Projekt, das (Museums-)Grenzen sprengt

Podiumsdiskussion: Wie geht es mit der Ausstellung "Kaufbeuren unterm Hakenkreuz" weiter?

+
Die Expertenrunde (v. li.: Johanna Wensch, Jörg Skriebeleit, Benigna Schönhagen, Alexander Schmidt, Astrid Pellengahr, Michael von Cranach und Rainer Jehl) diskutierte unter der Moderation von Kulturamtsleiter Günther Pietsch die Weiterführung der Ausstellung „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz“. Mit dem Projekt verfolgen die Beteiligten das Ziel, ein Stadtgespräch anzuzetteln.

Kaufbeuren – Mit der Ausstellung „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz“ wollten die Initiatoren und Mitwirkenden Diskussionen anstoßen, Menschen berühren und zum Nachdenken anregen – und das ist ihnen gelungen.

Im Rahmen der Podiumsdiskussion, die vergangenen Sonntag im gut besuchten Stadtsaal stattfand, blickten die Teilnehmer auf rund zwei Jahre intensive Spurensuche und eine lokal wichtige Ausstellung zurück, und diskutieren im Sinne eines Stadtgesprächs öffentlich mit dem wissenschaftlichen Beirat des Museums die Zukunft: Wie geht es weiter mit der Dauerausstellung und der Kaufbeurer Erinnerungskultur?

Noch bis zum 23. August 2020 beleuchtet das Kaufbeurer Stadtmuseum in der Sonderausstellung die Geschichte Kaufbeurens im Dritten Reich: Wie hat sich der Nationalsozialismus hier verankert? Was genau ist in der Stadt passiert? Und wie nehmen wir die NS-Zeit heute wahr? Bei der Ausstellungsentwicklung bezog das Museum interessierte Bürger sowie zehn Kooperationspartner aus der Stadtgesellschaft auf besondere Weise in die Spurensuche mit ein. Das partizipative Projekt wurde als Reaktion auf einen städtischen Diskurs über den Ausstellungsbereich zum Nationalsozialismus in Kaufbeuren ins Leben gerufen.

In Zeiten, in denen die Zahl rechter Gewalttaten steige und angesichts „schrecklicher antisemitischer Gewalttaten“, so verdeutlichte OB Stefan Bosse in seiner Ansprache, sei es „dringend notwendig, eine klare Position zu beziehen“. Wo sich manch einer in rechten Kreisen wünsche, eine „180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur“ herbeizuführen oder sie gänzlich zu begraben, und im Internet als „Echokammer“ rechtes Gedankengut verbreitet und Stimmung gemacht werde, gelte es laut Bosse, „die Erinnerungskultur am Leben zu erhalten, um auch den nachfolgenden Generationen zu zeigen, was war und niemals wieder sein darf“.

Großes Echo

Von der Resonanz überwältigt zeigte sich das Team um Museumsleiterin Petra Weber. Viel Zuspruch habe es von der Kaufbeurer Stadtbevölkerung für die Sonderausstellung gegeben, die laut Weber bis zum Lockdown mit über 3000 Besuchern „sehr gut angenommen“ wurde. Besonders sei laut Projektmitarbeiterin Caroline Keim der direkte Austausch mit den Besuchern gewesen, die ihre Perspektive aktiv in die Ausstellung einbringen konnten. Auch die Sicht von jungen Menschen auf die NS-Vergangenheit findet ihren Platz, etwa mittels provokativer Fragen und Zitaten, die zu kritischem Denken auffordern, wie die Fotoporträts in der Innenstadt, die die Passanten mit diversen Fragen aus der Reserve locken. Die aktive Beteiligung verdeutliche: „Das Thema ist für die Stadtgesellschaft relevant“, so Weber.

Zuspruch für partizipatives Projekt

Viel Lob gab es auch seitens der Podiumsgäste. Dr. Astrid Pellengahr zeigte sich „vom Prozess beeindruckt“ und lobte das „Herantreten an die Kaufbeurer Bevölkerung“. Pellengahr begrüßte auch, wie seitens des Stadtmuseums mit der Kritik umgegangen wurde: Um Veränderungen zu bewirken, brauche es eine Streitkultur, und als Kulturschaffende dürfe man sich „nicht verstecken“. Laut Dr. Benigna Schönhagen sei dies ein exemplarisches Beispiel für einen konstruktiven Umgang mit Kritik. „Atemberaubend“ fand Dr. Jörg Skriebeleit das Projekt, der besonders das „vorbildliche partizipative Handeln“ hervorhob. 

