Für einen Generationenwechsel

Oberbürgermeisterwahl 2020 Kaufbeuren: Pascal Lechler geht für die SPD ins Rennen

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OB-Kandidat Pascal Lechler gibt im Gespräch mit Redakteurin Martina Staudinger ganz persönliche Einblicke.

Kaufbeuren – Für Pascal Lechler vereinen sich auf dem Kaufbeurer Fliegerhorst Beruf, Privates und Städtisches. Sein Vater war Berufssoldat und das der Grund, warum die Familie 1989 nach Kaufbeuren zog. Am Fliegerhorst absolvierte Pascal Lechler seine Ausbildung und ist heute selbst als Ausbildungsbeauftragter des Bundeswehr-Dienstleistungszentrums Kaufbeuren tätig. Zudem ist der Fliegerhorst einer der größten Arbeitgeber der Region und seiner Ansicht nach auch für die zukünftige Entwicklung der Stadt essenziell. Kurzum der perfekte Ort, um über sein ambitioniertes Vorhaben zu sprechen: Pascal Lechler möchte Oberbürgermeister von Kaufbeuren werden.

Spätestens seit Lechler 2017 für die SPD in den Bundestagswahlkampf stieg, ist der Name in der Region ein Begriff. Damals scheiterte er, wurde nicht in den Bundestag gewählt. „Mein Fokus lag eigentlich immer schon auf kommunaler Ebene“, erklärt Lechler den Schritt, nun als SPD-Ortsvorsitzender für das Amt des Oberbürgermeisters anzutreten.

Mit seinen 39 Jahren ist Lechler der jüngste der vier Anwärter auf den Posten des Rathauschefs. Schon im Sommer vorigen Jahres sei klar gewesen, dass die SPD einen eigenen Kandidaten aufstellen wird und dass Lechler Amts­inhaber Stefan Bosse herausfordern möchte. Denn er traut sich das Amt zu. Seine Partei will mit der Kandidatur einen Generationenwechsel einläuten. „Ich sehe mein Alter als Vorteil, da man doch andere Ansichten hat, als mit über 50.“ Andere Ansichten, so ist er überzeugt, bringt er schon allein dadurch ein, dass er nicht im Stadtrat sitzt. Ein Manko? Nicht aus seiner Sicht, denn so kann er objektiv auf die politischen Angelegenheiten sehen. Daneben versteht es sich von selbst, dass er schon einige Sitzungen des Stadtrats als Zuhörer erlebt hat, dadurch also die Debattenkultur im Gremium kennt. Fremd ist ihm der Sitzungssaal im Rathaus ohnehin nicht, denn Lechler ist stimmberechtigtes Mitglied im Jugendhilfeausschuss der Stadt. Seit 2019 ist er auch als Jugendersatzschöffe beim Amtsgericht Kaufbeuren tätig und hat bisher eine Verhandlung miterlebt, die er als sehr spannend empfand.

Die Jugend und generell Familie liegen ihm sehr am Herzen, und das merkt man, wenn er mit leuchtenden Augen das Foto eines Neffen auf seinem Handy zeigt. Selbst hat Lechler noch keine Kinder und auch keinen Partner an seiner Seite, wünscht sich jedoch beides. Dass Familie und gute Freunde den wichtigsten Rückhalt gerade in schwierigen Zeiten geben, erfuhr Lechler vor ein paar Jahren am eigenen Leib. Im Januar 2015, Lechler war 34 Jahre alt, wurde bei ihm mehr oder weniger zufällig Schilddrüsenkrebs festgestellt. Nach dem Sport hatte er sich häufig schlapp gefühlt. Um der Ursache auf den Grund zu gehen, ließ er sich von seinem Hausarzt gründlich durchchecken. Eine Untersuchung bei einem Facharzt ergab zunächst den Befund „Kalter Knoten“ an der Schilddrüse. Lechler solle in drei Jahren zu einer weiteren Untersuchung vorstellig werden. Auf Drängen des Hausarztes folgte dann doch die Operation, bei der sich herausstellte, dass es sich bereits um einen Tumor handelte. Weitere Lymphknoten im Halsbereich wurden gleichzeitig entfernt. Die Diagnose war für Lechler ein Schock, gerade in dem jungen Alter. Er musste sich elf Monate lang einigen Behandlungen unterziehen und auch einer zweiten Operation. Halt und Unterstützung beim Genesungsprozess gaben ihm Familie und Freunde. „Ich hielt es immer für weit hergeholt zu sagen, dass man in solchen Momenten feststellt, wer wirklich hinter einem steht“, doch genau so sei es gekommen, erzählt er nachdenklich. Menschen, die er für gute Freunde hielt, wandten sich ab, doch erfreulicherweise sei auch das Gegenteil eingetreten. Ein einschneidendes Erlebnis mit Höhen und Tiefen, aus dem Lechler aber vor allem Positives zieht, denn er habe erkannt, was im Leben wirklich zählt.

