Gestalten statt spalten

Oberbürgermeisterwahl 2020: Oliver Schill (Grüne) will neuen Stil in der Kommunalpolitik

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Vielfältig und einzigartig zugleich sei sein Kaufbeuren, sagt Oliver Schill, Oberbürgermeisterkandidat der Grünen.

Kaufbeuren – Mit Bedacht gehen wir die letzten Stufen zum Vorplatz der St. Blasius Kirche empor. Das Wetter lässt zu wünschen übrig, die Temperatur ist urplötzlich gefallen. Es graupelt und heftige Böen jagen die Eiskörner quer ins Gesicht. Doch Oliver Schill ist wetterfest. Stürme, so scheint es, kratzen nicht im geringsten an seiner Bodenhaftung. Er spannt den Schirm über uns aus, zeigt über die Stadt und erzählt ruhig weiter: „Dies ist ein guter Ort für mich – und das gleich doppelt.“

„Dieser Platz“, so der grüne OB-Kandidat, „erlaubt mir den Überblick, über die Stadt und ihre historischen Schätze sowie über ihre Grenzen hinaus ins Wertachtal. Er macht mir bewusst, wie wertvoll Kaufbeuren ist.“ Untrennbar ist der Spazierweg zur Sankt-Blasius-Kirche und weiter an der Stadtmauer entlang zum Fünfknopfturm auch mit Schills eigener Geschichte verknüpft. Hierher führten ihn die ersten Spaziergänge, die er vor 32 Jahren händchenhaltend mit einer Klassenkameradin unternahm. Das Ehepaar Schill, Dr. Monika Schill und Oliver, lernte sich während der gemeinsamen Schulzeit am Staatlichen Gymnasium Kaufbeu­ren kennen. Sie haben einen Sohn, den 13-jährigen Tobias.

Mit Ecken und Kanten

Das Ehepaar Schill ist ein starkes Paar. Beide stammen sie aus Kaufbeuren, gemeinsam hat sie das Studium und berufliche „Wanderjahre“ durch Deutschland geführt, bewusst sind sie beide vor gut zehn Jahren wieder zurück in ihre Heimatstadt gekommen. Erst aus der Distanz heraus, sagt Schill nachdenklich, habe er erkannt, wie vielfältig und einzigartig Kaufbeuren sei. Mit Ecken und Kanten, natürlich, und mit viel Entwicklungspotential. Sei es, die Wertach wieder ins Leben der Stadt zu integrieren, sei es, die Ziele von Inklusion und Klimaschutz voranzubringen.

Seine Bewerbung um den Sitz im Kaufbeurer Rathaus hat sich der 47-jährige Schill allerdings gut überlegt. Natürlich hat er das, denn Oliver Schill tut nichts aus einer Laune heraus. Entscheidet er sich für ein (Ehren-)Amt, dann kann man sich auf ihn verlassen. Dann zählt für ihn das Ganze und nicht die halben Sachen. Mit seiner Kandidatur ist der Fraktionssprecher der Kaufbeurer Grünen ins Rampenlicht getreten – und damit auch auf neues Terrain. „Ich tue das nicht, damit ich mir stolz die Amtskette umhängen kann“, sagt er und die blauen Augen blitzen auf. „Für mich ist dieses Amt eine Herzensangelegenheit und höchst emotional.“

Kein Automat

Mal ehrlich, für einen Zahlenmenschen, Betriebswirt, einen Berater im Hintergrund, wie Oliver Schill es ist, ist das eine unerwartete Ansage. Natürlich wird der Diplom-Kaufmann seine fachliche Expertise aus 20 Jahren kommunaler Beratungstätigkeit und aus sechs Jahren Stadtratsarbeit in das Amt als Rathaus­chef mit einbringen können. Im Grunde geht es ihm jedoch um viel mehr. „Mir ist wichtig, der Stadt wieder Leben einzugeben, verkrustete Strukturen aufzubrechen und einen neuen Geist einzubringen. Das kann ich nicht alleine. Das geht nur in einem fruchtbaren Miteinander. In einem Stadtrat, in dem sich jeder willkommen fühlt.“ So habe er das in den letzten sechs Jahren nicht erlebt. Im Gegenteil. Schill ärgert sich, Teil eines „Abstimmungsautomaten“ gewesen zu sein. „Dem Ticket­apparat am Bahnhof ist mehr Kreativität erlaubt als dem aktuellen Stadtrat“, sagt er spitz. Oliver Schill kennt die Verflechtungen in Kaufbeuren und besteht darin.

Das Klima im kommunalpolitischen Ehrenamt zu verbessern – darum geht es ihm „Ich will, dass nun nach fast 16 Jahren der Stadtrat wieder eine aktive Rolle im politischen Leben unserer Stadt bekommt.“ Eine Schlüsselposition habe darin der Oberbürgermeister inne – als eine Art Spielemacher und Schiedsrichter zugleich. „Wir müssen weg vom Spalten hin zum Gestalten.“

Mehr als nur ein Ehrenamt

Das Ziel ist damit gesetzt. Dass der Weg dorthin mit viel Klein-Klein bestückt sein mag, schreckt Oliver Schill nicht. Seit er denken kann, kümmert er sich darum, Schritt für Schritt gemeinschaftliche Ziele zu erreichen. Einst als „Chefredakteur“ der Schülerzeitung sowie als Vorsitzender diverser Elternbeiräte und Mitglied im Gesamtelternbeirat der Stadt Kaufbeu­ren. Heute als Vorsitzender im Bürgerforum Kaufbeuren, im Vorstand des Freundeskreis des Kaufbeurer Stadtmuseums, als Zweiter Vorstand und Alpinwart des Ski-Clubs Kaufbeuren, als aktives Mitglied des Tänzelfest­vereins, als Kassenprüfer des Heimatvereins Kaufbeuren, und, und, und… „Ich kann halt gut organisieren“, sagt er bescheiden, wenn ein weiterer „Nebenjob“ ihm angetragen wird. Doch es ist mehr als nur sein Organisationstalent. Ehrenamtliches Engagement ist für ihn und seine Familie eine innere Einstellung.

Es anpacken… auch das ein wichtiges Stichwort. Schill erzählt, dass immer wenn eine Aufgabe schwierig oder unmöglich schien, sie für ihn interessant wurde. Und er fügt die Anekdote an, wie ihn sein Sohn vor kurzem fragte, ob man die Klimaerwärmung noch stoppen könne. „Du bist doch Stadtrat, Papa. Da müsst Ihr doch was machen!“ Auch wenn es daraufhin kurz still war, am Schill‘schen Küchentisch – die Aufforderung des Jüngsten klingt nach. Ja, Oliver Schill wird handeln. Hartnäckig. Dem inneren Herzschlag folgend, in kleinen Schritten und mit dem großen Ganzen im Blick.

Als wir vom Fünfknopfturm zurück in die Innenstadt gehen, frage ich Schill, was er denn tue, um auch mal zu entspannen. Nach einigem Zögern verrät er: „Nach langwierigen Stadtratssitzungen stelle ich mich nachts in den Keller, wachse und schleife stundenlang die Ski meines Sohnes. Das entspannt!“ Ski-Bügeln als Meditation? Wenn‘s weiter nichts braucht...!

von Angelika Hirschberg

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