Fraktionsübergreifender Antrag im Kreistag durchgewunken

Ostallgäu: Verzicht auf Glyphosat

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Auch in Deutschland wird Glyphosat auf rund 40 Prozent der Ackerflächen eingesetzt. Es zerstöre nachweislich die biologische Vielfalt und gelte als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen, schreibt die Umweltorganisation BUND. Der Landkreis Ostallgäu will nun auf seinen Flächen auf Glyphosat verzichten.

Marktoberdorf/Ostallgäu – Was im Sommer noch heiß diskutiert wurde, fand in der letzten Sitzung des Kreistags nun eine deutliche Mehrheit. Der Landkreis Ostallgäu wird künftig auf seinen eigenen Flächen auf den Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln verzichten. Darauf hatten sich bereits im Vorfeld die Fraktionen CSU, Freie Wähler, Bündnis 90/Die Grünen, Junges Ostallgäu, FDP und ödp geeinigt und einen gemeinsamen Antrag gestellt. Damit gelang im zweiten Anlauf das, was einem ersten Antrag der Grünen im vergangenen Sommer verwehrt worden war.

Damals war ein Streitpunkt gewesen, dass die Grünen darauf beharrten, in den Beschluss auch den Appell an die Landwirte aufzunehmen, auf den Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat und weiterer Pestizide auf ihren Feldern zu verzichten. Landwirte sollten über alternative Bewirtschaftungsmethoden fachlich informiert und beraten werden. Das hatten viele Kreisräte nicht mittragen wollen. Im aktuellen Beschluss taucht eine solche Formulierung nicht mehr auf. Der Landkreis freue sich „über alle Aktivitäten im Ostallgäu zum Verzicht auf Pestizide“, steht nun darin. Die freundliche Einladung, sich dem Vorbild des Landkreises anzuschließen, beinhaltet auch den Hinweis auf die Gartenfachberatung des Landkreises.

Abgespeckter Antrag

Ob sich Grünen-Kreisrat Hubert Endhardt letztendlich mit dem Kompromiss angefreundet hatte, ließ er während der Sitzung nicht durchscheinen, als er eindringlich erklärte, dass vornehmlich Pestizide – in Deutschland sind es laut Umweltorganisation BUND rund 49.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel im Jahr – für das Artensterben verantwortlich sind. Auch folgte im Gegensatz zur Kreistagssitzung im Juli keine emotional geführte Aussprache. Der abgespeckte Antrag eines „glyphosatfreien Landkreises“ wurde mit sieben Gegenstimmen verabschiedet.

Demnach wird der Landkreis auf seinen eigenen 84 Hektar großen Flächen bald und dauerhaft auf Pestizide verzichten. Wie Landrätin Maria Rita Zinnecker schon im Juli sagte, tue er das bereits vorbildhaft. Bei 90 Prozent der landkreiseigenen Flächen sei bereits jetzt eine Verwendung von Pestiziden ausgeschlossen, auf Ausgleichsflächen sei der Einsatz der Chemiekeule ohnehin gesetzlich verboten. Außerdem setze der Kreisbauhof an Straßen, Wegen und Plätzen auf mechanische Unkrautbekämpfung. Damit erfülle der Landkreis die Bedingungen des Beschlusses bereits auf dem allergrößten Teil seiner Flächen. Ab sofort darf sich das Ostallgäu folglich glyphosatfreier Landkreis nennen.

KOMMENTAR

Augenwischerei

Es ist ein schaler Kompromiss und war den Kreisräten nach der hitzig geführten Debatte im Sommer nun auch keinen weiteren Kommentar wert. Der Landkreis, der auf 90 Prozent seiner Flächen ohnehin aus Gründen des Naturschutzes oder der Gesundheitsvorsorge keine Pflanzenschutzmittel verwenden darf, verpflichtet sich, „möglichst bald“ auch auf den Rest seiner eingesetzten Pflanzenschutzmittel zu verzichten. Zum Verständnis: Die landkreiseigene Fläche von 84 Hektar macht im Vergleich zur Gesamtfläche des Landkreises Ostallgäu von rund 1.395 Quadratkilometern (das sind 139.500 Hektar) nicht einmal 0,1 Prozent aus. Dagegen stehen rund 70.000 Hektar, die landkreisweit als Grün- oder Ackerland landwirtschaftlich genutzt und zumindest teilweise auch mithilfe von Pflanzenschutzmitteln bewirtschaftet werden. Sich nun glyphosatfreier Landkreis nennen zu dürfen, grenzt daher an Augenwischerei. Und ist es tatsächlich so vorbildhaft und nicht eher dringend erforderlich gewesen, dass sich das Ostallgäu den gut 240 Gemeinden und Landkreisen bundesweit endlich angeschlossen hat, die bereits auf den Einsatz von Glyphosat verzichten? Für die „Förderung eines ganzjährigen Blütenangebots auf allen geeigneten Flächen“, wie es im Beschluss heißt, hätte es wie so oft mehr politischen Mut gebraucht.

von Angelika Hirschberg

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