Ein Stadtteil spricht Dialekt

Mundart-Aktion zum 75. Ortsjubiläum von Neugablonz

Die Betreiber der Kultur-Bar „Neue Gabi“ im unkonventionell uneinheitlich aber gemütlich gestalteten Außenbereich: Moritz Zasche (v. li.), Elsa Zasche, Johanna Aigner und Daniel Fischer.
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Die Betreiber der Kultur-Bar „Neue Gabi“ im unkonventionell uneinheitlich aber gemütlich gestalteten Außenbereich: Moritz Zasche (v. li.), Elsa Zasche, Johanna Aigner und Daniel Fischer.

Kaufbeuren-Neugablonz – In einem Sprichwort heißt es, „Totgesagte leben länger“. Auch der Paurischen Mundart hat man schon einige Male das Aussterben prophezeit – aber irgendwie hat sie sich immer wieder erholt – zuletzt, als die Kaufbeurer Kulturpreisträger „Mauke – die Band“ den Bayerischen Dialektpreis 2019 bekommen haben. Ein Indiz für eine lebendige Sprache, auch wenn sie im Alltag nicht mehr sehr oft gesprochen wird, ist das Entstehen von neuen Ausdrücken. Das Verb „nopprn“, das erst hier in Neugablonz aufkam, ist ein Beispiel dafür. Es leitet sich her vom Hauptwort „Noppr“ (= Nachbar) und bedeutet nichts anderes als eben Paurisch sprechen wie Kaufbeurens nächste Nachbarn.

Dieses Jahr soll am 12. September in einem Festakt das 75-jährige Bestehen von Neugablonz, dem größten Stadtteil von Kaufbeuren, gefeiert werden. Aus Anlass des Ortsjubiläums hat Dieter Schaurich, der Bassist von Mauke, ein besonderes Projekt ins Leben gerufen, mit dem er schon eine ganze Weile schwanger geht. Damit es auch diejenigen verstehen, denen das Paurische nicht in die Wiege gelegt wurde, hat es den hochdeutschen Titel „Ein Stadtteil spricht Dialekt“. Das Kulturamt Kaufbeuren unterstützt das Projekt. Dass zudem der Gablonzer Mundartkreis zum Jubiläumsjahr eine dritte, „durchgesehene und erweiterte“ Auflage vom Paurischen Wörterbuch herausgeben will, passt darüber hinaus ganz hervorragend zu Schaurichs Idee.

Paurische Sprachmelodie unter die Leute bringen

Im ersten Schritt sollen paurische Texte aus der Mundartliteratur, gelesen von Mitgliedern des Gablonzer Mundartkreises, als Video aufgezeichnet und auf einem YouTube-Kanal veröffentlicht werden. So kann man auch der jüngeren Generation die Sprachmelodie des Paurischen näher bringen, selbst wenn die muttersprachlichen Zeitzeugen langsam immer weniger werden. Mundart schreiben und geschriebene Mundart lesen ist übrigens gar nicht so einfach, zumal es speziell beim Paurischen gleich zwei Möglichkeiten der Aussprache gibt: Da ist einmal die etwas ländlichere Version, wie man sie aus den Tondokumenten vom unvergessenen Mundartdichter Heinz Kleinert oder von den Mauke-Mitgliedern Michael Siegmund und Herbert Stumpe kennt, die das „r“ mit einer eingerollten Zunge aussprechen. Und dann gibt es die „vornehmere“ Art der städtischen Gablonzer, zum Beispiel Dr. Gertrud Zasche, welche bei ihren Mundartlesungen nie die Zunge eingerollt hat.

Die Aufnahmen werden in der (hoffentlich) demnächst eröffnenden Bar „Neue Gabi“ erfolgen, die sich mit Getränken + (Neugablonzer) Kultur profilieren will. Der Name soll ganz bewusst eine heimelige Assoziation zu Neugablonz wecken. Die „Neue Gabi“ ist die ehemalige Kultkneipe „Sterneck“ in der Falkenstraße und wurde in den letzten Monaten von Daniel Fischer (Wood­&Wire-Event) zusammen mit Elsa Zasche, ihrem Bruder Moritz sowie Johanna Aigner hergerichtet. Teil des Projekts wird zudem eine Webseite „wir-noppern.de“ mit einem eigenen Logo sein, die dann – so ist es derzeit geplant – auch mit der Buron-App verlinkt wird. Auf der Webseite sollen sich mit der Zeit typische Sudetendeutsche Rezepte („Heimat geht durch den Magen“) ebenso finden wie eine Liste von erhältlicher Mundartliteratur, die Termine und Themen des Gablonzer Mundartkreises sowie Links zu allen Webseiten rund um Neugablonz, erläutert Dieter Schaurich sein Projekt

Folgeaktionen

Später wollen die Macher dann auch einen Paurisch-Kurs ins Netz stellen. Hierzu hat Dr. Hans-Joachim Hübner bereits vor etlichen Jahren sechzehn Kapitel mit dem Titel „Etze tun mr Paurisch larn“ (Jetzt lernen wir Paurisch) geschrieben. Zunächst werden diese lediglich vorgelesen, aber im besten Fall könnten daraus irgendwann sogar richtige Lernvideos werden, gespielt zum Beispiel von Theater-im-Turm-Mitgliedern und ganz im Sinne des Bayerischen Ministerpräsidenten. Markus Söder hatte bei seinem Amtsantritt sogar Mundartunterricht in Grundschulen angedacht. Diese Lernvideos würden dann voraussichtlich mithilfe von TecKili-Veranstaltungstechnik erstellt werden. Mit TecKili, Fischer und Elsa Zasche sind gleich drei Trotzphasen-Künstler an dem Projekt beteiligt. (Lesen Sie mehr über die Aktion „Trotzphase“ des Kulturamts Kaufbeuren auf den Seiten 3 und 20 sowie als Serie in unseren kommenden Ausgaben.)

Auch seien Aufkleber mit dem Text „Mir sprechn Paurisch“ denkbar, die Ärzte, Friseure und Einzelhändler an der Tür anbringen können als Hinweis, dass dort der Dialekt verstanden wird. Der Bundesverband der Gablonzer Industrie ist bereit, Informationen zum „Weg des Schmucks“ auf Paurisch in seinem Infoterminal einzupflegen. Auch das Stadtmarketing und das Isergebirgs-Museum und eine Reihe weiterer potentieller Mitstreiter sind von der Aktion angetan. Vielleicht, so hofft Schaurich, kann er sogar die Sudetendeutsche Gesellschaft in München zu finanzieller Unterstützung motivieren. Ideen, die nur auf Umsetzung warten, gibt es jedenfalls genug.

Ingrid Zasche

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