Acht Bühnen, acht Stücke, ein Museum

Theater to go: Querschnitt durch Kaufbeurens Theaterlandschaften

Theater to Go 2021 Kaufbeuren
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Das Eingericht mit Klosterfrauen im Pferdeschlitten (um 1900) inspirierte Theater Spot e. V. zu Gedanken über mehr oder weniger klösterliche Chorgesänge (O happy Days) bis hin zu fleischfarbenen Ganzkörper-Kondomen und Regenbogen-Schals – denn „vor Gott sind wir alle nackt“.

Kaufbeuren – In der Altstadt brummte am Freitag und Samstag vergangener Woche der Bär. Und das nicht nur, wegen des wunderbaren Wetters (zumindest am Freitagabend) und weil man endlich wieder durfte, sondern auch wegen der dritten Auflage von Theater to go, dieses Jahr als reine Open-Air-Veranstaltung, die am Samstag auch bei Regen stattfand. Das mussten die Samstagsbesucher zu ihrem Leidwesen erfahren.

Jedoch selbst der Regen tat der Begeisterung über die hervorragende Organisation keinen Abbruch und es wurde vielfach sowohl von Spielern als auch aus dem Publikum geäußert, dass man dieses Format ruhig auch künftig – ohne die Pandemie-Notwendigkeiten – für Theater to go beibehalten könne: Eine feste Einteilung in acht 30-köpfige, von unterschiedlichen Startpunkten ausgehende Gruppen (übrigens an beiden Tagen ausverkauft), die getaktet von Kulturwerkstatt-Mitgliedern von Station zu Station geführt wurden. Das erfüllte zum einen die Corona-Auflagen, gewährte aber außerdem den Theaterleuten geordnete Abläufe ohne Gedrängel oder Leerlauf. Theater to go stand ganz im Zeichen von „Wunschkonzert“, der aktuellen Sonderausstellung des Stadtmuseums: Die teilnehmenden Theater- und Musikgruppen haben sich von je einem Objekt der Ausstellung zu einer Geschichte anregen lassen und diese an ungewöhnlichen Orten der Altstadt inszeniert.

Die Moskitos hatten im Durchgang zum Rotarier-Innenhof zigmal das Portrait der Katharina-Barbara Apin aufgehängt und die Besucher um Interpretation des Gesichtsausdrucks gebeten

Maria Schweiger und Dr. Rochus Höhne vom Theater Kaufbeuren hatten wegen der Aufbahrung von Alt-OB Rudi Krause in der Martinskirche vom Kirchplatz in den nicht minder atmosphärischen Innenhof des Hörmann-Hauses umziehen müssen. Dort stellten sie in unnachahmlich unterhaltsamer Weise anhand eines Wildschweinfuß-Briefbeschwerers (um 1900) von Ludwig Ganghofer das vielseitige Leben und Wirken des Bestseller-Autors, Entertainers seiner Zeit und leidenschaftlichen Jägers vor, der nur in seinen allerersten Kinderjahren „ein Sohn der Stadt“ war.

Im apart dekorierten Museumsgarten.

Im DeCrignis Innenhof war eine geheimnisvolle überdimensionale hölzerne „Semmel mit Innenleben“ (zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts) zu sehen, auf deren Rückseite sich ein Schieber öffnen lässt. Dahinter ist eine Szene unter Glas eingerichtet mit einem Mann, der vor einem Tisch mit einem Becher steht. Die Bedeutung des Stücks ist bislang rätselhaft. Karl Köberle und das Ensemble vom Neugablonzer Theater im Turm boten gleich mehrere valentineske Lösungen an

Das bewährte Aufbruch-Umbruch-Duo Schorsch-Stauder und Herbert Stumpe.

Zum Brüderleinskrug hatte sich Aufbruch Umbruch etwas einfallen lassen. Die Auflösung, wie man aus diesem Scherzgefäß unbekleckert trinken kann, blieben sie allerdings schuldig - der Vorschlag mit dem zwei Meter langen Strohhalm konnte nicht wirklich überzeugen. Vielmehr besang das bewährte Duo Herbert Stumpe (schrill und ordinär) und Schorsch Stauder (punkig, aber eher lieb) im Innenhof der Stadtapotheke als „Mutter Schulze und der Mühlbachbrunzer“ im Lied vom „Bodensee“ das Drama, „wenn ich im Krug den Boden seh‘“. Moderiert wurden die beiden von Jürgen Richter als Prager Radio-Journalist.

