Podiumsdiskussion:

Alter hat ein schlechtes Image

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Auf dem Podium diskutierten Dr. Bernhard Opolony (Bayerisches Staatsministerium, München, v. li.), Prof. Veronika Schraut (Studiengangsleiterin Hochschule Kempten), Bundestagsabgeordneter Stephan Stracke, Olaf Miklis (Fachbereichsleitung im Pflegekassenverband von Bayern), Sandra Schuhmann (Vorständin im Diakonischen Werk -Bayern) und Thomas Garmatsch, pflegender Angehöriger.

Kaufbeuren – „Werde ich selbstbestimmt leben, wenn ich älter bin?“ Das war die zentrale Frage der Diskussionsveranstaltung im Kolpinghaus. Die Diakonie Kempten Allgäu hatte Referenten und Podiumsgäste eingeladen, um das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Bezirksstellenleiterin Indra Baier-Müller forderte angesichts der steigenden Zahlen an Pflegebedürftigen: „Wir brauchen Pflegepersonal in ausreichender Zahl“. Thomas Öller moderierte drei Impulsvorträge und leitete die Podiumsdiskussion.

Christian Rindsfüßer vom Prognose-Institut SAGS lieferte Zahlenmaterial für zukünftige Überlegungen. „Im südlichen Allgäu leben derzeit zehn Prozent mehr 60- bis 80-Jährige als im bayerischen Durchschnitt, besonders in den Tourismusgebieten“, erklärt Rindsfüßer, was sich auf die pflegerische Versorgung auswirke. In den nächsten 15 Jahren werde es einen Zuwachs an Leistungsempfängern aus der Pflegeversicherung um 30 Prozent geben. Das bedeute einen entsprechend steigenden Personalbedarf von Pflegekräften um 37 Prozent, im Oberallgäu sogar um 42 Prozent. Weiterhin verwies er auf einen Anstieg der Demenzkranken um 78 Prozent von 2007 bis 2015. „Und die Quote wird zunehmen“, meinte Rindsfüßer.

Wolfgang Neumeier arbeitet eigentlich in der Behindertenhilfe, sah aber für seinen Vortrag „Was ist Selbstbestimmung“ viele Parallelen bei der Arbeit mit Senioren. Ziel müsse sein, den Willen herauszuarbeiten und die Fähigkeiten zur Selbständigkeit müssten entwickelt und erhalten werden. Allerdings müsse auch eine Balance zwischen Individualität und sozialem Verhalten erreicht werden. Leidenschaftlich plädierte er für ein Umdenken in der Gesellschaft, um „die Angst davor zu nehmen, was im Alter sein wird“.

Renate Backhaus von der Diakonie Bayern startete unter den Zuhörern eine Umfrage zum Image der Pflege. 95 Prozent der Zuhörer fanden das Image der Pflege in der Öffentlichkeit eher negativ und würden mithelfen wollen, das Image zu verbessern. 70 Prozent würden jetzt schon daran arbeiten. Sie forderte mehr Zeit, mehr mitarbeitende Fachlichkeit und mehr Geld für die Refinanzierung der Pflegekasse. Man diskutiere derzeit EU-einheitliche Ausbildungen und auch Vergütungen für pflegende Angehörige. Der Einsatz osteuropäischer Pflegekräfte scheitere öfters an der unterschiedlichen Sprache und Kultur. „Außerdem ziehen wir ihrem Land selbst die notwendigen Kräfte ab“, sagte Backhaus abschließend.

Hier konnte vom Podium die Professorin Dr. Veronika Schraut ergänzen: „ Mit 30 Studienplätzen starten wir im Herbst an der Hochschule Kempten, um Fachexpertise zu erreichen“. Akademische Pflegekräfte müssten dann erst an Schlüsselpositionen kommen, weshalb die Veränderung nur langsam vor sich gehen werde. Auch Bundestagsabgeordneter Stephan Stracke ergänzte: „Wir stehen am Anfang, wie wir diese neue Perspektive der akademischen Pflege umsetzen“.

In der anschließenden Diskussion forderte Gerhard Heiligensetzer, Leiter des Diakonievereins in Kaufbeuren, unter Beifall der Zuhörer, das freiwillige soziale Jahr wieder einzuführen. Thomas Garmatsch, Leiter der Kulturwerkstatt und als Vertreter von Angehörigen auf dem Podium, meinte, die Altenhilfe müsse in die Mitte der Gesellschaft gerückt werden und dürfe nicht an den Rand geschoben bleiben. Olaf Miklis vom Pflegekassenverband mahnte an, dass alles finanzierbar bleiben und an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet sein müsse. Dr. Bernhard Opolony vom Bayerischen Staatsministerium stellte klar, dass der Personalschlüssel für das Pflegepersonal nicht vom Ministerium festgelegt werde. In der Diskussion ergaben sich dann doch bei vielen Redebeiträgen eine Diskrepanz zwischen Politik und Realität: „Alter hat ein schlechtes Image“.

von Wolfgang Krusche

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