"Allgida": Obergünzburg in Aufruhr

"Traurigkeit, Wut und Zorn"

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Die Bürgermeister von Obergünzburg, 2. Bürgermeister Herbert Heisler (v. li.), 1. Bürgermeister Lars Leveringhaus und 3. Bürgermeister Reinhard Kiechle nahmen in einer ersten Pressekonferenz zu den Ereignissen Stellung.

Obergünzburg – Es war ein Bild, wie es die Obergünzbürger wohl bisher nur aus den Medien kannten. Was sich jüngst in fremdenfeindlichen Aktionen in Clausnitz und Bautzen ereignete, spielte sich am vergangenen Samstag in ähnlicher Form nun auch in der Allgäuer Marktgemeinde Obergünzburg ab.

Hier standen 150, wahrscheinlich auswärtige, Asyl-Gegner in einer nicht angemeldeten Versammlung auf dem Marktplatz etwa 50 Gegendemonstranten gegenüber. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, eine Eskalation zu verhindern. 

Lautstark skandierten die rund 150 Asyl-Gegner mit politischen Parolen gegen die derzeitige Asylpolitik der Bundesregierung. Nachdem sich circa 50 Gegendemonstranten gegen Rassismus einfanden, kam es zu Pöbeleien und Beleidigungen gegen diese Gruppe aus Reihen der Asyl-Gegner. Es soll auch vereinzelt der Hitlergruß gezeigt worden sein. Die Polizei ermittelt zumindest auch in diesem Zusammenhang. 

Von dem Szenario berichtete auch Obergünzburgs 1. Bürgermeister Lars Leveringhaus. Er selbst habe versucht, mit den Demonstranten zu diskutieren, wurde aber selbst beleidigt und abgewiesen. Die Polizei hatte die Gruppen voneinander getrennt gehalten und rechtzeitig Verstärkungen aus Kaufbeuren und Kempten angefordert. Nach etwa einer Stunde lösten sich beide Gruppen dann auf und verließen den Marktplatz. 

In einer ersten Stellungnahme äußerten sich am Montag die Bürgermeister der Marktgemeinde in einer eilig anberaumten Pressekonferenz zu den Vorfällen. Herbert Heisler, zweiter Bürgermeister, meinte „Wir wussten zwar seit Wochen von möglichen Verabredungen in den sozialen Medien, fanden aber keinen Urheber.“ Da sich keine konkreten Hinweise verdichtet hätten, habe man die Hoffnung gehabt, dass sich die Sache verläuft. 

Auch dritter Bürgermeister Reinhard Kiechle konnte nicht verstehen, „dass ausgerechnet Obergünzburg als Versammlungsort ausgesucht wurde“. Soweit ihm bekannt sei, waren dies keine Einheimischen. „Wir sind uns allerdings einig, dass es so was nicht noch einmal geben wird“, versicherte Kiechle. Bürgermeister Leveringhaus, war am Samstagabend nach einer Geburtstagsfeier aus einem Bauchgefühl heraus nochmals in den Ort gefahren und bekam die Vorfälle direkt mit. Bisher habe man kein Auftreten einer „Allgida“ (abgeleitet von Pegida im Allgäu) vermerken können. 

Leveringhaus betonte: „Wir leben in einem freien Land mit Meinungsfreiheit und müssen das auch aushalten“. Es wäre dennoch eine schwere Stunde für den Markt gewesen. Die Grenze der Meinungsfreiheit sei bei Beleidigungen gegen die Gegendemonstranten und Straftaten gegen die Allgemeinheit überschritten worden. 

„In der Marktgemeinde regieren derzeit tiefe Traurigkeit, Wut und Zorn wegen der Geschehnisse“, so der Bürgermeister. Es herrsche im Marktgemeinderat großer Konsens über den derzeitigen konstruktiven Umgang mit den knapp über 70 Asylbewerbern in Obergünzburg. Diese seien gut betreut, integrierten sich in Sportvereinen und bei der Blasmusik. 

Die Stimmungslage bei den Einwohnern von Obergünzburg zeige kein Verständnis für die angeblichen Demons­tranten. Leveringhaus vermutete, „dass unsere Marktgemeinde für diese Veranstaltung eher aus strategischen Gründen ausgewählt wurde. Wir gehen davon aus, dass es sich um professionelle Demonstranten handelt.“ 

Zusammenfassend betonte der Bürgermeister, dass die Marktgemeinde mit ihrer Arbeit für die Flüchtlinge beispielgebend sei und prophezeite: „Solche nicht angemeldeten Veranstaltungen, die uns dann überraschen, wird es nicht mehr im Allgäu geben“.

von Wolfgang Krusche

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