Im Spielberger Hof gab es Kasperletheater: Der Puppenspielverein interpretierte die Geschichte vom Hundehalsband aus dem 18. Jahrhundert, das angeblich dem Hund Tyras des Wilderers und „gerechten Räubers“, Matthias Klostermayr (1736–1771), genannt der „Bayerische Hiasl“, gehört haben soll. Der Kasperl (Katrin Keetman) fand das magische Hundehalsband, mit dessen Hilfe der Räuber (Sepp Eichhorn) mit seinem Hund (ebenfalls Eichhorn) sprechen kann. Kasperl gab dem der Räuber das Halsband erst zurück, als der versprach, künftig auf die kostbaren Stücke des Puppentheaters aufzupassen, anstatt sie stehlen zu wollen.

Der Räuber bekam das magische Halsband erst zurück, nachdem er sich bereit erklärt hatte, im Puppentheater Nachtwächter zu werden.

Die Moskitos (JBG) hatten sich unter der Regie von Buddi Fritsch vom großäugigen Kinderbild der Katharina Barbara Apin (1725-1731) inspirieren lassen. Im Rotarier-Innenhof stellten sie pantomimisch das kurze Leben des Kindes dar, eine Schwester des Färbers Christoph Jakob Apin, die mit sechs Jahren an den Blattern (Pocken) starb. Zuvor hatten die Moskitos im Durchgang zum Innenhof die Zuschauer um eine Strichliste gebeten, welchen Ausdruck das Kinderportrait wiedergebe: Neugierde? Angst? Vorfreude? Erwartung? Naivität?

Dr. Rochus Höhne als jagdbegeisterter Ludwig Ganghofer.

Dem auf dem Blechschild aus dem 19. Jahrhundert „Hier herrschen Blattern“ angesprochenen, sehr aktuellen Thema widmeten sich Tiny Schmauch & Band im stimmungsvollen Museumsgarten. Tiny Schmauch (Kontrabass), Masako Satai (Klavier) und Niklas Rehle (Gitarre) brachten unter dem Titel „Blatter Splatter“ mal dramatisch-düster, mal hoffnungsvoll-sanft, mal trotzig-lebensfroh alle Facetten des Jazz zum Klingen.

Wegen des sommerlich üppigen Bewuchses im Klosterberggarten war die Szene, die sich Theater Spot e.V. zum „Eingericht mit Klosterfrauen im Pferdeschlitten um 1900“ überlegt hatte, nicht ganz einfach zu verfolgen: Ein Nonnenchor machte sich mit Klassiker-Versatzstücken Gedanken über Sinn, Glaube und Gott, unter anderem mit Goethes Gretchenfrage „Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion?“ Quintessenz war die Erkenntnis: Am Ende stehen wir alle nackt vor unserem Schöpfer. Oder vor wem auch immer.

Aggenstein, die Vokalgruppe der Kulturwerkstatt, gab „Bauernrausch“ sowie andere Moritaten und Küchenlieder zum Besten.

Die Vokalgruppe Aggenstein der Kulturwerkstatt gaben am Obstmarkt Moritaten und Küchenlieder zum Besten. Dazwischen wurde vor der projizierten Lithografie „Bauernrausch“ von E. Ling aus Ulm (Mitte des 19. Jahrhunderts) der abenteuerliche Heimweg eines bezechten Bäuerleins gespielt, den mitleidige Schmiedegesellen in die Hammerschmiede gebracht hatten, um ihn vor dem Erfrierungstod auf der nächtlichen Straße zu bewahren. Der Bauer hält im Rausch die lodernden Essen für das Höllenfeuer und gelobt nach seinem Entkommen aus der „Hölle“, dem Alkohol zu entsagen.

Ingrid Zasche

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