Gefährdung nicht  unterschätzen

Kinderpsychotherapeutin befürchtet durch den Lockdown mehr psychische Belastungen

Kinder mit Maske
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Auch Kinder leiden massiv unter der Coronakrise. Oft bleibt nur der Kontakt zu Geschwistern.

Landkreis – Experten und Wissenschaftlicher sind sich einig: Viele Kinder und Jugendliche leiden unter den Folgen der Coronakrise. Nicht nur, dass sie sich nicht mit allen Freunden treffen dürfen, auch Freizeitaktivitäten in der Clique oder ein „Abhängen“ sind nicht möglich. Selbst Unternehmungen, wie der Besuch eines Freizeitparks, finden seit Monaten nicht statt. Allerdings sind die Anforderungen beim Homeschooling gestiegen. Hier lastet auf vielen Kindern und Jugendlichen ein enormer Druck.

Ruth Boy, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin am Klinikum Kaufbeuren.

Gestresste Eltern, Zusammenleben auf engstem Raum, Einsamkeit und schulische Probleme: Bei manchen Kindern kommt einiges zusammen. In der Coronakrise haben viele Heranwachsende ihr Päckchen zu tragen. Dennoch gehen viele mit der aktuellen Situation gut um, sagt Ruth Boy, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin am Klinikum Kaufbeuren. Es gebe auch Ausnahmen, verweist Boy dabei auf eine im Mai 2020 erstellte COPSY-Studie. Schon damals habe sich die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen vermindert. Aus der zweiten Studie, die zwischen Mitte Dezember 2020 und Mitte Januar 2021 erhoben wurde, geht hervor, dass sich das Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen noch weiter verschlechtert habe. Sie ernähren sich weiterhin ungesund mit vielen Süßigkeiten. Sport und körperliche Bewegung findet bei einem Großteil der Kinder überhaupt nicht mehr statt, so Boy. „Psychische Belastungen haben allgemein zugenommen, wobei man es nicht mit einer psychischen Erkrankung verwechseln darf“, betont sie.

Das Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen hat sich weiter verschlechtert. Sie ernähren sich weiterhin ungesund mit vielen Süßigkeiten. Sport und körperliche Bewegung findet bei einem Großteil der Kinder überhaupt nicht mehr statt.

Ruth Boy, Psychotherapeutin

Auch Familien mit Migrationshintergrund rücken dabei in den Fokus. Sie haben in vielen Fällen keinen hohen Bildungsstand und wohnen in beengten Verhältnissen.

Virtueller Austausch

Auffallend ist, dass bisher Lungen- und Akutinfektionen bei Kindern im ersten und zweiten Lockdown ausgeblieben sind. „Wir haben keine vermehrten Aufnahmen wegen Corona-Akut­erkrankungen“, so Dr. Michaela Schirm, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Vor allem vermissen Kinder und Teenager Gleichgesinnte. Da ein Treffen nicht möglich ist, verläuft der Austausch größtenteils eben virtuell. Die sozialen Medien bieten für die Kinder derzeit eine für sie optimale Kommunikationsplattform. „Vor Corona gab es bei Kindern schon eine deutliche Zunahme von Computerspielsucht“, macht Schirm deutlich. Es sei anzunehmen, dass sich die Verweildauer im Internet und bei Computerspielen wohl zusehends durch Corona verstärken werde. Ruth Boy ergänzt: „Jemand, der schon vorher ein gewisses Risiko hatte, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, hat nun ein viel höheres Gefährdungspotential.“ Dabei spielten viele Faktoren eine Rolle, so die Diplom-Psychologin.

Vor Corona gab es bei  Kindern schon eine deutliche Zunahme von Computerspielsucht. Es ist anzunehmen, dass sich die Verweildauer im Internet und bei Computerspielen wohl zusehends durch Corona verstärken wird

Dr. Michaela Schirm, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin

Viele Familien brauchen derzeit einen sehr langen Atem. Die Situation zwischen Eltern und Kindern wird ebenso auf eine harte Probe gestellt wie der Schul- oder auch Arbeitsalltag. Besonders für Kinder ist ein durchstrukturierter Alltag wichtig. Kinder brauchen geregelte Abläufe. „Ich finde, Kinder sollten sich am Tag mindestens eine halbe Stunde an der frischen Luft körperlich betätigen“, verweist Ruth Boy auf Studien, dass einige Kinder tatsächlich zugenommen haben. „Draußen sein wirkt sich auch positiv auf die Stimmung aus.“

Dr. Michaela Schirm, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Kaufbeuren.

Stefan Günter

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