Obergünzburg: Klinikchef Dr. Philipp Ostwald stellt sich den Fragen des Bürgerforums Gesundheit

Rede und Antwort stehen

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Voller Saal beim Bürgerforum in Obergünzburg beim Referat von Dr. Philipp Ostwald.

Obergünzburg – Fast schon "mutig" könnte man es nennen, dass sich Dr. Philipp Ostwald, seines Zeichens Chef des Klinik-Unternehmens Ostallgäu-Kaufbeuren, beim Bürgerforum Gesundheit den Fragen der Anwesenden stellte. Denn der Kurs des Unternehmens stößt bei vielen auf Unverständnis und Unmut. 

Bis zum letzten Platz gefüllt war vergangen Woche der Saal im Gasthof Schwanen in Obergünzburg zur Informationsveranstaltung des Bürgerforums Gesundheit. Als Referent hatte Vorsitzender Roland Woschny den neuen Vorstand des Klinikums Ostallgäu-Kaufbeuren, Dr. Philipp Ostwald gewinnen können. Die Gelegenheit, direkt von ihm zu erfahren, warum das Krankenhaus in Obergünzburg geschlossen wird, ließen sich gut 160 Interessierte nicht entgehen. 

Dr. Ostwald verwies auf die großen finanziellen Schwierigkeiten des Klinikunternehmens, dessen Verluste speziell in den letzten Jahren Dimensionen angenommen hätten, die keinen Handlungsspielraum für den Landkreis Ostallgäu und die Stadt Kaufbeuren als Gesellschafter mehr zuließen. Krankenhäuser seien allgemein von gleichbleibenden oder sogar sinkenden Einnahmen bei gleichzeitig steigenden Kosten bedroht. Die Abrechnung nach Fallpauschalen führe zum Zwang, die Krankenhausaufenthalte so kurz wie medizinisch vertretbar zu gestalten. Das wiederum führe zu einem sinkenden Bedarf an Krankenhausbetten. Gleichzeitig zwinge der technische Fortschritt in der Apparatemedizin zu steigenden Kosten. Diese beiden Entwicklungen führten zu einer „Schieflage“ im Krankenhauswesen. 

Ostwald verwies auf seine Erläuterungen gegenüber dem Verwaltungsrat und dem Kreistag im April 2013. Er erläuterte erneut das bestehende Überangebot bei den Krankenhausbetten, das durch die Schließung der Krankenhäuser in Marktoberdorf und Obergünzburg reduziert würde. Um das Kommunalunternehmen zu sanieren, müssten Standorte geschlossen werden, um auch die Vorhaltekosten zu reduzieren. Oberste Prämisse sei aber unverändert eine gute medizinische Versorgung der Bevölkerung. Ostwald bat um Verständnis dafür, dass eine Sanierung mit Einschnitten verbunden sei. Dass es große Differenzen zwischen dem Landkreis und der Stadt geben würde, sei ihm bewusst geworden. Wenn der Schwerpunktversorger nicht in Kaufbeuren, sondern beispielsweise in Biessenhofen stünde, wären die Wogen der Empörung wohl deutlich geringer gewesen, so Ostwald. Der allgemeine Beifall für den Einwurf, man hätte doch auch Kaufbeuren schließen können, bestätigte diese Einschätzung. Der Klinikchef verwies auf die Notwendigkeit eines Schwerpunktversorgers in der Region. Er erläuterte, dass aktuell mit externer Hilfe an einem Nachnutzungskonzept für die beiden Krankenhäuser in Marktoberdorf und Obergünzburg gearbeitet würde, dies aber Zeit benötige und deshalb noch keine Aussagen hierzu gemacht werden könnten. 

Unangenehme Fragen 

Die Frage, wo die Operationen künftig stattfinden würden, wenn Obergünzburg und Marktoberdorf geschlossen seien, beantwortete Dr. Ostwald mit einer geplanten Steigerung der Operationen in Buchloe. Zusätzlich bestehe die Möglichkeit, auch in Kaufbeuren im Mehrschichtbetrieb zu arbeiten. Das könne aber erst Gegenstand von Untersuchungen sein, sobald die Schließungen vollzogen wären. Der Klinikchef ging auch davon aus, dass eine nicht zu schätzende Zahl von Operationen in umliegenden Krankenhäusern außerhalb des Klinikverbunds stattfinden werde. 

Ein Publikumseinwurf beklagte die aktuell hohe Auslastung der Notfallversorgung in Kaufbeuren, wo es zu Wartezeiten von mehreren Stunden komme. Ostwald erwiderte, dass die Notwendigkeit von strukturellen Verbesserungen in Kaufbeuren bekannt sei. Die Notfallaufnahme in Kaufbeuren habe höchste Priorität. Eine weitere Frage bezog sich auf die Überfüllung einzelner Stationen, „bei der Patienten auf den Gängen liegen“ und sogar ein urologischer Fall aufgrund fehlender Bettenkapazität in die Gynäkologie verlegt worden sei. Derartige Zustände seien bis dato nur aus Kriegszeiten bekannt gewesen. Ostwald bestätigte, dass es in den beiden Anfangsmonaten des Jahres zu vereinzelten Überlastungen gekommen sei. Durch die geplanten Strukturverbesserungen werde dieses aber künftig vermieden. 

