Mann soll zwei Buben missbraucht haben

Prozessauftakt: Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs

Angeklagter Mann vor Gericht
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Der Angeklagte schwieg zu Prozessbeginn zu den Vorwürfen. Er wollte nicht fotografiert werden und hielt sich deshalb zum Schutz einen Briefumschlag vor das Gesicht.

Marktoberdorf/Kempten – Wegen schweren sexuellen Missbrauchs an zwei kleinen Buben im Alter von acht und elf Jahren muss sich ein aus Syrien stammender 37-jähriger Mann vor dem Landgericht Kempten verantworten. Der Angeklagte soll sich über einen Zeitraum von acht Monaten an den Geschwistern in Marktoberdorf vergangen haben. Am Dienstag begann vor dem Landgericht Kempten der Prozess gegen den 37-Jährigen, dem die Staatsanwaltschaft in mindestens sieben Fällen schweren sexuellen Missbrauch mit Tateinheit Vergewaltigung an Minderjährigen vorwirft. Der Angeklagte schwieg zu Prozessbeginn zu den Vorwürfen. Zum Schutz vor den Fotografen hielt er sich einen Briefumschlag vor das Gesicht. 

Die Familie des Angeklagten und die Familie der betroffenen Kinder, die auch aus Syrien stammte, kannten sich aus der Asylbewerberunterkunft in Marktoberdorf. Sie trafen sich regelmäßig zum gemeinsamen Essen und zu Ausflügen. Auch die Kinder der beiden Familien waren befreundet, spielten zusammen und gingen gemeinsam zum Fußballtraining. Irgendwann in den Sommerferien 2019 soll der Angeklagte begonnen haben, die beiden Buben der befreundeten Familie zu bedrängen und sexuell zu missbrauchen, so die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Der Angeklagte befand sich allein mit dem elfjährigen Jungen in deren Wohnung, so die Anklageschrift. Er soll das Kind gedrängt haben mit ihm in die Toilette zu gehen, um es zu vergewaltigen. Doch es soll nicht bei dem einen Mal geblieben sein. Bis März 2020 soll der Beklagte unterschiedliche Zusammenkünfte genutzt haben, um die beiden Kinder zu missbrauchen, wie etwa in der Turnhalle beim Fußballtraining, beim gemeinsamen Essen der Familien, in der Asylbewerberunterkunft und auch bei einem Besuch in dem neuen Haus der Familie der beiden Brüder. So soll der 37-jährige Beklagte im März 2020 die Mutter der missbrauchten Kinder beim Einkauf getroffen und ihr dann die Lebensmittel mit dem Fahrrad nach Hause gebracht haben. Auf sein mehrmaliges Klingeln an der Wohnungstür sollen ihm die Kinder nicht geöffnet haben, worauf er dann über die offene Terrassentür in das Wohnhaus gelangt sei, so die Ausführungen der Staatsanwaltschaft. Er soll den Älteren der beiden Brüder mit dem Wunsch, dessen Hausaufgaben sehen zu wollen, in das Obergeschoss des Hauses gelockt und ihn dann in der Toilette vergewaltigt haben.

Aussagen der Kinder auf Video

Zur Hauptverhandlung vor dem Landgericht Kempten waren zahlreiche Zeugen geladen. Auch die Video-Aufnahmen der Aussagen der missbrauchten Kinder wurden während des Prozesses gezeigt, um den Brüdern eine persönliche Aussage vor Gericht zu ersparen, erklärte die ermittelnde Hauptkommissarin. Der Elfjährige berichtete, dass der ,Onkel‘ ihn immer wieder mit irgendwelchen Aussagen gelockt habe und er sei darauf hereingefallen. Der Bekannte habe ihn in die Toilette gedrängt und „sowas gemacht“. Er habe versucht, sich vor ihm zu verstecken, unter dem Bett oder im Schrank, aber der ,Onkel‘ habe ihn meistens gefunden. Auch habe er versucht zu schreien, aber der Mann habe ihm den Mund gehalten und an den Ohren gezogen. Er fand es komisch, erzählte der Elfjährige, das der ,Onkel‘ auf den Koran geschworen habe, er hätte nichts gemacht. „Warum ist er nicht von Gott bestraft worden?“

