Protestantische Hinterglasmalerei: Buch und Ausstellung in Kaufbeuren machen Kunsthandwerk lebendig

Tiefgreifender Hintergrund

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Sichtlich zufriedene Gesichter über das Buch bei Elisabeth Bauer (v. li.), Dr. Stefan Dieter, Petra Weber, Susanne Sagner, Dr. Barbara Rajkay, Wolfgang Sauter, Dr. Astrid Pellengahr und Josef Bauer.

Kaufbeuren – Das Stadtmuseum in Kaufbeuren ist immer einen Besuch wert. Am Vorabend zum Reformationstag war es dies in besonderer Weise: Heimatverein Kaufbeuren, Stadtarchiv und die historische Einrichtung selbst hatten als Herausgeber zur Präsentation des 18. Bands der Kaufbeurer Schriftenreihe eingeladen. „Die protestantische Hinterglasmalerei des Stadtmuseums Kaufbeuren“ ist der richtungsweisende Titel.

Die Gedächtniszeit zur Reformation war ein passend gewählter Zeitpunkt, und auch der Raum der derzeitigen Sonderausstellung „Bekenntnisse aus Glas“ bot ein stimmungsvolles Ambiente für die Buchvorstellung, da hier fast hundert Glasmalereien bis Anfang Februar ausgestellt werden. Dies galt auch für die barocke Musik – zweimal Händel, zweimal Bach –, die in den Beitragspausen auf bezaubernd-anmutige Weise von Tiny Schmauch auf dem Kontrabass und Astrid Bauer auf der Querflöte zu Gehör gebracht wurde.

Petra Weber richtete als Leiterin des Museums eine Gruß- und Dankesrede an die Vertreter des Stadtrats unter Führung von Oberbürgermeister Stefan Bosse und Bürgermeister Gerhard Bucher, sowie an die vielen unterstützenden Hände des Heimatvereins und nicht zuletzt an die am Thema interessierten Gäste.

OB Bosse stellte sich darauf gleich in den Dienst der inhaltlichen Vorstellung, gab erste Hintergrundinformationen, wie die Wertachstadt neben Augsburg, Murnau, Seehausen und Oberammergau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum Zentrum dieses Produktionsverfahrens emporstieg. Fachkundig erklärte er, welches künstlerische und handwerkliche Können es bedurfte, ein solches Bild zu schaffen, weil die Farbe auf der Rückseite des Glases seitenverkehrt aufgetragen werden musste.

Damit war die inhaltliche Darstellung des Buches eingeleitet, die Weber und Mitherausgeberin Susanne Sagner konzentriert, informativ und sprachlich anspruchsvoll im gekonnten Wechsel übernahmen.

Ein inhaltlicher Ein- und Überblick

Das Buch lässt sich entsprechend ihrer übersichtsartigen Darstellung in zwei Hauptteile gliedern: Die ersten 70 Seiten konzentrieren sich auf fünf wissenschaftlich-historische Beiträge, während die zweihundert übrigen Seiten eine Art reich bebilderten Katalog bieten. Dieser ist wiederum nach Art der Motive in vier Kapitel aufgeteilt. Dem wissenschaftlich gehobenen Anspruch werden auch ein angehängtes ausführliches Literaturverzeichnis und ein Bildnachweis gerecht.

Zurück zum inhaltlichen Teil: Damit der Leser die Bilder auch in ihrem geschichtlichem Entstehungsrahmen richtig einzuordnen vermag, stellt die Historikerin Dr. Barbara Rajkay im Anfangskapitel dar, warum gerade Kaufbeuren sich in dieser Epoche zu einem Zentrum der protestantischen Hintergrundmalerei entwickelte.

Was es bei diesen Bildern der volkstümlichen Frömmigkeit in Kaufbeuren Auffallendes gibt, erklärt Simone Bretz im anschließenden Kapitel. Als Hinterglas-Restauratorin stellt sie zudem bei den teilweise erheblich beschädigten Bildern die notwendigen Restaurierungsmaßnahmen dar.

Die Namen Johann Jakob Rumpelt und Johann Mathias Bauhoff, beide Hintergrundmaler des späten 18. Jahrhunderts, seien stellvertretend für den Artikel von Astrid Pellengahr genannt, die vielen noch als ehemalige Leiterin des Museums bekannt sein dürfte. Die genannten Männer verstanden sich bei der seriellen Produktion dieser Bilder als Handwerker, die versuchten, der steigenden Nachfrage der vorwiegend protestantischen Bevölkerung im Nebenerwerb gerecht zu werden.

Kunsthistorikerin Susanne Sagner legte mit Hilfe des Overheadprojektors die wesentlichen Stil­elemente der Kaufbeurer Werke dar. Den Abschluss machte Museumsleiterin Petra Weber selbst, indem sie sich auf den Vergleich von verschiedenen Hinterglas-Kalendern konzentrierte, die zur damaligen Zeit sehr in Mode waren.

Katalog und Hinterglas-Bilderbuch

Im Katalogteil wird dann in Wort und Bild auf die Kaufbeu­rer Sammlung detailliert eingegangen. Nehmen wir wegen seines typisch protestantischem Inhalts als Beispiel die Darstellung „Kreuzigung mit Gustav II Adolph und Luther“ von Rumpelt. Neben einem ganzseitigen farbigen Abdruck des Bildes findet sich auf der gegenüberliegenden Seite eine kurze thematische Hinführung, eine anschauliche Beschreibung des Bildes. Hinzu kommen hier Vergleichsbeispiele zu andern Bildern der Sammlung, und bei andern Motiven findet sich eine detaillierte stilistische Einordnung. Es folgt noch ein kurzer Hinweis, dass es sich um ein „Bekenntnisbild zur Reinen Lehre Christi“ handelt.

Kurz: Ein empfehlenswertes, technisch schön gemachtes und informatives Buch und eine beeindruckende, nachhaltige Präsentation. Mit einem Glas Sekt in der Hand konnten die zufriedenen Besucher im Anschluss diskutierend und plaudernd die ausgestellten Werke betrachten. Das Wiederkommen ist für die meisten gewiss, denn ein Besuch ist für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kaufbeurer Kunsthandwerk bestimmt zu wenig.

von Peter Suska-Zerbes

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