Das Bürgerforum fragte nach dem Controlling und dessen Stellenwert im Klinikunternehmen. Hier räumte Ostwald mangelnde Transparenz und Aussagequalität in der Vergangenheit ein und wies darauf hin, dass aktuell hart daran gearbeitet werde, geeignete Instrumente für die Unternehmenssteuerung zu schaffen. 

Kritik wurde dahingehend geäußert, dass es einerseits Dienstwagen im Klinikum gäbe, aber speziell den Pflegedienstmitarbeitern zugemutet worden sei, mit Privatfahrzeugen in entfernte Kliniken zu fahren. Die Bearbeitung von Reisekostenerstattungen sei schleppend verlaufen. Dr. Ostwald bedankte sich für den Hinweis und versprach Prüfung. Er wies darauf hin, dass Reisekosten ein Bestandteil des Tarifvertrags sind und deshalb ein Gleichbehandlungsprinzip herrsche. 

Die abschließende Frage des Bürgerforums bezog sich auf das Personal in Obergünzburg und Marktoberdorf, das noch nicht über seine weitere Verwendung informiert worden sei. Ostwald bestätigte dieses und wies in seiner Antwort darauf hin, dass zuerst die Gespräche mit dem Personalrat und den entsprechenden Abteilungsleitern bezüglich der Sozialauswahl zu führen waren. Ab der Kalenderwoche 21 könnten dann auch die Mitarbeiter informiert werden. Woschny schloss als Vorsitzender des Bürgerforums die Veranstaltung mit der Aufforderung, künftig doch „Bewährtes zu erhalten und Neues zu gestalten". von jk

Bürgerfragen an Dr. Philipp Ostwald

• Im Februar 2013 sei für das Ambulante Operationszentrum in Marktoberdorf noch ein Defizit von weniger als 400.000 Euro für 2012 durch den Verwaltungsratsvorsitzenden Landrat Johann Fleschhut verkündet worden. Im April wurde das Defizit von Dr. Ostwald hingegen mit 2,5 Millionen Euro beziffert. Der Klinik- chef entgegnete darauf, dass ihm die erste Zahl „unbekannt“ sei. 

• Auf die Frage, ob er sich selbst im Notfall in das Kauf-beurer Krankenhaus einweisen lassen würde, erklärte Ostwald, dass „er als Mediziner durch einen diagnostischen Vorsprung eine eigene Einschätzung treffen“ könnte. 

• Eine Frage betraf die Spezialisierung einiger umliegender Krankenhäuser, die sich auf profitable Bereiche konzentriert hätten. Warum sei im Kommunalunternehmen solche oder ähnliche Spezialisierung nicht erfolgt? Ostwald entgegnete, dass das Kommunalunternehmen alle Bereiche abdecken müsse und sich „nicht die Rosinen heraussuchen“ könne. 

• Die Frage, ob er seine Aufgabe nicht besser ohne Verwaltungsrat erfüllen könne, beantwortete Ostwald diplomatisch. „Es wäre wohl einfacher“, aber bei einem Kom- munalunternehmen seien öffentliche Interessen berührt und damit gehöre ein Verwaltungsrat „eben dazu“. 

• Eine Frage betraf die Verursacher des Defizits. Während die größten Verursacher in Kaufbeuren und Füssen laut Fragesteller geschont würden, würden die Krankenhäuser in Obergünzburg und Marktoberdorf geschlossen. Im Landkreis verschwänden damit die Krankenhäuser, gleichzeitig müsse der Landkreis sich an den Kosten beteiligen, ohne deshalb Vorteile zu haben. Ostwald verwies erneut darauf, dass dem Landkreis Ostallgäu drei Viertel auch des Klinikums in Kaufbeuren gehöre. 

• Eine Teilnehmerin beschrieb weitere Missstände im Klinikum Kaufbeuren und beklagte die dortige fehlende Menschlichkeit. Ostwald erklärte, dass speziell in Kaufbeuren umfangreiche Verbesser- ungen notwendig seien und bat um Verständnis, dass dieses Zeit benötigen würde. Obergünzburgs Bürgermeister zum Kliniken-Verwaltungsrat: 

• Ein Fragesteller warf dem Verwaltungsrat mangelnde Kontrolle des Kommunalunternehmens vor. Der Verwaltungsrat und Bürgermeister Obergünzburgs, Lars Leveringhaus (CSU), wies diesen Vorwurf energisch zurück. Die Zahlen seien zuvor von Gutachtern und Wirtschaftsprüfern geprüft worden. Es sei zu keinem Zeitpunkt für den Verwaltungsrat erkennbar gewesen, wie es tatsächlich um das Klinikum bestellt gewesen sei.

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