„Nicht nur hinter Museumsmauern“

Einig waren sich die Experten, dass die Ausstellung auch künftig fortgeführt werde und sich weiterhin durch lebendige Teilhabe auszeichnen sollte. Schließlich handele es sich um eine Ausstellung, die „nicht nur hinter Museumsmauern stattfindet“, sondern ihre Wirkung gerade im offenen Dialog mit den Bürgern entfalte, so Skriebeleit. Pellengahr wünschte sich in diesem Zusammenhang noch mehr Offenheit in der Auseinandersetzung mit dem Thema, denn teilweise falle es den Menschen immer noch schwer, ungehemmt darüber zu sprechen. So viele Perspektiven wie möglich sollen in die Ausstellung einfließen, um „die Diversität der Kaufbeurer Stadtgesellschaft“ widerspiegeln zu können. Skriebeleit konnte sich hier ein mehrjähriges Programm mit wechselnden Themen vorstellen.

Auch die Frage, ob 40 Quadratmeter Ausstellungsfläche für so viel Inhalt ausreichend seien, beschäftigte die Experten. Eine Museumserweiterung sei laut Bosse in naher Zukunft nicht in Sicht, an anderer Stelle konnte er aber eine Zusage erteilen: Die von Dr. Rainer Jehl und Professor Michael von Cranach geforderte Errichtung einer Gedenkstätte am BKH Kaufbeuren sei bereits beschlossen und werde zum 150-jährigen Bestehen der Einrichtung im Jahr 2026 umgesetzt. Jehl sprach von einem Thema von großer gesellschaftspolitischer Relevanz, die an Präsenz gewinnen müsste. Umso wichtiger sei die Fortsetzung des Museums-Projekts.

Einbindung junger Menschen

Positiv fielen auch die Reaktionen aus dem Publikum aus: Das „Museum als kulturpolitischer Ort“ biete einen offenen Raum für Diskussionen in der Stadtbevölkerung, wie an einer Stelle zu hören war. Einige betonten die Wichtigkeit, an junge Menschen heranzukommen, sie vor allem auf emotionaler Ebene zu erreichen und ihre Sichtweisen mit einzubeziehen. Auf diese Weise könne präventiv gehandelt werden, damit sich junge Menschen nicht unreflektiert in sozialen Netzwerken bewegen und zu „Opfer von radikalen Gruppen“ werden. Auch für Pellengahr ist es wichtig, die individuellen Reaktionen junger Leute mitzunehmen und sich hinsichtlich des partizipativen Projekts die Frage zu stellen: „Was erwarten sie von der Ausstellung? Was wollen sie antreffen?“. Genügend Zündstoff bietet die Ausstellung allemal, um das außergewöhnliche Projekt auch künftig mit kreativen Ideen weiterzudenken.

Mahi Kola

Die Expertenrunde:

"Prof. Dr. Michael von Cranach, ehem. Ärztlicher Direktor BKH

"Dr. Rainer Jehl, Freundeskreis Kaufbeurer Stadtmuseum e.V.

"Dr. Astrid Pellengahr, Direktorin Landesmuseum Württemberg

"Dr. Alexander Schmidt, Kurator Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg

"Dr. Benigna Schönhagen, ehem. Direktorin Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben, Dozentin Universität Tübingen

"Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

"Johanna Wensch, Wissenschaftliche Referentin „Topographie des Terrors“, Gutachten Stadtmuseum Kaufbeuren/Dauerausstellung NS-Zeit

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Coronabank“: Rentner aus Biessenhofen fängt an zu basteln
„Coronabank“: Rentner aus Biessenhofen fängt an zu basteln
Adieu altes Eisstadion: Entkernungsarbeiten starten am Montag
Adieu altes Eisstadion: Entkernungsarbeiten starten am Montag
Zweifach-Turnhalle am Jakob-Brucker-Gymnasium soll saniert werden
Zweifach-Turnhalle am Jakob-Brucker-Gymnasium soll saniert werden
Kaufbeurer Stadtrat ebnet Weg für geplantes Gewerbegebiet im Hart
Kaufbeurer Stadtrat ebnet Weg für geplantes Gewerbegebiet im Hart

Kommentare