnasium, wollte sie Opernsängerin werden. Darauf bereitete sie sich fleißig vor, sang in Chören und als Solistin. Aber der Zufall wollte es anders – oder einfach der Umstand, dass sie und ihre Familie sich nicht auf lange Jahre ohne festes Einkommen einlassen wollten und konnten. Also begann sie eine duale Ausbildung an der Bayerischen Beamtenfachhochschule. Nach dem Abschluss starte sie dann 1989 bei der Deutschen Rentenversicherung Bayern Süd. „Damit waren die Weichen gestellt. Das Künstlerische, die französische Sprache, die Musik wurden zu Hobbys“, erklärt sie mit leichter Wehmut an der nächsten Station, dem Obstmarkt. „Diese Aspekte habe ich jedoch nie aus den Augen verloren. Deshalb ist dieser Ort mit dem schönen Brunnen, dem Kloster, dem Blick auf Afraberg und Fünfknopfturm mein Lieblingsplatz in Kaufbeuren.“

Aber solche Perspektiven waren in ihrem Berufsleben selten. Bernadette Glückmann machte Karriere bei der Rentenversicherung: Ganz herkömmlich, ganz bürgerlich und mit dem dazu notwendigen riesigen Aufwand an Kraft und Energie. Nach Stationen als Persönliche Referentin der Vorsitzenden der Geschäftsführung und Leiterin des Büros Selbstverwaltung und Unternehmenskommunikation ist sie heute Stellvertretende Leiterin der Abteilung Verwaltung und Informationstechnologie. „In dieser Zeit habe ich alles gelernt, was ich benötige, um mich nach nunmehr 35 Jahren bei der Rentenversicherung neuen Herausforderungen stellen zu können“, erklärt sie und zählt auf: „Die Rentenversicherung ist ein Unternehmen, dessen Struktur ohne Weiteres mit einer Stadtverwaltung vergleichbar ist. Im Team meiner Abteilung arbeiten Bauingenieure, Architekten, IT-Experten, denn wir verwalten Liegenschaften und Wohnungen. Es geht aber auch um Beschaffung, vom Bürostuhl bis zum kompletten IT-System, um Finanzverwaltung, etwa den Kampf mit den Negativzinsen. So etwas ist im Haushalt einer Stadt heute ebenfalls ein Thema. Sollen wir investieren, bei geringen Kreditzinsen? Oder muss die schwarze Null auch in der Stadt gelten?“

Auch die Lebensumstände der nunmehr 54-jährigen Bernadette Glückmann gestalteten sich diesem Umfeld entsprechend. Oder fast. Immerhin heiratete sie vor zehn Jahren in zweiter Ehe einen freiberuflichen Musiker. „Und wir bauten gemeinsam ein Haus“, fügt sie mit einem verschmitzten Lächeln hinzu. „ Das ist dann bei zwei berufstätigen Leuten, von denen einer – ich – nach München und Landshut pendelt und der andere –mein Mann Miloš – auf Konzerttourneen geht, noch einmal eine Masterclass in Management.“

Vom Obstmarkt müssen wir dann noch einmal zum Rathaus zurück, um wegen eines Defekts an der Kamera die Aufnahmen zu wiederholen. Und dann, auf dem Afraberg angekommen stellen wir fest, dass das Café am Fünfturmknopf Ruhetag hat. Am Ende landen wir in einem Café in der Kaiser-Max-Straße – wieder in Sichtweite des Rathauses. Zufall?

„Sicherlich“, meint Glückmann. „Wir hätten ja auch in Neugablonz starten können, dem Stadtteil mit seiner faszinierend vielgestaltigen Bevölkerung. Aber ich habe mir in vielen Spaziergängen erst einmal die Altstadt erschlossen, mich vorerst am Haken eingemietet.“

Nun schaut sich die Kandidatin schon einmal nach einer Wohnung in Kaufbeuren um. „Wir haben allerdings festgestellt, dass die Mieten horrend sind“, erklärt sie. „Trotzdem würde ich gern als Oberbürgermeisterin hierher umziehen. Unter den umgänglichen Kaufbeurern bekomme ich Heimatgefühle, und ich bin bei jeder Abfahrt ein wenig traurig. Mein Mann mit seinen sudetendeutschen Wurzeln mag mehr Neugablonz. Übrigens lerne ich derzeit Tschechisch bei ihm – und ein wenig paurisch bei Ingrid Zasche, meiner Parteifreundin. Vielleicht sollte ich ja auch noch ins Russische schnuppern, oder?“

Aber dazu wird wohl kaum Zeit bleiben. „Ich bin lange Arbeitstage gewöhnt, das können auch mal 60 Wochenstunden oder mehr sein“, erklärt Frau Glücksmann unerschrocken. „Aber sicherlich wird der Start hier eine Herausforderung. Eben genau das, was ich gesucht habe. Denn heute bin ich in einem Alter und auf einem Stand meiner Entwicklung, die es erlauben, noch einmal durchzustarten und etwas zu bewegen. Kaufbeuren ist für mich dafür der perfekte Ort.“

Das bedeutet aber auch Veränderungen in der gesamten Lebensführung. „Hobbys wie Joggen, Theater – und sei es MET-Opera live aus New York im Corona-Kino – vor allem aber Reisen bleiben mir wichtig“, erklärt die Kandidatin. „Dabei bin ich mir sicher, dass das Thema Work-Live-Balance auch in der Stadtverwaltung, ja in der ganzen Stadt in Zukunft eine ganz wichtige Rolle spielen wird.“

Werden Fleiß, Zielstrebigkeit, aber auch Glück und Sympathien Glückmanns Traum in Erfüllung gehen lassen? Ist sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Am Ende entscheiden darüber Sie – am 15. März an der Wahlurne.

von Ingo Busch

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