„Es geht nicht mehr um die Patienten“

Oberostendorfer Landarzt Dr. Rainer Albrecht zieht Konsequenzen aus zunehmender Bürokratisierung

Mann mit Baby
+
Schwere Entscheidung: Dr. Rainer Albrecht wird seine Praxis in Oberostendorf aufgeben.

Oberostendorf – Gesundheit ist unser höchstes Gut. Wenn wir eines aus den letzten Wochen und Monaten gelernt haben, dann wohl diese Binsenweisheit. Im Gegensatz dazu wird Krankheit mehr und mehr zu einer Angelegenheit, die sich nicht jeder leisten kann. Neue Verordnungen und eine unausgereifte Digitalisierung auf Biegen und Brechen machen es den Ärzten schwer, im Sinne ihrer Patienten zu handeln. Landarzt Dr. Rainer Albrecht hat deshalb beschlossen, seine Praxis in Oberostendorf aufzugeben.

Seit 17 Jahren ist der 50-Jährige als Landarzt tätig. 2017 zog er vom Gemeindeamt in das neu gebaute Haus der Gesundheit im Dorfkern von Oberostendorf, investierte in die neue Praxis. Für einen etwaigen Nachfolger würde es für solche Investitionen eine nicht unerhebliche staatliche Unterstützung geben, für Medizinstudenten gibt es entsprechende Stipendien, um ihnen die Arbeit außerhalb der Großstädte schmackhaft zu machen. Doch die Förderungen der Regierung verlaufen im Sande. Nach dem Studium zieht es die angehenden Ärzte nach München oder Augsburg, viele entscheiden sich sogar für das Ausland, wo sie auf eine sichere Arbeitsstelle bauen können und Wertschätzung für ihre Arbeit erfahren. Albrecht ist mit seiner Praxis am Limit. Er behandelt, so sagt er, im Quartal doppelt so viele Patienten wie ein Hausarzt in Bayern im Durchschnitt betreut. Waren es vor einigen Jahren nur eine Hand voll Patienten aus den nördlichen Nachbargemeinden, kümmert sich Albrecht inzwischen sogar um Kranke aus Buchloe, weil die Hausarztpraxen dort überfüllt sind.

Alle seine Versuche im Guten sind dabei auf taube Ohren gestoßen. Und das Problem besteht nicht erst seit Corona. Bereits im vergangenen Kalenderjahr hat Albrecht an die kassenärztliche Vereinigung Bayerns geschrieben, die für die Sicherstellung von genügend Praxen zuständig ist. Weil die Stadt Kaufbeu­ren in der Statistik beim Ostallgäu mit verbucht wird, ist die Ärztedichte in der Region besonders hoch. Dass die Versorgung um Kaufbeuren herum dagegen mehr schlecht als recht ist, interessiere auf dem Papier nicht. Und das Problem wird sich in den kommenden Jahren verschärfen. Viele Haus­ärzte stehen kurz vor der Rente, so Albrecht. Internetforen zeigen, dass sich viele deshalb angesichts der prekären Lage eher dazu entscheiden, bereits vorher aufzuhören. Albrecht habe es nie fertig gebracht, neue Patienten abzuweisen, letztes Jahr sei es aber nicht mehr anders gegangen. „Es zwingt Sie ja keiner, Kassenarzt zu sein“, das seien Aussagen aus dem deutschen Gesundheitsministerium. Albrecht macht keinen Hehl daraus, was er vom amtierenden Gesundheitsminister Jens Spahn und seiner Vision eines europaweiten digitalen Gesundheitssystems hält. Mit den Worten eines Kollegen bringt er es auf den Punkt: „Neue Hardware und Software ist für uns so wichtig, wie ein Fahrrad für einen Fisch“. Viele Ärzte weigern sich, das neue digitale Programm anzuwenden. Es bestünden nach wie vor große Datenschutzlücken. Haften müsse im Endeffekt immer der Arzt. Albrecht möchte nicht davon abhängig sein, ob der PC in der Früh funktioniert oder nicht.

Deutschland kann auf ein tolles Gesundheitssystem blicken. Dieses lebe aber von Krankenpflegern und dem Personal im ambulanten Dienst. Diesen würden aber zusehends mehr Steine in den Weg gelegt, selbst ein Pflaster dürfe ohne Anordnung nicht mehr angebracht werden. Zudem werden die Patienten immer früher aus dem Krankenhaus entlassen. Zeit ist Geld. Aber diese Zeit zum „Nachreparieren“ hat Albrecht auch nicht mehr. Gleichzeitig kritisiert die kassenärztliche Vereinigung, dass zu wenig Praxiszeiten angeboten werden. Die Zeit für Hausbesuche und Persönliches wird dabei nicht gesehen. Ironisch, wenn man bedenkt, dass jeder Schritt dokumentiert werden muss und Medikamente und Zeiten, die eine Behandlung letztendlich dauern darf, rationiert sind. Bei seinen Ausführungen distanziert sich Albrecht klar von jeglichen Verschwörungstheorien. Für jedes seiner Beispiele könne er einen konkreten Fall benennen. Dabei ist sich Albrecht sicher: „Diesen Kostendruck gab es früher nicht. Das System ist völlig kaputt.“ Wer schreibt, der bleibt, ist die neue Devise. Etwas, das nichts mit Albrechts Mentalität zu tun hat. Er sei ausgelaugt. „Es geht nicht mehr um den Menschen, um Gespräche, die Sorgen oder das Zuhören. Ich verschwende meine Zeit mit Sachen, die nichts mit Medizin zu tun haben“, so der Hausarzt. Er glaubt fest daran, dass die Menschen einen „Doktor zum Anfassen“ dringender brauchen als ein Stück Plastik, das ihre Gesundheitsdaten zu jedem Zeitpunkt abrufbar macht.

Albrechts Patienten bedauern seine Entscheidung. Eben deshalb, weil er immer ein offenes Ohr für alle hat und vor Ort zur Stelle ist. Seine Gründe sind aber nachvollziehbar. Die Mängel im System müssen durch Selbstaufopferung kaschiert werden. So sind es zum Einen gesundheitliche Gründe, die Albrecht zu diesem „schweren Schritt“, wie er selbst sagt, bewegen. Zum Anderen will Albrecht ein Stoppsignal an die Politik senden. Er will mehr als nur ein Achselzucken von den entsprechenden Politikern, sondern einen Ausweg aus diesem „traurigen Wahnsinn“.

Albrecht selbst will zukünftig Krankheitsvertretungen übernehmen oder als angestellter Arzt in einer Praxis arbeiten.

Agnes Reißner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Brand auf Covid-Station im Klinikum Kaufbeuren
Brand auf Covid-Station im Klinikum Kaufbeuren
„Ich wollte nur, dass sie das liest“
„Ich wollte nur, dass sie das liest“
„Click & Collect“ in der Corona-Pandemie – jetzt kommt es auf die Nutzung an
„Click & Collect“ in der Corona-Pandemie – jetzt kommt es auf die Nutzung an
Stadt Kaufbeuren überschreitet Inzidenzwert von 200
Stadt Kaufbeuren überschreitet Inzidenzwert von 200

Kommentare