Erst stirbt die Würde, dann der Mensch

DGB Ortskartell Kaufbeuren erinnert an Reichspogromnacht am 9. November 1938

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Gedenkredner zur Reichspogromnacht Robert Domes (links) und Dritter Bürgermeister Ernst Holy (2. v. li.).

Kaufbeuren – Am vergangenen Freitag erinnerte das DGB Ortskartell Kaufbeuren in Zusammenarbeit mit vielen engagierten Bürgern und Gruppen mit einer Gedenkveranstaltung an die Ausschreitungen gegen Juden in der Reichspogromnacht am 9. November 1938.

Ein nasser und kalter Novemberabend lag über dem Friedhof des KZ-Außenlager Steinholz (Riederloh II), als Pascal Lechler vom DGB-Ortskartell Kaufbeuren die rund 100 anwesenden Bürger begrüßte. Besonderer Dank ging an die Gestalter der Gedenkfeier, Robert Domes, der dieses Jahr die Gedenkansprache hielt, Kaufbeurens Dritten Bürgermeister Ernst Holy, an Dr. med. Thomas Melcher (KIFIAS) sowie die vier Schülerinnen und deren Deutschlehrer Werner Pohl vom Jakob-Brucker-Gymnasium Kaufbeuren, die mit vier vorgetragenen Texten die Veranstaltung bereicherten.

Staatlich forcierte Gewalt

Vor etwas mehr als 80 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Organisierte Schlägertrupps zogen sengend und marodierend durch die Straßen. Jüdische Wohnungen und Geschäfte wurden geplündert, ihre Inhaber beleidigt, bedroht misshandelt und manche sogar ermordet. Am nächsten Morgen lagen überall die Scherben der zerstörten Anwesen auf den Bürgersteigen. Mit diesen eindringlichen Sätzen begann Bürgermeister Holy seine Rede. Laut Holy ließ in dieser schrecklichen Nacht die Regierung Hitlers die Maske endgültig fallen. Aus Diskriminierung und Drangsalierung wurde offene, staatlich forcierte Gewalt.

„Der Weg in den Abgrund hatte begonnen. An seinem Ende stand der Mord an über sechs Millionen europäischen Juden“, erinnerte Ernst Holy. Exemplarisch für das erlittene Leid der Juden in Deutschland sprach er das Schicksal des Kaufbeurer Kaufmanns Ernst Buxbaum an. Laut Holy litt sein Geschäft in jener Zeit unter Boykottmaßnahmen, Buxbaum selbst unter Demütigungen und Schikanen. Unter dem verleumderischen Vorwurf der „Rassenschande“ wurde Ernst Bux­baum ins Gefängnis und später ins Konzentrationslager Dachau gesperrt und obwohl er das Lager nach Monaten wieder verlassen konnte, sei er ein gebrochener Mann gewesen. Im Alter von 43 Jahren nahm sich Ernst Bux­baum das Leben.

Mahnung und Verpflichtung

Im Zusammenhang mit diesen schrecklichen Taten wies der Bürgermeister auf die gerade eröffnete Ausstellung im Stadtmuseum hin, die der Geschichte Kaufbeurens im Nationalsozialismus gewidmet ist. Nach Meinung von Ernst Holy regt die Ausstellung zum Nachdenken an. Ob wir in einer vergleichbaren Lage wirklich anders und besser gehandelt hätten als unsere Eltern und Großeltern? „Wir wissen es nicht. Einen Vorteil haben wir jedoch. Wir kennen die Geschichte und können unsere Lehren daraus ziehen. Das sollte uns Mahnung und Verpflichtung sein“, so Holy.

In seinem Beitrag erinnerte Dr. Thomas Melcher unter anderem daran, dass genau am 8. November 1939 der Kunstschreiner und Widerstandskämpfer Johann Georg Elser ein Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller verübte, doch dieser den Versammlungsort 13 Minuten vor der Explosion verließ.

„Erst stirbt die Würde, dann der Mensch“. Mit diesen Worten begann Robert Domes, Journalist und Buchautor („Nebel im August“) seine bewegende Gedenkrede. „Der Boden, auf dem wir hier stehen, ist mit Blut und Leid und Tränen getränkt“, berichtete der Autor weiter. Laut Domes standen an dieser Stelle vor 75 Jahren im KZ-Außenlager Steinholz (Riederloh II) vier Schlafbaracken, eine Küchen- und eine Waschbaracke sowie eine Personalunterkunft. Das Lager war klein und bestand nur vier Monate. Die Häftlinge, die hier lebten, waren vollkommen unzureichend bekleidet und ernährt und wurden unter Misshandlungen zur Arbeit getrieben. Laut Domes starben in den vier Monaten 472 Menschen, die hier in einem Massengrab beerdigt wurden.

Distanz nährt Vorurteile

In seiner Gedenkrede stellte Robert Domes die Frage: „Wie ist es möglich, dass Menschen zu solcher Grausamkeit fähig sind?“ Nach Ansicht von Domes sind es unter vielen Gründen zwei Punkte: Erstens die Distanz und das Feindbild. Denn Distanz nähre Vorurteile, führe zu Misstrauen, zu einem Feindbild. „Es sind die Zäune in unserem Kopf: Die da drüben, das sind die Bösen, der Feind. Das sind die Flüchtlinge, die Türken, die Araber, die Schwarzen“. Zweitens: Die Würde des Menschen. Es gehe um die Würde der Menschen – oder um deren Entwürdigung.

„Besonders intensiv und perfide wurde diese Entwürdigung von der Nazi-Propaganda betrieben“, so der Buchautor.

Eine weitere Frage wurde an diesem Abend von Domes gestellt: „Und heute? Welche Stimmung erleben wir heute in diesem Land?“ Eine aktuelle Studie vom Oktober 2019 komme zu dem Ergebnis: „Jeder vierte Deutsche denkt judenfeindlich, darunter erschreckend viele gebildete Menschen.“

Rückkehr von Intoleranz und Hass

„Wir erleben an vielen Orten und vor allem auch im Internet die Rückkehr von Intoleranz und Hass. Dagegen müssen wir einstehen. Wenn sich mehr als ein Viertel der Gesellschaft mit Antisemitismus identifiziert, dann ist es Zeit für die restlichen drei Viertel, Demokratie und eine tolerante Gesellschaft zu verteidigen“, forderte Domes von den anwesenden Bürgern.

Am Ende der Veranstaltung auf dem kleinen Friedhof sang DGB-Kreisverbandschef Paul Meichelböck noch das Moorsoldatenlied, welches 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg geschaffen wurde.

jw

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