Nichtsdestotrotz behielt er auch seine Karriere im Blick und arbeitet heute nach wie vor mit hundertprozentigem Einsatz, denn er fühlt sich kerngesund und keineswegs eingeschränkt, seither ist er ohne Befund. Meist vergisst er gar, dass er aufgrund der Krebs­erkrankung einen Schwerbehindertenausweis besitzt, der ihm manchmal Vergünstigungen bringen würde. Das Einzige, was ihn an seine Krankheit erinnert, sind die Thyroxin-Tabletten, die er täglich schlucken muss. „Doch das geht in Deutschland etlichen Menschen so.“

Lechler, so scheint es, schafft den Spagat zwischen ­Fulltime- Job und zahlreichen ehrenamtlichen Aufgaben mühelos. Da wird ihm nicht bange, wenn er an die 80 Stunden-Woche eines Oberbürgermeisters denkt. „Meine durchschnittliche Woche hat auch zwischen 60 und 100 Stunden, wenn ich alles zusammenzähle“, sagt der Diplom-Verwaltungswirt, dessen Arbeitstag meist schon um 6 Uhr beginnt. Ihm ist bewusst, dass ein solches Pensum nur mit guter Organisation und einem eingespielten Team möglich ist – sowohl in seiner jetzigen Tätigkeit als auch als Kaufbeurer OB, der ja einen Verwaltungsapparat von etwa 1000 Menschen unter sich hat. Einen Ausgleich findet er in sportlichen Aktivitäten oder bei kulturellen Veranstaltungen.

Um sich dem Wahlkampf voll und ganz zu widmen, hat Lechler in der jetzigen heißen Phase 25 Tage Urlaub genommen. Kaufbeu­ren so weit voranzutreiben, dass es für alle Generationen lebens- und liebenswert ist, benennt er als gestecktes Ziel. Durch seine ehrenamtlichen Tätigkeiten in diversen Vereinen – von der Arbeiterwohlfahrt über den ESVK und den Tänzelfestverein bis hin zum DJK-Sportverband Kaufbeuren, der Gewerkschaft Verdi und zum Freundes- und Förderkreis der Blauen Blume Schwaben – trifft er Menschen jeden Alters und kennt ihre Wünsche und Anliegen. Auch die Teilhabe aller Menschen jeglicher Couleur benennt er als Herzenssache und setzt sich etwa in seiner Funktion als Stellvertretender Landesvorsitzender der SPDqueer Bayern für die Akzeptanz und Gleichstellung homo-, bi-, trans- und intersexueller Menschen ein. Täglich stehen momentan Veranstaltungen auf seiner Agenda, wo er auch sein Wahlprogramm vorstellt. Dieses beinhaltet neben seinen Herzensangelegenheiten Wohnen, Familie und Soziales auch Umwelt, Klima und Verkehr sowie Stadtentwicklung und Wirtschaft.

Zu Letzterem zählt natürlich auch der Treffpunkt unseres Gesprächs, der Fliegerhorst, der bekanntlich als Bundeswehrstandort erhalten bleibt. Sollte Lechler am 15. März als neuer Rathaus­chef feststehen, wird ihn dieses Amt sicherlich häufig dorthin führen, wenn auch nicht ganz so oft, wie es bisher in seiner beruflichen Laufbahn der Fall war.

von Martina Staudinger

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