Partnerschaft zum Standorterhalt

Industrie bietet Ausbildungs-Kooperation am Fliegerhorst Kaufbeuren an

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Wo die technische Ausbildung für Eurofighter einmal landet ist derzeit noch offen.

Kaufbeuren/München – Für das seit über zwei Jahren laufende Interessenbekundungsverfahren (IBV) zur „Optimierung der Luftfahrzeugtechnischen Ausbildung in der Bundeswehr (OpLuA)“ liegen aktuell noch keine Ergebnisse vor. Auch die Bundeswehr selbst hat sich mit einem „Optimierten Eigenmodell (OEM)“ der Ausbildung mit eigenem Personal daran beteiligt. Aus dem Kreis der beteiligten Industrieunternehmen hat sich die ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH mit Zentralsitz in Fürstenfeldbruck bereits Ende letzten Jahres nochmals an das Verteidigungsministerium gewandt. Darin unterstreicht sie, dass sie als Partnerunternehmen auch im OEM der Bundeswehr Aufgaben im Ausbildungsbetrieb am Standort übernehmen könnte.

Auch dem Bayerischen Wirtschaftsministerium wurde der Vorschlag jüngst in München durch das Unternehmen vorgestellt. Mit dem Angebot der Industrie liegt ein interessanter Vorschlag auf dem Tisch, der zu einer Gewinnsituation für beide Seiten führen kann. In einem dem Kreisboten vorliegenden Papier bietet das Unternehmen unter anderem auch die Unterstützung mit EASA an – zertifiziertem Fachpersonal aus der militärischen und zivilen Luftfahrzeugwelt für die Ausbildung an (EASA = Europäische Agentur für Flugsicherheit). „Lufthansa Technical Training (LTT)“ als möglicher Kooperationspartner von ESG beherrscht die Zertifizierungsverfahren mit dem Luftfahrtbundesamt und hat neben einer Absichtserklärung gegenüber ESG „hohes Interesse geäußert“, den Transformationsprozess für eine europaweit zertifizierte Ausbildung am Standort Kaufbeuren anzunehmen und zum Erfolg zu führen.

Mit der Stationierungsentscheidung von A 400 M am Standort Lechfeld fällt auch der einstige Verlagerungsgrund für die Abteilung Süd des Technischen Ausbildungszentrums weg. Alle regionalen Mandatsträger auf ihren jeweiligen Ebenen setzen sich ebenfalls für einen dauerhaften Erhalt des Fliegerhorstes ein und auch der zu einem Besuch in Kaufbeuren erwartete Generalinspekteur der Bundeswehr scheint eine zentrale Gesamtlösung von Tornado (TOR)- und Eurofighter (EF)-Ausbildung zu favorisieren. Der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, möchte, wie berichtet, die EF-Ausbildung dagegen an ein taktisches Luftwaffengeschwader andocken.

Eine Kooperation mit der Industrie könnte gegebenenfalls nicht nur Stellen bei der Luftwaffe einsparen und massive Einbrüche im städtischen Haushalt bei Schließung des Fliegerhorstes mit derzeit 3.300 Lehrgangsteilnehmern verhindern, sondern langfristig in weitere Ausbildungsvorhaben einmünden. Mit dem bereits etablierten Ausbildungscampus „KAT Akademie Allgäu“ hätte Kaufbeuren dann die Chance, sich als der seit über 60 Jahren international anerkannte Luftfahrtstandort weiter zu entwickeln.

Kommentar

Gefahren durch Sparen

Wer am falschen Ende spart, hat irgendwann das Nachsehen. Das gilt im privaten Bereich ebenso wie in Unternehmen. Doch auch die Politik ist davon betroffen. Besonders deutlich zeigt sich dies aktuell bei der Bundeswehr, welche seit geraumer Zeit unter den Sparzwängen der letzten zwei Jahrzehnte leidet. Doch solange lediglich materielle Mängel zu beklagen sind, könnte man dies ja noch – wenn auch mit Bauchgrimmen – hinnehmen. Anders sieht es jedoch aus, wenn es um das Sparen bei der Ausbildung und damit um Gefahren für Leib und Leben geht. Insbesondere bei der Luftwaffe kann sich das als verhängnisvoll erweisen.

Sie kann mit der Starfighter-Krise vor 50 Jahren auf eine leidvolle Erfahrung zurückblicken. Neben technischen und fliegerischen Schwachstellen erkannte der damalige General Johannes Steinhoff als Inspekteur der Luftwaffe („Die Zeit“ 1969: „ . . gilt als einer der modernsten Generale der Bundeswehr“) auch die Mängel in der Ausbildung der Luftfahrzeugtechniker, die aus Zeit- und Kostengründen in Teilen dezentral in Einsatzverbänden stattfand. Er zog die Reißleine und ordnete eine zentrale, von einheitlichen Standards und hohen Qualitätsmerkmalen geprägte Ausbildung durch erfahrene Spezialisten ausschließlich an den vorhandenen technischen Schulen an. Es scheint aber so, dass die Lehren aus der Vergangenheit vergessen sind, denn es gibt innerhalb der Luftwaffe Bestrebungen, die heute um ein Vielfaches komplexere Ausbildung um jeden (Spar-) Preis (!) an einen Einsatzverband adaptieren zu wollen.

Es wird höchste Zeit, dass der vor acht Jahren unter einer völlig falschen Datenlage von der Politik gefällte Schließungsbeschluss – zumal auch der Verlagerungsgrund nach Lechfeld inzwischen entfallen ist nun durch ein Machtwort seitens der Politik zurückgenommen wird. Der Erfahrungsaustausch zwischen Schulen und Verbänden hat einen hohen Stellenwert und wurde immer praktiziert, doch Ausbildung und Einsatzflugbetrieb gehören räumlich getrennt. Dabei kann auch die bayerische Industrie mit ihrer unterstützenden Expertise in der Grundlagenausbildung und entsprechenden Zertifizierungen als Kooperationspartner am Luftfahrtstandort Kaufbeuren durchaus ihren Beitrag leisten. Wenn nämlich wiederum bei der Ausbildung ein Spardiktat greift, hat dies langfristig Folgen – weil am falschen Ende gespart wurde... !

von Wolfgang Becker

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