Nationalsozialismus heute bekämpfen

Reichspogromnacht 1938: Teilnehmer gedenken in Steinholz den Opfern des Nazi-Regimes

Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht
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DGB-Vorsitzender Paul Meichelböck (v. li.) und Gedenkredner Leo Hiemer richten bei Fackelschein ihre Worte an alle Teilnehmer und Gäste der Gedenkveranstaltung.

Steinholz/Kaufbeuren – Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), Ortskartell Kaufbeuren, gedachte am vergangenen Montag an die Ausschreitungen des NS-Regimes in der Reichspogromnacht vor 82 Jahren. Mit nachdenklich stimmenden Wortbeiträgen erinnerten die Organisatoren an die Auswirkungen dieser Nacht und die daraus entstandenen Gräueltaten.

Rund 50 Teilnehmer begaben sich mit Fackeln auf den Weg zum Steinholzer KZ-Friedhof. Sie suchten den Ort auf, an welchem 472 jüdischen Häftlinge unmenschliche Qualen erleiden mussten. Der Initiator und Organisator der jährlichen Gedenkveranstaltung Paul Meichelböck, Vorsitzender des DGB Ortskartells, begrüßte an diesem Abend die Kaufbeurer Bundestags­abgeordnete Susanne Ferschl (Die Linke), den Landtagsabgeordneten Bernhard Pohl (FW), die Mitveranstalter von Amnesty International, den Arbeitskreis Asyl, Mitglieder des Bündnisses für Flüchtlinge und der Kaufbeurer Initiative für Frieden Internationalen Ausgleich und Sicherheit und auch die Stadträte Pascal Lechler (SPD), Christoph Gänsheimer (Die Linke) sowie Martin Valdés-Stauber (SPD), der in Vertretung von Oberbürgermeister Stefan Bosse gekommen war. Erfreut zeigte sich Meichelböck darüber, dass er den Autor, Regisseur und Filmproduzenten Leo Hiemer für die Gedenkrede gewinnen konnte.

Die Nacht des 9. Novembers 1938 habe die Unmenschlichkeit des Naziregimes bereits unverblümt offenbart, sagte Meichelböck. Ein solches Ereignis solle sich niemals mehr wiederholen. Der DGB-Vorsitzende fuhr mit einem Blick in die Gegenwart fort: „Das Handeln der EU und ihrer Mitgliedsländer treibt mir heute allerdings die Schamesröte ins Gesicht. An allen ihren Grenzen wird derzeit gegen die Flüchtlingskonvention verstoßen“. Unsere Werte würden in Moria, an den europäischen Grenzen und im Mittelmeer mit Füßen getreten. „Das Schicksal dieser Menschen ist für mich Anlass und Beweggrund heute hier mit euch zusammen zu stehen und für Frieden und die Achtung vor jedem Leben zu kämpfen“.

„Erinnern darf nicht zum beruhigenden Ritual werden. Erinnerungsarbeit muss Arbeit an der Offenen Gesellschaft sein“, forderte der Kaufbeurer Stadtrat und Beauftragter für Offene Gesellschaft Valdés-Stauber die Anwesenden auf. Die Bürger sollen sich darum bemühen, „dass sich die gewaltvolle deutsche Vergangenheit nicht wiederholt“. Die Reichspogromnacht bleibe, so Susanne Ferschl, eine Nacht der Schande. Dieses Datum sei der Beginn von Verfolgung und Vernichtung von Minderheiten und Andersdenkenden gewesen. „Mit unserem heutigen Wissen muss eine Verantwortung für die Zukunft unseres Landes erwachsen“, sagte Ferschl.

Leo Hiemer, Autor von „Gabi (1937–1943) – Geboren im Allgäu – Ermordet in Auschwitz“, einen Buch über das Schicksal der von Nazis getöteten Gabriele Schwarz, berichtete, dass das „Lager Steinholz“ eine Außenstelle des berüchtigten Konzentrationslagers Dachau war. „Hier in Steinholz wurden Zwangsarbeiter aus verschiedenen Nationen, hauptsächlich Juden aus Polen und Ungarn, unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Arbeit für die deutsche Rüstungsindustrie gezwungen. 472 Häftlinge sind hier nicht verstorben, sondern buchstäblich krepiert“, sagte Hiemer unverblümt. Schließlich ging der Autor in seiner bewegenden Ansprache auf die tragische Geschichte des Mädchens Gabi ein. Damit nannte er nur eines von unzähligen Einzelschicksalen, welche die Unmenschlichkeit dieses Regimes zu spüren bekamen. „Lassen Sie uns still aller Menschen gedenken, die hier in Steinholz tiefes Leid erfahren, die hier in der Fremde sterben mussten und lassen Sie uns versprechen, dass wir alles dafür tun wollen, um wenigstens die Kinder vor Verfolgung zu schützen und die offenen und versteckten Nationalsozialisten von heute zu bekämpfen, wo wir nur können“, beendete Hiemer seine Gedenkrede.

Digitale Ausstellung

Die Ausstellung „Geliebte Gabi“ ist ab 14. Dezember in der ehemaligen Synagoge in Fellheim zu sehen. Im Internet gibt es diese in digitaler Form zu besuchen. Alle Informationen dazu finden sich online unter www.geliebtegabi.de.

von Jürgen Wischhöfer

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