Auf die Frage der Hauptkommissarin, ob er schon mal gelogen habe, erwiderte der Junge: „Ich sage immer die Wahrheit. Ich erfinde nichts“. Der Bub erzählte, er habe versucht, die Geschehnisse seiner Mutter zu erzählen, aber sie spreche sehr schlecht deutsch und habe es nicht verstanden. „Ich habe es erst nicht verstanden und dann meine Tochter gerufen“, übersetze ein Dolmetscher die Aussage der Mutter vor Gericht. „Ihr lügt, sowas macht er nicht“, habe sie zu den Kindern gesagt. Auch ihr Ehemann sei erst einmal wütend auf die Kinder gewesen. „Ich hol ihn und werde ihn vor euch fragen“, schilderte er die damalige Situation, die der beisitzende Dolmetscher aus dem Kurdischen übersetzte. Doch der Angeklagte beteuerte, er habe nichts gemacht, schilderte der Vater der Buben die Zusammenkunft. Der Bekannte habe sogar die Hand auf den Koran gelegt. Er sei ratlos gewesen, so der Vater. „Mein Freund hat immer gesagt, wir sind wie zwei Brüder“.

Kinder klagen über Schmerzen

Die Mutter der Kinder habe Rat bei ihrer Freundin gesucht und ihr erzählt, dass ihre Söhne über Schmerzen am Po beim Duschen klagten und den Freund der Familie beschuldigten. Die Freundin sagte aus: „Ich hatte keine andere Wahl, als zur Polizei zu gehen“.

Der Beschuldigte kann sich die Vorwürfe nicht erklären, so seine Aussage gegenüber dem Sachverständigen für Psychiatrie vom Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren (BKH). Es sei eine Intrige. Die Mutter habe die Kinder beeinflusst, dies zu sagen. Sie habe ihm Avancen gemacht, die er abgelehnt habe, so der 37-Jährige. Seiner Meinung nach seien Eifersucht und Zurückweisung die Gründe für die schwerwiegende Beschuldigung. Er würde nie etwas zugeben, was er nicht gemacht habe, auch wenn sich dadurch die Strafe reduzieren würde, betonte der Angeklagte während der Anamnese im BKH Kaufbeuren.

Wer sagt die Wahrheit?

Auch der neunjährige Sohn des 37-jährigen Mannes zeigte sich im Zeugenstand überzeugt, dass es sein Vater nicht gewesen sein könne. „Mein Vater ist nett und nicht böse, er macht sowas nicht“. Der Junge erzählte vor Gericht, dass ihm die beiden Brüder erzählt hätten, ihre Mutter habe ihnen befohlen, zu sagen, dass es sein Papa war.

Für die Anwältin der Verteidigung seien die Aussagen der missbrauchten Kinder nicht glaubwürdig. Es gebe zahlreiche Diskrepanzen, widersprüchliche Angaben zu Zeitpunkten, sowie erhebliche Verständnis- und Sprachprobleme bei den Kindern und innerhalb der Familie. Die Hauptkommissarin dagegen sprach von einer guten Verständigung mit den Brüdern während der Videoaufnahme. Sie habe den Eindruck gehabt, die Kinder verstehen die Fragen und konnten gut auf Deutsch antworten. Der Achtjährige habe eher zurückhaltend und leise gesprochen, aber verständlich.

Den Kindern gehe es wieder besser, erzählte die Mutter auf Nachfrage des Gerichts. Ihr elfjähriger Sohn habe die Geschehnisse ganz gut verarbeitet. Nur der Kleinere sei in sich gekehrt und weine, wenn er gefragt werde, auch wenn es sich nur um Hausaufgaben handle.

Ein Urteil vor dem Landgericht Kempten soll am heutigen Donnerstagnachmittag gefällt werden. Der Kreisbote wird davon berichten.

Christine Reder

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